Ulrike Draesner. Sieben Sprünge vom Rand der Welt. Das etwas umstrittene, aber großartige Buch. Die Wichtigkeit der Unvergessenheit.

Die ersten Seiten in Ulrike Draesners auf der Longlist des deutschen Buchpreises stehenden Romans gingen erst langsam voran. Einfach eine kurze Gewöhnung an den Schreibstil. 
Es war schnell spannend wie generationsübergreifend die Autorin erzählt. 


Ein Mensch geht nicht. Die Geschichte dieses Menschen lebt in den Nachkommen weiter. Eine lange Kette, die nicht endet und anhand von zwei Familien beschrieben wird. 
Die Familie Grolmann und die Nienaltowski.

Als ich zu lesen begann, merke ich, dass der Überblick erst etwas schwerfällt. Doch jedes Kapitel trägt einen Namen. Da ist Simone die Angst vor Schnee hat. Ihre Großeltern und ihr Vater Eustachius Grolmann, sowie dessen Bruder gingen bei minus 21 Grad Celsius durch den Breslauer Wald. Ein Ereignis, welches Simone nach vergangener und nur erzählter Zeit dennoch prägt. 
Sie hat Angst vor Schnee. Gefesselt war ich von ihrer Erzählung und die Verbindung zu ihrem Vater. Beide sind Verhaltensforscher für Primaten geworden. Auch hier wieder eine Verbindung und gleichzeitig eine Verbindung zum Nationalsozialismus. 

Dann war da Boris ist der Sohn der Nienaltowskis. Seine Angst liegt tief bei verschlossenen Türen. Räume die abgeriegelt sind. Seine Mutter musste in vernagelten Zimmern in Breslau leben. 
Schon in den ersten Ich-Erzählungen ist etwas Schmerz zu spüren. Etwas ist zurückgeblieben, obwohl der Krieg vorbei ist.
Die anfänglichen Erzählungen dieser Drei machten mich neugierig auf die Anderen älteren aus einer schweren Zeit. Ich wurde beim Lesen nicht enttäuscht. 
Da waren sie die Erzählung von Lilly, Halina und Hannes. Die Älteren und Kriegsgezeichneten.             
Ich sah und fühlte die Ängste, die Schmerzen einer Flucht, das Verlassen von gewohnten Orten und das wieder Ankommen an anderen Stellen zu verstehen oder die Verarbeitung nach dem Krieg. 
Vor meinen Augen tauchten die schon so oft, aber einprägenden Bilder die Medien und geschichtsträchtige Bücher aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges hergeben auf. Viele Bilder sah ich auch ohne sie anzusehen lesend in diesem Buch wieder. 

Ulrike-Draesner-Sieben-Sprünge-vom-Rande-der-Welt-Cover-e1395127813762

Ulrike Draesner schreibt vielseitig. Verständlich und fühlbar. Sprachlich scheint sich etwas zu verändern. Eine anfangs für mich moderne und fast schon leichte Wortwahl weicht später der schönen wortausgeschöpften Sprache.

Genau hier liegt oft auch die Kritik einiger Leser und Literaturkritiker. 
Eine Kritik, die ich nicht für mich äußern möchte. 
Ich finde diesen Roman großartig. Manchmal ist es auch gut erst langsam etwas oben zu schwimmen und dann zu dem zu tauchen, was wirklich tief ist und sichtbar werden muss. 
Für mich ist es verständlich, dass die Autorin unterschiedliche Schreibstile in einem Buch hat. 
In diesem Fall könnte nichts passender sein. Genau betrachtet ist der anfänglich schon fast zu lockere ein wenig oberflächige Schreibstil doch vielleicht genau das was Ulrike Draesner sagen möchte. Die jüngere Generation lebt weiter. Schon fast bildlich und nicht nur sprachlich oben. Oben schwimmender und damit lockerer. Es bleiben Spuren zurück. Traumata, die schwer sind und jeden beeinflussen. Doch dahinter verbirgt sich das noch Schwierigere. Die, die wahrlich alles und das Schreckliche des Krieges miterlebten benötigen, weil sie nie vergessen werden sollten, aber langsam in Vergessenheit geraten doch mehr ausführliche deutliche Worte um einfach zu verstehen. Ihre Geschichte sollte immer wieder prägnant erzählt werden.

Für mich ist „Sieben Sprünge über den Rand der Welt“ völlig zurecht für die Deutschen Buchpreis Longlist nominiert. 
Oft musste ich an meine Großeltern zu denken, die mir früher oft auch die Geschichten von einer weiten Flucht, dem Frieren und dem Verstecken erzählten.
  Sie leben nicht mehr. Aber etwas blieb auch bei mir zurück. Ich habe selbstverständlich Angst vor Krieg und ich habe mich seit meinem 16. Lebensjahr dafür eingesetzt, dass Krieg, Nationalsozialismus nie in Vergessenheit gerät.

Neben meiner großen Liebe zur Belletristik ist dies mein Schwerpunktthema geworden. 
Ich hatte die Ehre mehrmals mit Menschen in einen Dialog zu gehen , die den zweiten Weltkrieg erlebten, in Konzentrationslagern waren und ihre Lebensgeschichten erzählten.  Es war jedesmal bewegend.

Daher ist Sieben Sprünge vom Rand der Welt ein sehr gutes und wichtiges Buch über den Krieg, die Nachkriegszeit und die Folgen einer schweren Zeit bis heute.

Ein sprachvielfältiges Buch mit Familiengeschichten und Folgen des Krieges die hoffentlich weiter dazu beitragen, dass diese Zeit nie vergessen wird. 
Denn Krieg ist sicher nicht sinnvoll und wie Eustachius dann wohl sagen würde, dass wir alle froh sein können zu leben und damit auch froh ein Krieg hoffentlich nie erleben zu müssen.

Ich werde Ulrike Draesner, neben Angelika Klüssendorf mit „April“ und Sasa Stanisic mit „Vor dem Fest“ innig die Daumen drücken.

Zwei Herren am Strand von Michael Kohlmeier habe ich noch nicht gelesen. Es klingt aber sehr vielversprechend. Ich werde sicher hier darüber berichten.

Ulrike Draesner. Sieben Sprünge vom Rand der Welt. Luchterhand Literaturverlag. 10. März 2014. 560 S. 21.99 €

Advertisements

Ein Kommentar zu “Ulrike Draesner. Sieben Sprünge vom Rand der Welt. Das etwas umstrittene, aber großartige Buch. Die Wichtigkeit der Unvergessenheit.

  1. […] Weitere Rezensionen finden sich bei dasgrauesofa, Drittgedanke, Gedankenlabyrintherin, Lesen macht glücklich und […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s