Peggy Wolf. Acker auf den Schuhen. Spurensuche. Das Glück Liebe frei zu leben.

Vor knapp zwei Wochen kam die Idee mal etwas raus. Auftanken. Dazu mit etwas Spurensuche für ein Buch untermalt. Peggy Wolfs Buch „Acker auf den Schuhen“

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Mal die wirkliche Landluft einatmen. Nicht nur irgendwo am Stadtrand. Ganz still. Stille und die komplette Ruhe genießen, die ab und zu einfach nötig ist. Links und rechts … nichts. Vorne hinten auch nicht. Ein Dorf. Wenige Häuser schmiegen sich seitlich am Acker entlang. Etwas Nebel. Und während wirklich die Erde vom Acker schon den Weg zu den Schuhen gefunden hat, tauchen Gedanken an das Buch von Peggy Wolf auf.

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Es war sicher ein Dorf, das genauso still ist und war, wie dieser Acker mit ein paar Bäumen und Häusern. Doch genau betrachtet ist ein Dorf selten still. Nach außen schweigt es oft. Im Inneren teilen gesprochene aufgeregte Worte, die meist nicht wesentlich sind aber Schläge aus. Der Acker wird von einem leichten Regen getränkt. Wieder Stille. Weitere Gedanken an das Buch sind deutlich klarer als der Nebel.

Die Geschichte verschlägt Leser_innen in ein Dorf. Traute Häuschen mit Garten und viel Gerede. Jeder kennt jeden. Menschen lächeln sich an und wollen es eigentlich nicht. In dem Dorf ist alles noch konservativ, da der Pfarrer Oberhaupt ist und richtige Offenheit ist meist nur in einem geöffneten Fenster mit schönen weißen Gardinen.

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Mittendrin ist Familie Schütter. Es könnte alles so normal sein. Aber ihre Tochter Susanne ist tot. Gerüchte und Mutmaßen kommen auf. Eigentlich weiß jeder, dass Susanne freiwillig gegangen ist, aber es wird versteckt, wie Essen in einer Vorratskammer, das irgendwann verschwindet, weil man es vergisst. In dem Dorf wird geschwiegen. Unterhaltungen kratzen oft an der Oberfläche. Hier gibt es ein hohes Maß daran, die Haltung zu bewahren. Erwartungen und ein geradeaus Denken mit katholischem Glauben lassen kaum einen Raum für andere Seiten wie gleichgeschlechtliche Liebe. Moral ist in dem Dorf sehr eng gefasst.

Susanne, eine Frau in der Mitte des  Lebens bringt sich um. Die verbalen Schläge eines Dorfes, ihrer Familie waren zu viel. Die Kirche geht vor dem Glück des eignen Kindes. Susanne erträgt dies nicht länger.

Ihre Familie hat nach dem Tod Susannes nichtige Gedanken. Zwischen Trauer aller Familienmitglieder, die auch anreisen, mischt sich der viel zu enge Knoten der katholischen Kirche und der fehlende Blick über den Tellerrand aller Dorfbewohner. Susanne habe in Sünde gelebt, ihr Leben vorzeitig beendet. Ein Unglück, was Folgen haben könnte. Glauben und Engstirnigkeit laufen in dem Roman Hand in Hand.

Das Dorf kommt bei der Beerdigung zusammen und generell schweigt es sich weiter aus. Aber dennoch manche suchen Antworten für Susannes Tod und finden sie.

Das Thema ist sehr aktuell. Es wird Zeit über viele Dinge offener zu sprechen und noch mehr nachzudenken. Leben und leben lassen wird leider noch nicht überall gelebt.

Die Luft und der ausgedehnte Spaziergang am und auf dem Acker tun gut. Das Abschalten außerhalb der Stadt auch. Auf der Rückfahrt sind von der Autobahn die Lichter von Berlin zu sehen. Zwei Lachen und zwei Hände, die sich berühren. Noch einmal etwas Nachdenklichkeit. Aufatmen. Ein kleiner Spaziergang zum Abschluss eines tollen Wochenendes. Ganz nah miteinander. Wieder lächeln …

Wir sind hier und leben frei. Kein Dorf im Nacken, keine Moral, die uns zu ersticken droht. Gut so. Noch einmal ein tiefes Einatmen und Ausatmen.

Ein sehr tiefsinniges Buch.

Nun wäre zu denken, dass dies trist klingt, aber das Buch hat wirklichen einen Sog. Spannend und interessant geschrieben. Ein sehr gutes Buch. Einmal fernab von Großastadt, lesbischer Partyszene und typischen Szeneleben, gibt es auch viel zu erzählen.

Eine tolle Rezension gibt es auch hier bei Aviva von Ahima Beerlage:

Peggy Wolf. Acker auf den Schuhen. Querverlag. 192 S. 14.90 €  ISBN: 978-3-89656-223-4

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Patrick Modiano. Aus tiefstem Vergessen. Die Unvergesslichkeit wahrer Liebe.

Manchmal bin ich erstaunt, wie bestimmte Literatur ihre Wege zu mir findet. Ich las von Patrick Modiano „Der Horizont“ doch ich vergaß dies relativ schnell. Fast etwas unbeachtet. Nun ist er Literaturnobelpreisträger.

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Ich war anfangs etwas enttäuscht. Denn meine Meinung bleibt. Die Daumen drücke ich für Haruki Murakami und Philipp Roth. Sicher sind alle Nominierten aber eine große literarische Bereicherung. Verständnislos reagierte ich nur oft, wenn es plötzlich hieß, dass dieser Autor schon so oft gelesen wurde. Bekannt ist nicht umsonst, dass er zwar hochgelobt, auch kritisiert wird, aber in Deutschland recht unbekannt ist. In Frankreich ist er sehr bekannt und schon länger oft gelesen. Sicher wird sich dies zum Glück nun hier auch bald so sein. Nach einigen gelesenen Büchern schätze ich ihn nun sehr. Vorher ist er mir irgendwie fast unbeachtet entgangen.

