Jennifer Clement. Gebete für die Vermissten.

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Der Titel brachte mich dazu, dieses Buch zu greifen. Nur den Titel und das Cover sehend dachte ich erst es stecke eine leichtere Story dahinter.

Es geht um Ladydi. Sie lebt in einem Bergdorf in Mexiko umgeben von Mais-und Mohnfeldern. Männer existieren kaum, da sie fortgingen oder starben. Es ist ein Dorf einem Kaninchenbau gleich in dem Mädchen hässlich gemacht oder als Jungs verkleidet werden. Hässlichkeit überlebt. Es sind Frauen, die Gewalt und Verachtung erleben müssen.

Entführungen sind eine große Gefahr und die Drogendealer, sowie Menschenhändler scheinen wie penetrante fiese Dauerbegleiter zu sein. Eine weiblichen Geschlechts verachtende triste, erschlagende Gegend. In dem die alkoholkranke Mutter Ladydis auch keine Hilfe ist. Aber Ladydi hat Träume von einer besseren Welt und besseren Lebensumständen. Die Fänge der Ungerechtigkeit und das Netz, welches über das Land geworfen wurde und sie alle hinein gefallen sind begegnen ihr auch dort.

„Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter.“

Bei diesem Buch braucht es das gewohnte Einlesen nicht. Der erste Satz bedeutet, dass Hineinspringen in die Missstände Mexikos und damit in Ladydis Leben. Ich war gefesselt, erschüttert, verschreckt und beeindruckt von diesem Buch.

Die Autorin Jennifer Clement hat jahrelang selbst Recherche betrieben. (Siehe Link) Sie lebte dort und stellte den Mädchen, jungen Frauen viele Fragen. Sie blickte dahinter.

Zwischendurch bin ich geschockt, welche Lebensumstände diese Menschen haben. Es ist bedrückend und beim Lesen gibt es einen dunklen Schleier, der sich um alles legt. Ein Mitgefühl, dem sich kaum jemand entziehen kann.
Ich schlucke, als ich lese, das Flugzeuge Gift über das Dorf abwerfen. Denn die Drogenplantagen sollen nicht getroffen werden. Doch dies bedeutet kein Gewinn. Die Menschen leiden und für Ladydi bedeutet es den Verlust einer Freundin. Das Leben meint es mit dem Menschen dort nicht gut. Bitter ist dort der Lebensgeschmack.

Ich mag den Schreibstil von Jennifer Clement. Er hat diese absolute Ehrlichkeit, etwas Unterdrücktes und diese Form der Einfachheit sowie Gleichgültigkeit. Alles gelegentlich mit knappen guten poetischen Sätzen oder kurz gehaltenen Humor.

Wenn Ladydi erzählt kommt es geradewegs heraus. So und nicht anders. Ein Durcheinander, was später immer klarer wird. Verbundenheit mit der Protagonistin des Romans gibt es für mich nicht, aber ich bin bewegt von der Geschichte. Bisweilen erschrecken mich selbst die Personen darin und ihre dazu gehörigen Charakterzüge.

Die Nüchternheit der Erzählkunst macht die Normalität des ganzen Geschehens deutlich. Denn das Schreckliche ist zur Normalität geworden. Da braucht es nicht immer die schönen schmückenden Worte, wie ich finde und auch nicht die großartigen Menschen mit denen wir uns Zeile für Zeile verbunden fühlen. Das wäre alltäglich, aber das ist es eben nicht. Es ist, wie es ist. Erschütternd und irgendwie nicht mehr lebenswert für die Mädchen und Frauen.

Gebete für die Vermissten ist ein Buch was die tiefe Spur von purer Gewalt und Bitterkeit minderer Lebensumstände hat, aber auch den großen Mut einer jungen Frau und rückblickend darauf einfach Hoffnung.

Ein Buch, das bitter ist und wahrscheinlich üben sich daher leider einige in schlechter Kritik über das Buch, aber das gute Stück Wahrheit in einem verfassten Roman darf jedem zugemutet werden.

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Kurz stelle ich mir die Frage, wie ist so ein Leben auszuhalten?

Dabei sitze ich in meiner Leseecke. Draußen die Stille und alles ist gut. Keine Verachtung, Gewalt oder umherschleichende Drogendealer.

