Lilly Axster. Atalanta. Läufer_in. Dauerläuferin.

Ich war gestern bei einer Lesung, die großartig war und das besprochene Buch von Lilly Axster „Atalanta“, handelt von einer Läuferin.

SAMSUNG CAMERA PICTURESLilly Axster. Atalanta Läuferin. Zaglossus Verlag. 155 S. 14.95 €

Es ist ein großartiges Buch, dass mich sehr bewegte und auch literarisch, politisch überzeugte. Was ist, wenn der beste Läufer plötzlich eine Läuferin ist? Das Buch ist großartig. Es geht um das Ankommen, sich finden und manchmal einfach die Familie selbst zu wählen. Das immer wieder. Aber es geht auch um die eignen wichtigen Fragen die gestellt werden müssen und für die es irgendwo Antworten gibt. Das Laufen untermalt das Buch ständig und selbst beim Lesen ist ein gewisses Tempo zu spüren. Selbst als ich las, rannte ich. Die Zeilen haben einen temporeichen Takt. So etwas erlebe ich selten, wenn ich lese. Aber es war ein schöner Lauf.

Lan ist schnell und irgendwie denke ich während der Lesung, was es eigentlich heißt zu laufen. Gedanken, die den ganzen Raum durchziehen. Sätze und weitere Gedanken von anderen vermischen sich damit. Ich bin erstaunt und denke weiter. Selbst in der Bahn überlege ich, wie oft wir laufen. Nicht das alltägliche Laufen ist gemeint. Der Sport, die Gesetztheit, das Fliehen, das so viel, aber nicht Anhalten,da das Anhalten was Angst macht. Wir alle laufen. Manche von uns nur mehr als andere Menschen. Nicht nur die Leistungssportler/innen. Mich bewegt dieser Gedanke des Laufens. Selbst in der Nacht, sitze ich noch etwas bei einer sehr guten Freundin und wir reden darüber. Ich bin wenige Jahre Leistungssport gelaufen. Schon in jungen Jahren tat dies gut. Laufen, was zu rennen wird und wie gut es manchmal tat andere laufende Füße hinter sich zu lassen. Ich mochte dieses Gefühl ein Ziel erreicht zu haben. Diese Erschöpfung, die manchmal noch nicht genügte, aber gut tat. Es war das Fliehen vor Dingen, die sich wie Stacheldraht in die Seele und mit körperlichen Hammerschlägen in das Leben wanden, obwohl sie nie gewollt waren. Es war genau die Flucht davor, die für eine gewisse Zeit möglich war. Der gefundene Unterschlupf. Eine Möglichkeit der Flucht, wenn auch nur von kurzer Dauer. Schon das Berühren der Rennstrecke tat gut oder der glatte Asphalt, wenn die Speedskates angeschnallt waren. Ich rannte … Bis es gesundheitlich nicht mehr ging. Irgendwann rannte ich also nicht mehr sportlich und doch tat ich es dann noch mehr. Irgendwie blieben die Turnschuhe immer noch an. Völlig unsichtbar. Nirgends blieb ich. Nirgends hielt ich lange. War etwas erreicht, lief ich weiter. Etwas lange erleben, halten war dieses unerträgliche Stehenbleiben und irgendwann merkte ich, wie es kribbelte und eine Unruhe in mir aufstieg. Immer weiter. Selbst als Gefühle und Gedanken einen größeren Sinn ergaben, war es nicht daran anzuhalten. Eher noch mehr zu rennen. Im Leben wurde ich zur Dauerläuferin. Selbst, wenn ich einmal ruhig durch die Stadt spazierte, rannte ich innerlich. Wissen und lernen konnten nie genug sein. Die Arbeit konnte nicht genug sein. Überstunden waren die besten Rennstrecken. Ständig das Gefühl etwas zu verpassen. Nach dem Essen kam das Konzert eine Party und die nächste Party. Dann die Party am nächsten und am übernächsten Tag. Es gab oft warnende Stoppschilder, die rieten anzuhalten. Ich rannte sie um, übersah sie oft oder rannte an ihnen vorbei. Wichtiges vergaß ich oft. Irgendwann schlugen die Stoppschilder alle hart auf meinen Weg und ich konnte sie nur mühsam wieder fortschaffen. Manchmal rannte ich noch weiter. Am meisten rannte ich vor dem weg, was ich liebte, denn das was uns unsicher macht, was ungewohnt ist, was uns zu nah kommt davor fliehen wir. Ich rannte und stürzte mich in andere Dinge.