Ich gab also Patrick Modiano noch eine Chance. Zwei Bücher fielen mir ins Auge. „Aus tiefstem Vergessen“ und Place de l´Etoile.

Zuerst fand „Aus tiefstem Vergessen“ den Weg zu mir.

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Ich las die Rückseite des Buches und es war um mich geschehen. >>Ein Mann sieht in der Metro eine Frau, die vor dreißig Jahren seine Jugendliebe war…<<

Mit dem Buch in der Hand gehe ich die Friedrichstraße entlang. Ich biege in eine Seitenstraße und lese die ersten Zeilen bei einem wunderbaren Tee in eines meiner Lieblingscafés.
Ich bin beeindruckt und völlig gefesselt von die Zeilen Patrick Modiaos. Ein Literaturschatz mit fast warmen anschmiegsamen Worten mischt sich mit meinem freudigen Erstaunen und perfekten Earl Grey.

Ich bin begeistert. Selbst als eine Freundin mit mir zu Abend essen geht, bin ich in Gedanken noch bei dem Buch, möchte mich in meinen Lesesessel werfen und der Geschichte des Ich-Erzählers, Gérard und Jacqueline folgen. Wissend all das findet in Paris und etwas in London statt. Zwei Städte, die ich mit Berlin in mein Herz geschlossen habe, wie die Literatur selbst.

Als ich Zuhause ankomme findet meine Jacke kaum den Haken an der Garderobe. Die Schuhe fallen fast lieblos ins Regal und ich falle sanft in meinen Sessel. Ein kleines Glas französischer Rotwein. Meine Katze nimmt dies alles zur Kenntnis und schmiegt sich schnurrend in den anderen Sessel. Stille.

Es ist 1964. Da sind die Drei wieder. Alle haben etwas Getriebenes, was ich liebe. Sie ziehen umher und verdienen sich ihr Geld mit An-und Verkauf von alten Büchern. Doch dies reicht nicht und es kommt das Glücksspiel dazu. Casinos werden unsicher oder auch gelegentlich ärmer gemacht.

Was für eine Freundschaft, denke ich. Etwas seltsam. Zwei scheinen dieselbe Frau zu lieben. Doch es wird nicht im Detail beschrieben. So wie vieles nicht. Oft wird nur ein Gegenstand in einem Zimmer geäußert, ein Wecker, eine Uhr.

Die Protagonisten werden in dem Buch blass mit Worten gemalt und doch glaube ich sie irgendwie zu kennen. Etwas Platz für ein eigenes Bild und die eigene Fantasie.

Ich mag den Ich-Erzähler und Jacqueline, die zwar ein Hang zu Äther Schnüffelei hat, aber irgendwie sind es alle so liebenswerte nachdenkliche Menschen. Ja etwas chaotisch, aber liebenswert stelle ich sie mir vor.

Jede Seite gibt eine wunderbare Welle mit Erinnerungen und einem von mir literarisch glücklichen Lächeln.

Ich lese immer weiter und spüre die Liebe des Ich-Erzählers zu Jaqueline. Ein Gefühl was Patrick Modiano irgendwie schaffte, in Worten festzuhalten. Zeilen, in denen sich diese Liebe positiv festgebissen hat. Es ist wie ein kleiner Kuss mit nachfolgendem zärtlichem Biss in die Schulter oder Nacken aus einem tiefen reinen Gefühl.

Jacqueline wird von dem Ich-Erzähler nicht vergessen. Sie hatten sich verbunden und dann verloren sie sich. Er erinnert sich und manches scheint er sich nicht zu verzeihen. Ein Wiedersehen nach 15 Jahren ist verschwommen. Es wandelt kaum sichtbar zwischen Wunsch und einer Vielleicht-Realität.

Nach dreißig Jahren sieht er sie endlich wieder. Beide haben ihr Leben gelebt. Irgendwie scheint die Zeit noch einmal stillzustehen. Doch manchmal sind wir sprachlos.

Der Titel „Aus tiefstem Vergessen“ ist passend. Erinnerungen aus der Vergangenheit und dem Vergessen, Bilder die Farbe verlieren und doch für uns wesentliche Menschen vergessen wir nicht.

Das Buch ausgelesen bleibe ich sitzen. Ich fliege noch etwas über die Seiten. Was für ein Buch. Genauso ist Liebe, ein tiefes Gefühl oder Verbundenheit. Es geht nicht einfach fort, sondern Liebe ist unvergesslich. Alles andere ist Schwärmerei, eine Verliebtheit, die viel zu oft mit Liebe verwechselt wird. Denn aus Schwärmerei und Verliebtheit wächst selten nach vergangener Zeit Liebe. Wahrer Liebe begegnen wir nur sehr selten. Sonst wäre sie ja nicht unvergesslich oder so besonders.

Patrick Modiano hat dies grandios eingefangen, ohne zu sehr auszuschmücken oder alles minutiös zu beschreiben. Eine wahre literarische Kunst.

Leider sind es nur 160 Seiten. Viel zu schnell endet das Lesevergnügen. Eine besondere Liebesgeschichte und ein Roman, der die wahre Liebe so unvergesslich beschreibt.

Patrick Modiano. Aus tiefsten Vergessen. Deutscher Taschenbuch Verlag. 160 S. 9.90 € (Ich empfehle aber auch sehr die gebundene Ausgabe für Liebhaber.)

Die Buchmesse und ihre Berichte. Petra Hartlieb. Meine wundervolle Buchhandlung. Gedanken dazu.

Ich bin ins Nachdenken gekommen. Nachdenken über die Buchmesse in Frankfurt und deren Berichte. Einen hinreißenden und so bücherliebenden Bericht über die Buchmesse gibt es hier.