Ich konnte als Kind immer Mädchen sein und nun erwachsen eine Frau ohne Abstriche. Selbst in meiner Liebe zu Frauen gab es keine Abstriche oder Abzüge an Weiblichkeit. Dieses durch und durch Frau sein und dann als Junge verkleidet zu werden macht in der Vorstellung ein großes Unbehagen. Verkleidungen mögen dort ein Schutz sein, aber sie sind Zeichen für ein brutales stehengebliebenes Land und den traurigen Unwert eines weiblichen Geschlechts.

Eine sehr gute und wertfreie Rezension ist bei Büchermuffels Buchnotizen zu finden.

Jennifer Clement. Gebete für die Vermissten. Suhrkamp Verlag. 15. September 2014. 229 S. EUR 19, 95

Christopher Morley. Das Haus der vergessenen Bücher. Das Buch der Bücher über Bücherliebe. Die Vorfreude auf Kai Meyer „Die Seiten der Welt“ Hay on Wye.

Ich bin gerührt.

Manche Bücher ergreifen mich wie eine Umarmung eines lang nicht gesehenen tief vertrauten Freundes.

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Das Buch „Das Haus der vergessenen Bücher“ wirkt selbst nach Tagen noch nach. Eine Freude es gelesen zu haben und dies wird sicher öfters geschehen. Sehr gut, dass es wieder gedruckt wurde.

Am Anfang des Buches in Worten festgehalten, dass Menschen Bücher brauchen, aber viele wissen es nicht. Wie wahr.

Diesmal tauchte ich nicht nur in das Buch. Ich schwamm mit. Nicht nach Brooklyn, aber es war, wie eine Urlaubsreise in eine ganze Bücherstadt.

Ein unfassbar schönes Buch.

Ja das Buch „Das Haus der vergessenen Bücher“ ist, wie der schönste Urlaubskoffer den man zu Hause auspackt und der noch etwas Sand, sowie Sonne aus einer Bücherstadt in sich trägt. Das Blau und Türkis des Meeres. Ähnlich dem Einband des Buches. Alles gemischt mit Literaturliebe aus einer anderen Zeit. Aber diese Bücherliebe ist mit der heutigen Zeit ganz gleich geblieben.

Dieses Buch hat so wundervolle Bilder, die vor den Augen wie entwickelte Urlaubsbilder sind. Fast möchte ich sie malen. Einfach festhalten. Vor meinen Augen sehe ich das Haus in Brooklyn, das sich nach einem Umbau in einen großen Büchertraum verwandelt. In die antiquarische Buchhandlung Parnassus. Ich sehe und spüre fast die endlosen Bücherstapel bis zur Decke und in der Galerie. Die vollen Bücherregale, die sich auch gut neben meinen machen würden. Die Atmosphäre, welche etwas verrucht beschrieben wird. Rauch, gedämmtes Licht weckt in mir trotz Rauch ein absolutes Wohlgefühl beim Lesen.

Für eine Zeit sind der Buchhändler Roger Mifflin, seine Frau und dessen Hund, aber auch Rogers Hilfskraft, ein neuer Freund der Beiden, die vielen Bücher und Mitmenschen wie wunderbare Urlaubsbekanntschaften. Herzlich gern würde ich gerade Roger begegnen. Er, der Bücher so sehr liebt und Werbung für seinen Laden nicht mag. Bücher als Medizin wie Jean Perdu aus „Das Lavendelzimmer“ beschreibt. Roger Mifflin, der für so viele fantastische Buchhändler steht.

Der Autor hat etwas Einzigartiges geschaffen. Die Liebe zu Büchern wurde für mich selten so umwerfend beschrieben. Ein Buch, was eine endlose Liebe zu Büchern in sich trägt. Ich fühle förmlich die Druckerschwärze, den Trubel von Büchern, den Duft der Seiten. Etwas Staub und Spuk. Dazu ein verschwundenes Buch. Ein kleiner Krimi, wundervolle Protagonisten,merkwürdige Kunden, Zitate, Buchtipps, eine kleine Liebesgeschichte, Menschlichkeit und die Geschichte aus den Zwanzigern als der Erste Weltkrieg sich mit Druckerschwärze vermischte.

„Druckerschwärze und Schießpulver liefern sich seit vielen, vielen Jahren einen Wettkampf. Die Druckerschwärze ist in gewisser Weise im Nachteil, denn mit Schießpulver kann man einen Menschen in einer halben Sekunde in die Luft jagen, während man mit einem Buch manchmal zwanzig Jahre dafür braucht. Aber das Schießpulver zerstört sich zusammen mit seinem Opfer selbst, während ein Buch über Jahrhunderte hochexplosiv sein kann.“

Alles verschmilzt zusammen wie eine der besten Zeilen der Welt. Ich bin fast sprachlos, als ich das Buch ausgelesen habe. Mit dem Gefühl den Duft des Antiquariats wahrzunehmen und aufzuatmen neigte sich das Buch schnell dem Ende. Aber von meinen Bücherschätzen, die ich dieses Jahr so entdeckte war, dies eines der größten Schätze und eines der schönsten Urlaube, die mir ein Buch schenken kann.

Wenn jemand Liebe an sich so erklären, so beschreiben könnte wie Christopher Morley die Liebe zu Büchern in diese Buch, dann wären wir alle einen Schritt weiter.

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Ich freue mich die Tage auf das Buch von Kai Meyer „Die Seiten der Welt“

Der Buchduft sättigte die trockene Luft, und wenn ein unerwarteter Windstoß durch die Gänge fuhr, trug er nur die Gerüche der Folianten heran und manchmal ferne Stim- men, die vielleicht einzig in ihrer Phantasie existierten.

Hinterlässt es auch eine Spur in meinem Bücherherz, werde ich sicher darüber berichten.

Am Ende des Buches und der Rezension habe ich Sehnsucht. Wenn der Herbst kommt, schleicht sich zwischen bunten Blättern und dem Blättern schöner Buchseiten, Textseiten immer etwas Reiselust ein. Ein kurzer Gedanke. Haye on Wye. Die älteste Bücherstadt der Welt. Sie ist, wie Christopher Morleys Buch ein wahr gewordener Traum für jeden der pure Bücherliebe spürt. Absolut empfehlenswert.

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Dort gibt es ca. 40 Antiquariate. Die Bücher sind überall. Selbst an Orten, an denen Bücher nicht ganz typisch sind. Bücherliebe hat sicher in diesem Ort ihren Ursprung.

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Christopher Morley. Das Haus der vergessenen Bücher. Atlantik Verlag. 8.September 2014. 18 €

Stephen King. Mr. Mercedes. Eine Lesenacht mit dem Meister des Horrors.

Bestimmte Rezensionen sollten immer kurz nach 0 Uhr reingestellt werden.

Es ist tief in der Nacht als ich einen Buchdeckel eines besonderen Buches schließe. Es ist ganz still. Auf der Straße knirschen Reifen. Ich blicke mit meiner Katze aus dem Fenster… und denke nach. Dabei sehe ich auf den Buchdeckel zurück.

Der Autor meiner in Schrift gefassten Albträume. Der Mann, bei dem ich mich mit Freude Ängsten stellte, da ich sie erlesen konnte. Der Mensch, der mich als Kind in Form eines Besessenen und eines fürchterlichen Clowns begleitete. ES und Shining ließen mich unruhig bis gar nicht schlafen, denn heimlich Horrorfilme schauen war nicht immer gut.

Zu der Zeit wusste ich nicht, dass ich später diesem Autor ein ganzes Regal geben werde. Ich wusste nicht, dass ich in der Zeit als viele den Drogen verfielen, ich seinen Büchern verfiel. Doch ich tat es. Kein Buch ließ ich aus. Seine Romane waren mit anderen die beste Droge und das ebenso Beste niemals andere Drogen zu nehmen. Bis heute hält diese Romansucht an und neben Murakami, T.C.Boyle, Herta Müller, Max Frisch, Wilhelm Genazino, Nina George, Charlotte Link und anderen wundervollen Belletristikbüchern gibt es immer wieder einfach so mittendrin, ein bisschen Stephen King.

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Stephen Edwin King  21.September 1947 in Portland, Maine geboren

Pseudonyme: Richard Bachmann und John Swithen

Über 400 Millionen verkaufte Bücher in über 40 Sprachen

Jedes seiner veröffentlichen Bücher ist in Bestsellerlisten zu finden.