Dazu sei auch gesagt, dass wirklich selbst Literaturblogger unterschiedlich sind. Daher diesen Bericht auch unbedingt lesen.

Während ich in der letzten Woche viele Berichte über die Frankfurter Buchmesse auf verschiedenen Seiten, Portalen und Blogs lese, stelle ich fest alle sind schön. Nur einige wenige stimmen mich nachdenklich. Selbst Tage danach noch.

Dies sind nur Gedanken von mir und keine Wertung. Denn jeder schreibt was er möchte. Ja es sind nur Gedanken dazu.

Ich habe Berichte gelesen in denen es ab und zu (zum Glück recht selten) wie mir auch scheint, nur darum geht zu schreiben >>>Ich war mit diesen Leuten da (unbemerkt, wie es fasst wirkt, dass viele andere auch gleichzeitig die Messe besuchen) dann habe ich den und den Autor gesehen, oh und dann noch einen, mit ihm/ihr gesprochen, mit dem war ich auch noch spazieren oder etwas Essen.<<< In einigen Berichten (aber wie gesagt zum Glück recht wenige) scheint es mir eher daran zu sein möglichst viel preis zu geben, wem man begegnet ist. Privilegien aufzuzeigen. Restliche Eindrücke werden irgendwie an den Rand gestellt.  Kein so wirkte die Messe. Kein dort war das Regal so. Auch nicht … folgende Bücher stachen mir ins Auge. Zusätzlich im Bericht bei den Verlagen ist man per du und vieles mehr. Eine schnelle Abfolge wie mir scheint, die ich dann lese und mit dem Kopf schüttle.

Bei anderen Berichten lese ich auch von der ein oder anderen Begegnung auf der Buchmesse, aber ich spüre die tiefe Freude dabei.Ich fühle die Liebe zu Büchern. Dann genieße ich dies zu lesen und freue mich mit. Es sind dann keine Abfolgen einiger Autoren oder Verleger oder Stars, wie in ein paar wenigen anderen Berichten.

Ich konnte vor zwei Jahren wieder komplett in meinen Beruf zurückkehren, da es vorher nur teilweise aus gesundheitlichen Gründen möglich war.

Doch gerade dies lässt mich auch auf andere Dinge schauen. Dies brachte mich zum Nachdenken.

In allem stimmt vieles. Aber es ist unser Beruf. Eine Leidenschaft, die wir als Arbeit ausüben können. Deshalb ist nichts selbstverständlich oder zum fast schon Protzen darüber. Der wahre Genießer, genießt und schweigt. Das muss nicht immer sein. Aber weniger ist bekanntermaßen mehr. Von wesentlichen Dingen dann mehr, wie Eindrücke, Gedanken ist vielleicht das Mehr, welches auch gut ist und liest sich dann zusammen mit großartigen Begegnungen grandios. Auch ist es bei einer Buchmesse egal, welche Kategorie Mensch wir sind, egal ob Buchhändler, Blogger, Promoter usw. Nur, weil wir z.B. bloggen in einem Buchladen arbeiten sind wir nicht etwas extra. Nein, wir sind alles Bücherliebende.

ich-liebe-buecher-83681143-3bce-4262-a54a-8fd21718c849 Zu den Gedanken mischt sich ein Weiterer. Ich liebe das Buch „Meine wundervolle Buchhandlung“. Das Buch ist absolut lesenswert und wunderschön. Ich habe es sogar zweimal gelesen. Es ist sehr aufbauend. Macht Mut und alles ist so wunderbar menschlich beschrieben.

>>Und erklären kann man das Ganze wahrscheinlich nur mit dem Begriff Leidenschaft. Man könnte vielleicht auch verrückt dazu sagen. Denn ganz normal ist es wohl nicht, wenn man nach einem Zehnstundentag, an dem man gefühlte zweihundert Bücher aller Genre nacherzählt hat, am Küchentisch sitzt, völlig begeistert die Vorschaupakete von Rowohlt und Hanser aufreißt und sich über einen neuen Auster oder T.C. Boyle freut, als hätte man noch kein einziges Buch auf dem Nachttisch liegen. << S.68

Diese Sätze sind so passend.  Oft halte ich Bücher in den Händen. Denke über Texte nach, gehe Texte durch, lese Neuigkeiten und vieles mehr und doch ist danach die reine Erholung wieder zu lesen. Das Buch gibt einen Einblick in die Familie Hartlieb. Sie leben ihren Traum und es macht auch den Mut ab und zu aufzuatmen und zu sagen: „Lebe deinen Traum …“

Nichts ist einfach. Renovierungsarbeiten, Familienmanagement und der Buchladen erscheinen fast unmöglich zusammen. Doch es geht. Diese Geschichte ist so schön, dass ich gelegentlich gedanklich so gar mitlaufe und wie die unbezahlbaren Freunde, der Hartliebs mithelfen möchte. Ein so lesenswertes Buch. Meine-wundervolle-Buchhandlung-9783833733635_xxl