Stephen King hat wieder seine unverkennbare Horrorfeder gezückt. Diesmal mit Mr. Mercedes. Eine neue Trilogie. Eine Menschenmenge. die nach Sekunden nicht mehr dieselbe ist, da ein Mercedes mit Höchstgeschwindigkeit in sie hinein fährt. Gnaden- und gewissenlos.

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Stephen King. Mr. Mercedes. Heyne Verlag. 8. September 2014. 22.99 €

»Wenn ich nicht schreiben würde, wäre ich äußerst gemeingefährlich.« (Stephen King)

/ Wie gut, dass er schreibt und wir seine meisterhaften Romane lesen können. /

Brady Hartsfield ist wieder ein Protagonist, den Stephen King für diesen Roman erschaffen hat. Ein Mensch, der uns alltäglich begegnen kann. Er kann sich durch das Leben winden, ohne je aufzufallen. Doch er ist ein Psychopath, der wütet. Nicht nur innerlich. 

Selbst, wenn die Hinterlassenschaften noch so klein sind, gibt es eine Spur oder winzige Fehler, die ein Täter hinterlässt. Detektive William Hodges folgt diesen kleinen Spuren. Sucht die Puzzleteile, die ein ganzes Bild ergeben müssen. Hodges ist ein Mann, der wie mir scheint etwas ermüdet ist. Melancholisch, raubeinig und dem Alkohol verfallen. Irgendwie der alte Wolf, der etwas umherstreift und denkt außer dem Tod gibt es keinen wirklichen Sinn mehr. Doch er findet seinen Sinn in der Suche nach Brady. Damals, vor Jahren entwischte er.

Der Horror und Tod fährt weiter bei Mr. Mercedes mit. Diesmal mit viel Km/h. Alle Figuren, auch um Hodges sind eine geniale Erfindung. Sie haben richtige Ecken und Kanten, sind nicht perfekt.

Sie wirken wie aus dem Leben gegriffen und wurden mitten in ein Stephen King Buch geworfen. In ein Buch mit der Abscheulichkeit einer wirklich kaputten Seele, einem guten Detektiv, seinen Leuten und einer Verfolgungsjagd aller Stephen King.

Es ist ein Buch, bei dem ich mitfieberte, völlig in die Landschaft und in Orte der Geschehnisse eintauchte, fühlend fast daneben stand. Ich hatte eine Spannung, die mich eine Nacht deutlich weniger schlafen ließ. Alles wirkte so erschütternd echt. An einigen Stellen musste ich kurz schmunzeln und an anderen war ich traurig. An anderen war ich widerum erschrocken und von Anspannung durchzogen. Ich wollte das Brady gefasst wird und das schnell. Gegen Brady habe ich eine riesige Abneigung und umso mehr mag ich Hodges.

Auf die Fortsetzung freue ich mich daher sehr. Dann wieder allen zu begegnen. Egal, ob mit Abneigung oder Wohlgefühl. Denn lesende Begegnungen sind stets die Besten und oft ausreichend. An der Stelle muss ich sagen, dass ich sehr gespannt bin, wie Stephen King daraus drei Teile gemacht hat oder machen wird.

Auch, wenn es Gegenmeinungen gibt, Stephen Kings Handschrift in seinen Wörtern ist auch in Mr. Mercedes unverkennbar. Unverkennbar gute Zeilen über Ängste und in Seelen wühlenden Seiten mit einer Portion Wahn und auf der anderen Seite eine Portion schier normaler Menschlichkeit, sowie Schilderungen, Formulierungen, die nur eben vom Meister des Horrors kommen können. Ich würde seine Bücher ohne Namen von ihm erkennen. In allen zieht er einen Faden durch. Einen Faden, der fest gestickt ist. Unzerreißbar fest. Mr. Mercedes eindeutig ein King!

Ein gutes Buch, aber Vorsicht es ist leider wahnsinnig und unheimlich schnell ausgelesen.

Über den Dächern verschwinden ganz langsam die Wolken der Nacht und ich sitze immer noch mit meinem Laptop und meiner Katze am Fenster, da ist es wieder ein Reifenknirschen, das sich in ein Quietschen verwandelt. Ein Geräusch, wie herunterfahrende kratzende Nägel an einer Tafel. Meine Katze und ich sehen hinaus und folgen den immer weiter wegfahrenden Lichtern. Nein, zum Glück kein Mercedes …

Mein Lieblingsbuch von Stephen King ist „Das Mädchen“ Ein junges Mädchen geht durch einen endlosen Wald. Verliert den Anschluss und der Wald, die Dunkelheit verschlingen sie. Es ist ein Meisterwerk.

Stephen-King-Das-Mädchen-2010Die Leute denken, ich sei ein sehr merkwürdiger Mensch. Das ist aber nicht korrekt. Ich habe das Herz eines kleinen Jungen. Es steht in einem Glas auf meinem Schreibtisch.  (Stephen King)

Stephen King. Das Mädchen. Ullstein Verlag. 304. S. 2- 9.99 €

Alon Hilu. Das Haus der Rajanis. Buchtipp dazu. Andreas Altmann. Verdammtes Land. Eine Reise durch Palästina.

Ein so wundervolles Buch, dass es schade wäre, keine Rezension darüber zu schreiben. Meine Bücherliebe ist sehr groß, aber ab und zu verliebe ich mich für eine Zeit in ein Buch. Das Haus der Rajanis ist so ein Buch. Es begleitete mich in Gedanken mit einem literarischen Kribbeln auf einigen Wegen und in vielen Stunden.  $_72

Dieses Buch war eine goldrichtige Empfehlung, die ich vor einiger Zeit bekam.

Ich lese immer parallel mehrere Bücher und dieses brauchte Zeit. Es ist kein Buch, das in einer Nacht gelesen werden sollte. Es fließt in den Worten und in der Sprache wie ein frischer Honigfluss, wenn es ihn denn geben würde. Doch zwischen einer Geschichte und den Geschehnissen zweier Familien ist es auch einmal gut, eine Pause einzulegen. Ruhe zwischen den Zeilen einziehen zu lassen.  

Einfach die schöne Sprache aufzunehmen und nachzudenken.

Es handelt von einem jungen jüdischen Ehepaar. Isaac Luminsky und seine Frau Esther. Sie reisen ins Land Zion, um dort ein neues Leben zu beginnen. Am Anfang ist lesend eine richtige Freude darüber zu spüren. Aufbruch und Zufriedenheit. Doch es wird schnell klar, dass dies nicht den Tatsachen entspricht. Probleme tauchen auf und selbst als eine Verbindung zu einer anderen Familie den Rajanis vorhanden ist, wird diese von einem baldigen Schatten übermalt. Zuerst freundet sich Isaac mit dem elfjährigen Sohn Salach an, schafft Arbeiter zu dem schönen Anwesen der Rajanis und hat doch einen hintergründigen Plan. Es wird eine Grenze von Isaac mit der Mutter Salachs überschritten, die Salach Rajani auf frischer Tat mit seinen Augen zu sehen bekommt. Aus einer Verbindung wird ein Riss und Hass. Salach verliert sich zusehens darin. Seine Psyche schon vorher mit Wunden betroffen, erhärtet und wird dunkler. Realität und Wahnsinn laufen den selben Weg.

Das Buch ist wirklich ein sehr kluger Roman. Nicht nur in dem Eindringen des Denkens des Jungen, sondern auch in der Geschichte. Die Ursprünglichkeit und genaue Geschichte zwischen Israel und Palästina wird nicht im Detail geschrieben und doch ist alles wie ein roter guter erklärter Faden. In einem Tagebuchstil, aber auch historisch. Die Anfänge der israelischen und palästinischen Konflikte werden mit diesen so eben genannten Familien aufgezeigt. Eine Konfliktgeschichte, die heute hart unterstrichende Wahrheit hat. Der Roman ist politisch und so außergewöhnlich in den Worten, wie eine kleine poetische Reise, dass ich das Buch nur mit ganzem Herzen empfehlen kann.

Es gibt Bücher, die sollten gelesen werden und Bücher wie dieses, das schon irgendwie ein schönes starkes „Muss gelesen werden“ hat.

Buchtipp dazu: Überarbeitete Rezension: Andreas Altmann. Verdammtes Land. Eine Reise durch Palästina.

Alon Hilu. Das Haus des Rajanis. C.H. Beck. 18. Februar 2011. 355 S. 19.95 €

Der wichtige Blick hinter ALLES. Oberflächlichkeitsurfer-Ein Gedicht.