Ein Gedanke, der sich dann noch einschleicht ist, dass viele nach dem Lesen des Buches nach Wien reisen und dann die Buchhandlung besuchen wollen. Sicher eine tolle Buchhandlung und einige Bücher dort zu kaufen ist ein Genuss. Aber ich denke dann, dass Wien weitere großartige Buchhandlungen hat. Einen Verlagbuchladen, der auch wirklich alles hat und mich schon für Stunden positiv zwischen Büchern sowie Regalen gefangen nahm. Es gibt so viele, die auch sehenswert und auch etwas zu erzählen haben.Dann denke ich, dass Wien wunderbar ist. Ich habe dort einmal für einige Monate gelebt, aber für Bücherliebhaber gibt es dort wie gesagt noch so viel mehr. Und dann … In unserer Stadt, in der wir leben. Egal, ob Berlin, Hamburg oder eine andere Stadt ist es auch einmal interessant zu unserem Buchladen zu gehen und den Besitzer zu fragen, wie er oder sie zu diesem Laden gekommen ist. Wie der eigensinnige ältere Mann in dem Antiquariat dazu gekommen ist.
 Es ist nicht nur eine Buchhandlung von der es ein Buch gibt, dessen Besitzer eine grandiose Geschichte haben. Unglaublich viele Geschichten gibt es von Buchändler/innen nur die meisten kennen wir sicher nicht. Nur fragen kostet nichts. Ich habe gefragt und wirklich ich liebe Wien und das Buch von Petra Hartlieb „Meine wundervolle Buchhandlung. Sicher reise ich auch mal wieder dorthin. Aber allein Berlin und Umgebung hat ganze Bände voller schöner Geschichten über Buchladenbesitzer, die grandios sind. Einige haben es eigentlich schon in der Wiege gehabt und ihren Traum, der schon recht früh da war, verwirklicht. Andere kamen plötzlich dazu und haben viel erlebt. Geschichten gibt es überall, wir müssen nur manchmal danach fragen. Denn viele schreiben keine Bücher darüber. Deshalb sind sie aber nicht weniger interessant und oft sind sie sogar noch erstaunlicher.

Bücher sind das schönste auf der Welt. Gedankenlabyrinthe auch …

Petra Hartlieb. Meine wundervolle Buchhandlung. DuMont Buchverlag. 208 S. 18 €

Haruki Murakami. Von Männern, die keine Frauen haben. Teil 2. Frauen und ein einziges Herbstblatt.

Die schönsten Buchseiten und die schönsten Augenblicke lassen uns selten ganz los.

Ich habe mir die Tage Murakami genommen. Mein Rad, das mich so oft begleitete, genau wie Haruki Murakami, der Autor durch den ich den Schafsmann kennenlernte, Kafka am Strand wirklich fast nur am Strand las, erfuhr was eine gefährliche Geliebte ist. Durch ihn sah ich oft den Mond an und dachte zwei oder noch mehr wären so traumhaft schön. Ich schmunzelte über Einhörner und nette Bibliothekarin. Ging durch ihn in eine unheimliche Bibliothek oder hörte Franz Liszt fast unaufhörlich. Murakami-Bild

Haruki Murakami hat schon Jahre bevor ich es wirklich sah ein für mich unvergessenes Lächeln in einem Buch festgehalten. In einem Buch lies er mich lachen und Abschied von einem besten Freund nehmen. Er brachte mich zum Lachen und war vor 8 Jahren ein schöner Begleiter in einer stillen Zeit in der nichts mehr ging. Aber lesen. Murakami lesen ging. Die Seiten bewegten sich schneller als alles andere.

All das ist vielleicht, was einen Lieblingsautor ausmacht. Er ist das schönste Band was eine Bücherliebende, wie mich begleitet. So streichelte ich meine Katze, die natürlich einen japanischen Namen hat. Mine, was so viel heißt, wie der entschlossene Schutz.

20141015_015225 Als ich dann mit Murakami eine Weile fuhr lies ich sein neues Buch „Von Männer, die keine Frauen haben“ noch einmal an mir vorüberziehen, wie die Bäume an denen ich vorbeifuhr oder die vielen Häuser. Nach all den Büchern, die ich von ihm las, war „Von Männern, die keine Frauen haben“ nach Naokos Lächeln das Beste von ihm. Ich habe nicht geglaubt, dass dies möglich ist.

Alles zieht noch einmal vorbei. Ich lachte so oft, verstand, war berührt, kannte selbst einige Situationen und meine Liebe zu Frauen machte dieses Buch noch einzigartiger für mich. Ich kann nicht genau sagen, welche Geschichte mich am meisten berührte oder mir gefiel. Vielleicht „Yesterday“ und „Das eigenständige Organ“. Doch jede, der sechs Kurzgeschichten ist wundervoll und ist wie ein schöner Seidenschal, der ein wenig die leichte Kühle des milden Herbstes nimmt.

An der Stelle muss ich sagen, dass ich nie Lieblingsbücher habe, bei denen ich nur lachen konnte oder die ganz leicht dahinflossen. Meine Lieblingsbücher gehen ganz tief rein. Zeilen, die unsagbar sprachlich schön sind und manchmal doch, wie Pfeile sind. Pfeile, die eine Spur hinterlassen und das Herz treffen. Es ist etwas Schmerz mit Melancholie. Eine schöne Melancholie, die vielleicht gerade in einem bestimmten Moment gebraucht wird. Haruki Murakami hat ein Buch geschaffen, das unsagbar schön und bedeutungsvoll für mich ist.

Meine Radtour ist längst beendet und es ist bereits ein schon erwachender Morgen. Fast zwei Wochen sind vergangen, nachdem ich das Buch las. Tage, in denen ich viel erlebte und nachgedacht habe.

„Sie war zu schön, als das ich ernsthaftes Interesse an ihr hätte haben können. Früher und auch jetzt noch. Und ihr Lächeln war noch immer zu schön, um wahr zu sein. “ S. 80

Die Frau mit dem unvergessenen Lächeln hat dieses Lachen immer noch. Sie lächelt und es ist Glück und ein Gefühl wie kleine Sommerregentropfen, die prickelnd auf die Haut fallen. Wenn ich sie ansehe, frage ich still in Gedanken, ob sie weiß, wie unsagbar schön sie ist. Dieses makellose Lächeln, welches zu kurz ist, aber so, dass ich die Sprache verliere. Ein helles Lächeln, das ihre dunklen Augen und ihr Gesicht vollkommen macht. Ihre Klugheit kann man nicht sehen. Doch ihre Klugheit liegt wie schon mal gesagt in jedem Wort oder jedem Satz, den sie formt und spricht. Gesamt zu schön, um wahr zu sein. Doch manche ach so wundervollen Menschen sind wahr. Auch, wenn es so unglaublich ist, wie zwei Monde … aber wer weiß.