Ich möchte den Blog wahrlich hauptsächlich für Bücher nutzen, aber auch für Gedanken, Gedichte von mir. Die letzte Woche war sehr reich an Literatur, aber auch an Gedanken. Mir begegnen jeden Tag Menschen und ich genieße das, da ich sonst recht still bin und nur einen engen von mir sehr geschätzten Freundeskreis seit Jahren pflege. Doch blicke ich mal hinaus ist manches schön und manches nicht. Gerade in der letzten Woche merkte ich Oberflächlichkeit, die irgendwie im Alltag oder zwischen Büchern und Texten lief. Innerlich schüttelte ich mehr als zweimal meinen Kopf. Es wird nicht gefragt was war? Es werden verurteilende Worte gesagt, die unangemessen und einem Menschen nicht entsprechen. Früher habe ich noch Einspruch erhoben, wenn es Freunde oder mich traf über die Verurteilungen getätigt wurden und Erklärungen gegeben, die dann in gnadenlose Sinnlosigkeit verliefen. Heute schreibe ich und es ist tausendmal besser als verschwendete Worte. Die besten Ohren hören nicht, wenn sie nicht wollen. Ich habe gesehen, wie für viele eine aufgebaute Welt zusammenbrach. Plötzlich schrie die Seele oder eine Krankheit nahm alles fort, wie die Ebbe das Wasser. Für mich bedeuteten diese zwei Einschnitte Jahre, einen erst aufgegebenen Traum und immer noch ein nicht ganz funktionieren. Doch, egal ob in meinem Freundeskreis oder ich selbst es wurde, oft geurteilt ohne zu fragen. Wenn Schicksale, eine Krankheit wie Lupus, Krebs oder auch eine Depression, die unweigerlich dann oft hinzukommt, plötzlich wie ein scharfes Messer ins Leben einen Schnitt machen, dann gibt es die Rundumfunktion nicht mehr. Ich habe Worte gehasst wie „Ach du bist einige Tage zu Hause, da hast du es ja gut.“ Genau über diese Oberflächlichkeitssurfer, oder wie Andreas Altmann sie gern nennt „Dunkelbirnen“, die, die nicht wissen, wie es ist wirklich wieder aufzustehen. Genau über sie, habe ich ein Gedicht verfasst. Denn sie sehen nicht, obwohl sie nicht blind sind. Es mögen harte Begriffe sein, aber sie sind nicht niederschlagend gemeint, aber doch dazu da einmal gesamt! zu betrachten.

Mich rettet das Schreiben und Lesen oft, wenn ich nicht laufen kann, die Gelenke wie eingefroren sind und das ganze Immunsystem zusammenkracht. Manche rettet das Malen, das Reden. Aber vor allem das Mitdenken, tiefer Denken anderer. Mitleid will keiner nur einen kleinen Blick dahinter.

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Oberflächlichkeitssurfer

Surfen auf der kleinen Welle

Ohne Brett auf dem Wasser

Sondern vor dem Kopf

Mit innerlich geschlossen Knopf

Über dem Wasser Unten alles flach

Alles ganz seicht

Ob flach schwimmen reicht?

Ihr Wissen das Nicht-Wissen

Und doch schnell urteilen

Die Tiefe kennen sie nicht

Das gelebte Sonnenscheinkindgesicht

Wenn andere scheitern

Nicht hinterfragen

Nur perfekt funktionieren

Doch Unwissen kann nicht imponieren

Die kleine Welle

Nur seichtes Gebiet hat

Das tiefe Wasser die große Welle

Ohne eingeschränkte Zelle

Auf den großen Wellen

Schmecken wie das Meer wirklich ist

Mal sehen ist jemand seelentot oder krank

Nichts passt in einen Schubladenschrank

Für viele ein gerader Gedankenkanal

Ohne Zwischenwege

Eine Frage kommt bei Gedankentiefe heraus

Sterben Obeflächkeitssurfer jemals aus?

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Diese Zeilen widme ich zwei Herzensmenschen, die selbst kämpfen und mich doch in meiner Zeit der Krankheit lang begleiteten, es noch oft tun und denen, die auch meine wahren Freunde sind.

Stewart O´Nan. Die Chance. Wahrscheinlichkeiten und Risiko. Die Nachdenklichkeit eines geregelten Lebens.

Ein Buch, das in der deutschen Übersetzung so heißt klingt vielversprechend. Als ich das Buch sah, wirkte es auf mich so tiefgründig. Das Blicken hinter Türen.
Darin ein Paar. Marion und Art (Arthur) Fowler. Beide sind seit 30 Jahren verheiratet.
Sie haben eine Außenfassade und Geldsorgen sind ein Teil ihres Lebens. Ihren Geldsorgen zum Trotz reisen sie zu den Niagarafällen. Einst der Ort ihrer Hochzeitreise.

978-3-498-05042-9Jedes Kapitel hat eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Im Original daher The Odds-A Love Story. Die Zahlen entsprechen der Realität.

Genau wie die Kapitel wirkt alles real.

Die Chance ist ein Buch mit viel Humor, aber auch Abgründen. Gute bildhafte Charakterbeschreibungen, die Beschreibung unterschiedlichen Denkens zweier Menschen, eine Ehe tief zu beleuchten, Chancen zu zeigen, das Spiel um die Liebe und das Glücksspiel an sich und sogar Romantik mit Hollywoodkitsch ist eine perfekte Mischung, die Stewart O´Nan für diesen Roman gelungen ist. Oft hatte das Buch immer zwei Richtungen gleichzeitig. Links und Rechts oder Rettung und Aufgeben. Überall das Spiel und eine Risikobereitschaft. Es gibt wie es scheint nichts mehr zu verlieren.  Nur zu gewinnen. Egal wie und egal wie unwahrscheinlich.

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Es ist für mich ein kleines kurzes Buch. Doch bekanntermaßen sind es die kleinen Dinge, die die größte Freude bereiten.
Am Ende des Buches blicke ich auf die Woche zurück. Tage bangte ich um meine Arbeit. Es wurden Menschen entlassen. Kollegen, die Familie haben oder einfach bis letzte Woche in normales Leben führten.

Ich spürte in dieser Zeit und rückblickend Panik in mir, wie einen Apfel, der in meinem Hals steckt und ich nur einen winzigen Kanal, wie einen Strohhalm zum Atmen habe.

Stellen werden überall abgebaut. Ich überlege, wenn die Arbeit verloren geht, die Liebe scheitert, das Geld knapp wird, würde ich darum spielen? Eine klare Antwort in mir ist ein Nein. Denn das Spiel des Lebens braucht nicht noch weitere Spiele.

Ich denke niemand schafft es dieses Buch zu lesen und nicht einmal rückblickend die eigene Partnerschaft zu betrachten. Was und wie ist es? Was ist geschehen und damit wird alles gesehen?

Selbst wer allein ist wird sich in Dingen wieder erkennen und Fragen stellen. Betrachten und nachdenken.

Als ich das Buch noch einmal für die Rezension durchblättere und meine Augen auf romantische Stellen fliegen, aber auch Ernstes, denke ich für Marion und Art war es wahrscheinlich genau das Richtige. Ein schönes und zum Nachdenken anregendes Buch.

Wahrscheinlichkeit, dass das Buch gut ist? Ich finde 4:5 Wahrscheinlichkeit.niagarafaelle-d9577d00-367e-4ed0-b580-9f5831dc8ab9

Stewart O´Nan. Die Chance. Rowohlt Verlag. 18.Juli 2014. 224 S. 19.95 €

Bernhard Schlink. Die Frau auf der Treppe. Die besten Begleiter, die Zeit und ihre Chancen. Eine Lesung und der Beginn Stewart O´Nan „Die Chance“