„Frauen schenken uns besondere Momente, in denen sie für uns mitten in der Wirklichkeit die Wirklichkeit außer Kraft setzen. Und Scheherazade beschenkte ihn damit im Überfluss. Der Gedanke daran, dies irgendwann einmal verlieren zu müssen, erfüllte ihn mit größerer Traurigkeit als alles andere. “ S.162

Bei der Kurzgeschichte Schehezerade baut sich eine schöne Atmosphäre auf. Sie, die ihm Geschichten erzählt. Er der zuhört und ab und zu haben sie Sex. Nach Nähe, wenn der Schlaf noch nicht bereit ist, ist es wunderbar angenehme Worte fließen zu lassen, einfach eine Geschichte zu erzählen oder ein Buch aufzuschlagen und vorzulesen während das Gefühl, die Leidenschaft noch im ganzen Raum ist.

„Die Zeit war kein Pfeil, der in einer geraden Linie flog. Es regnete weiter, die Zeiger der Uhr verwirrten sich, die Vögel schliefen noch tief und fest, ein gesichtsloser Postbeamter sortierte stumm die Postkarten, die wohlgeformten Brüste seiner Frau wippten, und jemand klopfte weiter hartnäckig an die Scheibe, unendlich regelmäßig, als wollte er ihn in ein verheißungsvolles Labyrinth locken. Klopfklopf, Klopfklopf und wieder Klopfklopf. Schau nicht weg, schau hin, flüsterte jemand in sein Ohr. Denn es ist dein Herz. “ S.205

Ich lese weiter. Nehme die restlichen Seiten zwischen Zeigefinger und Daumen. Dann blättere ich sie schnell. Sie fallen alle auf die andere Seite. Nur noch wenige Seiten. Ich nehme den Duft des Buches auf und meine Augen fallen wieder auf die wunderschönen Zeilen von Haruki Murakami. Kurz vor dem Ende bin ich noch einmal vertieft. Bis zum Grund eingetaucht. Behutsam lese ich Zeilen in denen eine bestimmte Musik beschrieben wird, in der sich eine Frau fühlt, wie in einem unbegrenzten leeren Raum. Keine Decke, keine Wände. Nichts ist da. Auch die vielen Tausenden Gedanken nicht. Wie schön dies wäre.

Am Ende saß ich ganz still da. Mindest viermal lese ich die Zeilen: So ist es, eine Frau zu verlieren. Und einmal eine Frau zu verlieren bedeutet mitunter auch, alle Frauen zu verlieren. 

Aber dann egal was ist ihr das Beste zu wünschen. Im Hintergrund läuft noch der beschriebene Song aus den Letzten Seiten. Theme from >> A Summers Place<< Percy Faith 

Da ich gern Standard/Latein tanze, bewegen sich meine Füße und eigentlich möchte ich tanzen, da dieses Buch so grandios war und mich bereichert hat. Aber ich halte an. Gedanken tanzen oft viel stärker.

Ja mitunter ist dies so. Wahrlich ist die Liebe sehr selten und diese dann zu verlieren ist wie Herbstblätter, die fallen, verwehen und ihren Ort bei dem sie für die schönste Zeit angekommen waren verlieren. Aus Angst diesen Verlust wieder zu erleiden sind manche von uns lieber allein. In alle Richtungen fliegen sie. Dann sind sie fort. Manchmal ist es gut im Stillen, etwas entfernt zu lieben. Die Liebe kann zu groß sein, um komplett bedingungslos zu lieben. Das Buch „Von Männern, die keine Frauen haben“ von Haruki Murakami ist so neu und Frisch wie der Frühling. Es ist warm und mit gelegentlichen Sonnenstrahlen aus dem Sommer. Nachdenklich, aber auch bunt wie der Herbst. Aber am allermeisten ist dieses Buch so einzigartig, wie jede Schneeflocke aus dem Winter.

Dieses Buch ist für alle, aber auch für Frauen, die Frauen lieben. Manchmal haben wir keine Frauen, weil sie wie Herbstblätter im Wind sind und doch kehren neue Blätter jedes weitere Jahr zurück. So oft zeigt die Liebe nicht ihr Gesicht. Aber ganz … ganz selten ist eine Frau wie ein wunderschönes Blatt zwischen Buchseiten und bleibt. SAMSUNG CAMERA PICTURES

Haruki Murakami. Von Männern, die keine Frauen haben. DuMont Buchverlag. 254 S. 19.99

Lilly Axster. Atalanta. Läufer_in. Dauerläuferin.

Ich war gestern bei einer Lesung, die großartig war und das besprochene Buch von Lilly Axster „Atalanta“, handelt von einer Läuferin.

SAMSUNG CAMERA PICTURESLilly Axster. Atalanta Läuferin. Zaglossus Verlag. 155 S. 14.95 €

Es ist ein großartiges Buch, dass mich sehr bewegte und auch literarisch, politisch überzeugte. Was ist, wenn der beste Läufer plötzlich eine Läuferin ist? Das Buch ist großartig. Es geht um das Ankommen, sich finden und manchmal einfach die Familie selbst zu wählen. Das immer wieder. Aber es geht auch um die eignen wichtigen Fragen die gestellt werden müssen und für die es irgendwo Antworten gibt. Das Laufen untermalt das Buch ständig und selbst beim Lesen ist ein gewisses Tempo zu spüren. Selbst als ich las, rannte ich. Die Zeilen haben einen temporeichen Takt. So etwas erlebe ich selten, wenn ich lese. Aber es war ein schöner Lauf.