Mein Blog füllt sich. Irgendwie gibt es gerade sehr gute Bücher und es wäre schade sie nicht zu erwähnen. Als ich in die U6 steige, begleiten mich zwei Bücher. Wie Fahrgäste, die jeden Tag mit mir dieselbe Strecke fahren. Diese Mitfahrer sind mir am liebsten. Sie sind ruhig und sagen doch so viel. Schlechte Laune oder Hektik haben sie nicht. Das eine Buch ist ausgelesen. Bernhard Schlink. Die Frau auf der Treppe. Die-Frau-auf-der-Treppe-9783257069099_xxl Dieses Buch führt die Spiegelbestsellerliste an. Im Eilverfahren auf Platz 1. Endlich wieder ein Buch von Schlink. Ich schleiche mich kurz in die Vergangenheit. „Der Vorleser“ begleitete mich in den Schuljahren. Er ist gut, aber brachte mich zum Erliegen. Die mehrmalige Pflicht etwas zu interpretieren kann zur Last werden und vernichtete ein doch sehr gutes Buch. Bernhard Schlink. Die Frau auf der Treppe.Diogenes Verlag. 27. August 2014. 256 S. 21,90 € Weitere Bücher schätze ich sehr. Nun ein neues Buch. „Die Frau auf der Treppe“ Eine Icherzählung. Es geht um einen Anwalt, der namenlos, aber dafür um so nachdenklicher durch das Leben geht. Ich entwickle eine schnelle Sympathie für den Protagonisten. Er, der einem künstlerischen Werk gleich eine Liebesgeschichte zu verdanken hat und mit ca. Mitte 40 rückblickend auf seine bereits erwachsen Kinder, sein Leben schaut. Er blickt auf Irene, die Frau auf dem Gemälde und auf zwei Männer, die sie auch verzauberte. Konflikte entstehen in späteren Begegnungen, die aber mit vielen Erkenntnissen geschlossen werden. Der Anwalt, der mehr von außen betrachtet, schon fast emotionslos, aber so nachdenklich ist bringt mich zum Lachen. Als er sagt, dass er nicht verstehe, warum Frauen immer wissen wollen, was jeder fühlt, liegt der Witz der Sätze mal wieder in der selbst erkannten Wahrheit. Neben dem vielen Lachen gab eine schöne Melancholie. Sie machte nicht schwer, aber doch war sie da. Schön wie eine Melancholie, die mir das Schreiben eines Gedichtes oder einer Geschichte erleichtert.

“…vor jedem Schritt sammelte sie in langer Pause die Kraft für die nächste Stufe, für noch eine und noch eine. Es tat mir weh zuzusehen.” Er würde sie tragen.

Ein Satz, der melancholisch und voller Gefühl ist. Es folgen noch weitere.
Eines meiner Lebensmottos, wenn nicht sogar eines meiner wichtigsten ist “Der goldene Käfig steht mir nicht.” Dieses Motto passt zu diesem Buch. Denn eine nicht geschenkte Freiheit wird mit der Zeit ein Käfig der nicht mehr leicht zu entfernen ist. Ein schöner Roman und ein Ende, das traurig ist, nachdenklich macht, aber auch entschlossen. Am Abend wird ein Buch wie in meiner Tasche von einem Mann gehalten, der von Scheinwerfern angestrahlt wird. Es ist ganz still, als er liest. Eine Ruhe, die mich aufatmen lässt und wie wundervoll der Mann, der mich in der Schule als Autor mehrmals begleitete, dessen Bücher ich fast alle gern las, saß nun nicht sehr weit entfernt vor mir auf einer Bühne und las einfach. Bernhard Schlink.
 Der Autor, der nicht nur sehr gut schreibt, sondern liest, dass ich nicht immer selbst lesen würde, würde er lesen. Noch ein kleiner Tipp: “Sommerlügen” Grandios geschrieben, obwohl es Kurzgeschichten sind und ich in sich geschlossene Romane lieber mag. Ein sehr lesenswertes Buch von Berhnhard Schlink. Spät am Abend sitze ich wieder in der U6 auf dem Heimweg. Abermals streiche ich über das Buch Schlinks und greife zu dem zweiten Buch Stewart O´Nan “Die Chance” Ein passendes Buch nach dem Roman „Die Frau auf der Treppe“. Doch dazu morgen oder in den nächsten Tagen mehr. Eine Rezension schreibt sich nur über ein ausgelesenes Buch. Am Morgen und auf der Fahrt zur Arbeit in der Bahn ist es nun ein gerngesehener Mitfahrer auf Zeit von mir. de.hr.cms.servlet.IMS

Stewart O´Nan. Die Chance. Rowohlt Verlag. 18. Juli 2014. 224 S. 19.95 €

Bernhard Schlink. Sommerlügen. Diogenes Verlag. 288 S. 10-12 €

 

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Gerhard Richter „Ema“ Die Frau auf der Treppe. Dieses Bild gibt es wirklich und doch hat der Maler aus dem Roman keinen Bezug zu Gerhard Richter. Aber das Bild begleitete Bernhard Schlink sehr lange, wie ich in der Lesung erfuhr. Es stand in Kleinformat auf seinem Schreibtisch.