Lan ist schnell und irgendwie denke ich während der Lesung, was es eigentlich heißt zu laufen. Gedanken, die den ganzen Raum durchziehen. Sätze und weitere Gedanken von anderen vermischen sich damit. Ich bin erstaunt und denke weiter. Selbst in der Bahn überlege ich, wie oft wir laufen. Nicht das alltägliche Laufen ist gemeint. Der Sport, die Gesetztheit, das Fliehen, das so viel, aber nicht Anhalten,da das Anhalten was Angst macht. Wir alle laufen. Manche von uns nur mehr als andere Menschen. Nicht nur die Leistungssportler/innen. Mich bewegt dieser Gedanke des Laufens. Selbst in der Nacht, sitze ich noch etwas bei einer sehr guten Freundin und wir reden darüber. Ich bin wenige Jahre Leistungssport gelaufen. Schon in jungen Jahren tat dies gut. Laufen, was zu rennen wird und wie gut es manchmal tat andere laufende Füße hinter sich zu lassen. Ich mochte dieses Gefühl ein Ziel erreicht zu haben. Diese Erschöpfung, die manchmal noch nicht genügte, aber gut tat. Es war das Fliehen vor Dingen, die sich wie Stacheldraht in die Seele und mit körperlichen Hammerschlägen in das Leben wanden, obwohl sie nie gewollt waren. Es war genau die Flucht davor, die für eine gewisse Zeit möglich war. Der gefundene Unterschlupf. Eine Möglichkeit der Flucht, wenn auch nur von kurzer Dauer. Schon das Berühren der Rennstrecke tat gut oder der glatte Asphalt, wenn die Speedskates angeschnallt waren. Ich rannte … Bis es gesundheitlich nicht mehr ging. Irgendwann rannte ich also nicht mehr sportlich und doch tat ich es dann noch mehr. Irgendwie blieben die Turnschuhe immer noch an. Völlig unsichtbar. Nirgends blieb ich. Nirgends hielt ich lange. War etwas erreicht, lief ich weiter. Etwas lange erleben, halten war dieses unerträgliche Stehenbleiben und irgendwann merkte ich, wie es kribbelte und eine Unruhe in mir aufstieg. Immer weiter. Selbst als Gefühle und Gedanken einen größeren Sinn ergaben, war es nicht daran anzuhalten. Eher noch mehr zu rennen. Im Leben wurde ich zur Dauerläuferin. Selbst, wenn ich einmal ruhig durch die Stadt spazierte, rannte ich innerlich. Wissen und lernen konnten nie genug sein. Die Arbeit konnte nicht genug sein. Überstunden waren die besten Rennstrecken. Ständig das Gefühl etwas zu verpassen. Nach dem Essen kam das Konzert eine Party und die nächste Party. Dann die Party am nächsten und am übernächsten Tag. Es gab oft warnende Stoppschilder, die rieten anzuhalten. Ich rannte sie um, übersah sie oft oder rannte an ihnen vorbei. Wichtiges vergaß ich oft. Irgendwann schlugen die Stoppschilder alle hart auf meinen Weg und ich konnte sie nur mühsam wieder fortschaffen. Manchmal rannte ich noch weiter. Am meisten rannte ich vor dem weg, was ich liebte, denn das was uns unsicher macht, was ungewohnt ist, was uns zu nah kommt davor fliehen wir. Ich rannte und stürzte mich in andere Dinge.

Doch diese Stoppschilder auf meinen Wegen ließen mich irgendwann nicht mehr laufen und ich hielt an. Musste anhalten. In Gedanken hatte ich immer Turnschuh an. Aber ich bewegte mich eine Zeit lang nicht. Nichts ging. Keine Überstunden. Keine Party. Keine ernüchternden Bettgeschichten. Ich erkannte das Gesundheit wichtiger ist als viele andere Dinge. Wie oft habe ich schon über das Fortlaufen geschrieben oder die innere Gehetztheit? Es war sehr oft. Laufen beschäftigt mich immer. Egal ob die Füße die rennen oder die Gedanken oder das Innere. Aber dieses Jahr hielt ich an. Aus einem Rennen wurde ein zügiger Lauf und aus diesen ein schnelleres Laufen und daraus ein normales Gehen. Das war nicht leicht, aber es brachte mich dazu nicht alles an mir vorüberziehen zu sehen. Und es brachte mich dazu, zu sehen was wesentlich ist. Denn ich lief, rannte ganz schnell, weil ich doch irgendwo auf der Flucht , aber auch ankommen, aber auch manches nicht spüren oder ertragen wollte. Aber nun wo ich weniger durch das Leben renne, genieße ich oft die Ruhe. Einfach das gefunden zu haben, was mich positiv etwas stoppt. Aus der Arbeit ist eine andere aus Leidenschaft geworden. Zu verpassen gab es in den alten Gewohnheiten nicht mehr. Aus den Partys sind mal ganz selten eine aber hauptsächlich Lesungen, lange Spaziergänge oder Klassikkonzerte geworden. Oft auch die Ruhe zu haben zu lesen, wieder zu schreiben. Zeit für wichtige Dinge zu haben. Auch für wichtige Gedanken, Gespräche, Herzensmenschen. Vor der Liebe rannte ich immer weg. Selbst vor meiner größten Liebe, der Literatur. Nun mache ich es nicht mehr und ich merke, dass ich gern laufe, aber es ist besser mit dem zu laufen, was wirklich zufrieden macht. Dann ist es auch leichter nicht vor der menschlichen Liebe fortzulaufen. Ich musste dieses Jahr oft lachen. Auch gestern Abend. Rückblickend stand ich oft auf Partys oder irgendwo anders und führte oft Smalltalks. Verständnis und Gedankentiefe wurde meistens an der Garderobe. Ich tat nicht wesentliche Dinge, die keine Ruhe in das Rennen brachten, sondern es nur antrieben wie gut getrocknetes Holz das Feuer bei einem Waldbrand.

Das Buch Atalanta hat mich sehr berührt und mich wirklich in ein schönes Gedankenlabyrinth gebracht. Laufen ist neben dem Lesen sicher das Gesündeste was es für mich gibt. Nun stehe ich auf keinen Partys oder tue Dinge, die mir nicht gut tun. Ich halte mal an. Ziehe mich nun ohne ein schlechtes Gewissen oft zurück. Genieße Stille und die Natur. Smalltalk ist ein Wort was bei mir kein Zuhause fand. Ich rede über das was ich liebe und das mit Herzensfreude sehr oft. Über Bücher, schöne Zeilen, Ruhe, mein Beruf, tiefe Gedanken und Gefühle. Ich schreibe wieder, was mich auch besser atmen und weniger fortlaufen lässt. Ich laufe immer noch und manches macht immer noch Angst oder erwischt mich immer wieder kalt. Die seelischen Stacheldrähte und körperlichen Hammerschläge vergisst man nie ganz. Sie bringen die Füße und das Innere immer zum Laufen, aber es geht dann etwas besser, wenn man im Leben irgendwo angekommen ist und nicht immer Stoppschilder übersieht, sondern wirklich sehen kann. Das Buch Atalanta hat mich wirklich berührt und führte mich in ein schönes Gedankenlabyrinth. Danke an Lilly Axster.

Siegfried Lenz. Einer der bedeutsamsten Schriftsteller der Nachkriegszeit ist tot. Gedanken dazu …

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>>Auf der Bühne der Welt sind wir alle Debütanten.<< Siegfried Lenz

Nun ist er gegangen als ein großer und kein Debütant. Vielleicht sind wir so in der Welt Debütanten, aber Siegfried Lenz war auf der Welt so gar  kein Debütant im Schreiben.

Heute ist ein nachdenklicher Tag. Zu bearbeitende Texte haben eine komische Stimmung oder sind melancholisch düster. Stress, der mal nichts so positiv ist zieht durch den Tag. Nach Arbeitsschluss genieße ich etwas Kreuzberg. Ich kaufe Bücher ein und bin in Gedanken versunken. Freue mich aber über ein paar antiquarische Buchschätze. Wieder zu Hause ordne ich sie in mein Buchregal. Die Titel überfliege ich nur. Gelesen habe ich sie schon, aber sie erweitern meine Bibliothek. Dann setzte ich mich an den Schreibtisch. Mails nachsehen, Blogs lesen, die üblichen Dinge am PC. Doch dann lese ich als Erste unter den Nachrichten. Siegfried Lenz ist tot.

Er ist ein Nachkriegsschriftsteller, der überragte, aber auch scharf kritisiert wurde. Zu langatmig sei er, zu traurig oder depressiv. Die Liste der Kritik ist leider eine lange. Aber genauso viel Lob erhielt er auch. Ich schließe mich Letzterem an. Für mich ist er sehr bedeutsam.

Habichte in der Luft und die Deutschstunde kommen in meine Gedanken. Bei Habichte in der Luft geht es um Entwurzlung, Krieg, das Finden wollen, davon ablassen und das Fliehen eines Verfolgten. Man muss es genau lesen. Etwas zwischen den Zeilen lesen, um den Bezug des Buchtitels zu der Geschichte zu verstehen. Deutschstunde, habe ich mehrmals gelesen. Eine Arbeit darüber geschrieben. Ich las dieses Buch einmal mit einer Jugendgruppe von einem Deutschleistungskurs, die Berlin besuchte. Schon etwas länger her, aber nun ist dies eine schöne Erinnerung, die mir in den Sinn kommt.

Schon merkwürdig, nun stehe ich an meinem Bücherregal, greife nach Schweigeminute von Siegfried Lenz. Irgendwie ist es noch gar nicht so lange her als ich die Liebesgeschichte an der Ostsee von einem Schüler und einer Lehrerin las. Der Schüler,  dem genau diese Geschichte verfolgt, prägt wie ein rotes Lebensband.

Daneben steht „Die Auflehnung“ Eine Geschichte von einem Fischmeister und Teeverkoster. Beide verlieren wichtige Dinge in ihrem Leben und versuchen diese dann woanders zu finden. Ganz genau kann ich mich nicht mehr an die Geschichte erinnern. Sicher hole ich es nach. Das Buch behalte ich in der Hand.

Ich reise weiter durch mein Bücherregal und entdecke „Der Verlust“ lenz_siegfried_der_verlust

Ein Buch, das mich sehr bewegte.

Ich blättere noch einmal in den Seiten.

Es geht um Ulrich. Einen Reiseführer aus Deutschland. Er zeigt vielen Hamburg, redet und scherzt darüber. Dann bekommt er einen Hirnschlag und verliert seine Sprache, obwohl er noch etwas sagen will. Noch so viel sagen will.

Ich lege das Buch in meine Leseecke. Es wird mein Abendgast sein. Siegfried Lenz gab vielen eine Stimme und bewegte. Er schrieb was andere nur dachten. Tröstlich ist all das bleibt. Seine Bücher bleiben und werden weitergelesen. In Gedenken an einen besonderen Autor, der mich oft begleitete und gerade auch durch seine Werke über Krieg mir viel Lesestoff für meine Schwerpunktthemen gab.

Siegfried Lenz. Der Verlust. Deutscher Taschenbuchverlag. 240 S. 9.99 €

Beate Rösler. Die Reise des Elefantengottes.

Ich schrieb die Rezension und bin noch einmal mittendrin. Noch einmal bin ich gerührt über diese darin vorkommenden Frauenschicksale. Bewegt über die Geschichte an sich, über die vielen unnötigen Vorschriften und Moralvorstellungen eines Landes, aber auch über die Wärme, Verbundenheit, die Hintergründe und die Geschichte Indien und Pakistans.

Der Herbst ist eingezogen und er hat stets viele gute Bücher im Gepäck. Ich liebe es, wenn sich die Blätter draußen färben und die Literatur auch irgendwie noch lebendiger und bunter wird. Dann sitze ich oft am Abend in meiner Leseecke oder auf dem Sofa mit gutem Tee und lese einfach. Genieße die Stille. Oft dieses für mich sein. Nur die Zeilen und gelegentlich das Schnurren meiner Katze sind meine geliebten Mitbewohner.

Bei dem Buch die Reise des Elefantengottes trinke ich viel Darjeeling Tee. Chai Tee. Koche einmal mit Freunden indisch, besuche einmal meinen Lieblingsinder (Swera) in der Bergmannstraße, lese bei dem Essen und reise einige Tage immer wieder zu den Seiten dieses Buches.
Ein Buch, das gelesen indischen Duft verströmt , was neugierig auf Indien macht und noch soviel anderes in sich hat. Ein Lesechatz für die nun bald kommenden kalten Tage.

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Zu Beginn fliegen Asha und Karla in den 60iger Jahren nach Berlin. Asha flieht eher und hinterlässt ihre Familie. Jeglicher Kontakt bricht ab. Eine Zeit später bekommen sie eine gemeinsame Tochter Priyanka. Die viele leider durch eine strenge Lehrerin Bianca nennen.

Bis heute weiß Priyanka nicht warum ihre Mutter Asha von Indien nach Berlin fliehen musste. Asha schweigt darüber. An sie gerichtete Fragen darüber verlaufen ins nichts oder bekommen Antworten, die aussagelose Sätze sind.
Doch Priyanka beschäftigt dies. Ihr Leben ging voran. Ein Mann, Kinder, ein Haus und eine gute Arbeit als Übersetzerin. Mit der Zeit verblassen die Fragen, aber dann erhält sie zum Geburtstag eine Reise nach Delhi- Indien. Asha ist schockiert und verlässt die Feier fast wortlos nur mit einer knappen Verabschiedung.
Schon an dieser Stelle bin ich gerührt. Manche mögen sich über Ashas Schweigen wundern, aber ich verstehe es. So eine Vergangenheit habe ich nicht, aber Dinge, die weh tun, sind manchmal im Schweigen leichter oder schreiben sich in Zeilen nieder, die oft auch versteckt sind und es meist bleiben. Asha hat ihren Ehemann Priyankas Vater verloren.

Die Person Asha berührt mich fast schon mehr als die Protagonistin. Eine Frau, die entweder über Literatur spricht oder andere Menschen zu ihrem Leben befragt. Eine Literaturprofessorin mit viel Eigensinn. Sympathie auf ganzer Ebene für diese Romanfigur, die Beate Rösler geschaffen hat. Sie ist verschwiegen, aber doch so ehrlich. Berührend und mit dem Schmerz des Verlustes geht sie doch irgendwie immer weiter. Ab und zu redet sie noch mit Karl. So auch nach der Geburtstagsfeier. Bei ihm hat sie mehr Worte. Selbst in der U-Bahn hält er ihre Hand.
Ich lese und weiß er ist nicht da, aber doch ist er es für Asha. Eine bewegende Szene.
Asha ist erschüttert über das Geschenk, der Indienreise und selbst dann bricht sich nicht ihr schweigen. Sie lässt ihre Tochter reisen und gibt ihr etwas unsagbar Liebevolles mit. Ganesha, den kleinen Elefantengott. Ihre einzige Erinnerung an Indien. Ein Elefantengott beschützt die Reisenden, bringt Glück , Erfolg und Schutz.

Ich erlebe am Anfang das Familienleben von Priyanka. Ihre Ehe, die irgendwie auch Kanten und eine niedergefallende Routine hat. Spontanität wird zum Fremdwort. Doch ich mag die Familie. Manche Beschreibungen sind so, dass ich mich fast fühle, als säße ich auch am Frühstückstisch, irgendwo im Haus oder fahre mit Priyanka und ihrem Mann auf dem Rad durch Berlin. Alles ist nah und so vertraut geschrieben.

Nach einer guten Vorbereitung auf die bevorstehende Reise , fliegt Priyanka nach Indien.
Ihre Suche führt sie in ein Kinderheim. Auch dies rührt mich. Die Kinder, deren größter Wunsch ein Zuhause und liebende Eltern sind. Es ist aber für viele auch ein Zufluchtsort. Weg von der Straße und weg von schlechten Dingen.
Schnell werden für Priyanka Sehenswürdigkeiten und der Abflugtermin zu Nebensachen. Ich genieße die Seiten als Priyanka in Indien ist. Ein anderes Land, viel Neues, exotisches und es ist mal wieder etwas verreisen ohne die Koffer selbst zu packen. Doch es gibt auch dort Geheimnisse und Schweigen. Wieder Wände, die nicht leicht zu durchbrechen sind.
Aber die Suche bringt auch Antworten, Verständnis und Verbundenheit. Überall ist Ganesha dabei und begleitet die beiden Frauen Asha und Priyanka.

Das Buch und der kleine Elefantengott Ganesha lassen mich noch Tage später nicht los. Ich rede oft über das Buch und diesen Glücksbringer.

Bekanntermaßen kommen ja Dinge oder Glücksbringer zu einem selbst. Man solle sie nie selbst für sich kaufen.

Wie Priyanka in dem so schönen Buch, habe ich auch eine sehr gute Freundin, mit der ich stets verbunden bin. Sie liest aus mir, obwohl ich mich stets bemühe, kein offenes Buch zu sein. Einige Tage später bekam ich ein kleines gestreiftes Säckchen und zum Vorschein kam eben dieser kleine Elefantengott, der mich nun überall begleitet.

Seit ich ihn habe, bringt er mir Glück und ich hoffe er tut es noch viele Male.

So begleitet mich immer ein Stück von diesem schönen Buch.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Aufbau-Verlag und Beate Rösler für die Zusendung dieses Buches. Solche Buchreisen sind die wundervollsten Reisen.

Beate Rössler. Die Reise des Elefantengottes. Aufbau Verlag. 350 S. 9.99 €