Doch diese Stoppschilder auf meinen Wegen ließen mich irgendwann nicht mehr laufen und ich hielt an. Musste anhalten. In Gedanken hatte ich immer Turnschuh an. Aber ich bewegte mich eine Zeit lang nicht. Nichts ging. Keine Überstunden. Keine Party. Keine ernüchternden Bettgeschichten. Ich erkannte das Gesundheit wichtiger ist als viele andere Dinge. Wie oft habe ich schon über das Fortlaufen geschrieben oder die innere Gehetztheit? Es war sehr oft. Laufen beschäftigt mich immer. Egal ob die Füße die rennen oder die Gedanken oder das Innere. Aber dieses Jahr hielt ich an. Aus einem Rennen wurde ein zügiger Lauf und aus diesen ein schnelleres Laufen und daraus ein normales Gehen. Das war nicht leicht, aber es brachte mich dazu nicht alles an mir vorüberziehen zu sehen. Und es brachte mich dazu, zu sehen was wesentlich ist. Denn ich lief, rannte ganz schnell, weil ich doch irgendwo auf der Flucht , aber auch ankommen, aber auch manches nicht spüren oder ertragen wollte. Aber nun wo ich weniger durch das Leben renne, genieße ich oft die Ruhe. Einfach das gefunden zu haben, was mich positiv etwas stoppt. Aus der Arbeit ist eine andere aus Leidenschaft geworden. Zu verpassen gab es in den alten Gewohnheiten nicht mehr. Aus den Partys sind mal ganz selten eine aber hauptsächlich Lesungen, lange Spaziergänge oder Klassikkonzerte geworden. Oft auch die Ruhe zu haben zu lesen, wieder zu schreiben. Zeit für wichtige Dinge zu haben. Auch für wichtige Gedanken, Gespräche, Herzensmenschen. Vor der Liebe rannte ich immer weg. Selbst vor meiner größten Liebe, der Literatur. Nun mache ich es nicht mehr und ich merke, dass ich gern laufe, aber es ist besser mit dem zu laufen, was wirklich zufrieden macht. Dann ist es auch leichter nicht vor der menschlichen Liebe fortzulaufen. Ich musste dieses Jahr oft lachen. Auch gestern Abend. Rückblickend stand ich oft auf Partys oder irgendwo anders und führte oft Smalltalks. Verständnis und Gedankentiefe wurde meistens an der Garderobe. Ich tat nicht wesentliche Dinge, die keine Ruhe in das Rennen brachten, sondern es nur antrieben wie gut getrocknetes Holz das Feuer bei einem Waldbrand.

Das Buch Atalanta hat mich sehr berührt und mich wirklich in ein schönes Gedankenlabyrinth gebracht. Laufen ist neben dem Lesen sicher das Gesündeste was es für mich gibt. Nun stehe ich auf keinen Partys oder tue Dinge, die mir nicht gut tun. Ich halte mal an. Ziehe mich nun ohne ein schlechtes Gewissen oft zurück. Genieße Stille und die Natur. Smalltalk ist ein Wort was bei mir kein Zuhause fand. Ich rede über das was ich liebe und das mit Herzensfreude sehr oft. Über Bücher, schöne Zeilen, Ruhe, mein Beruf, tiefe Gedanken und Gefühle. Ich schreibe wieder, was mich auch besser atmen und weniger fortlaufen lässt. Ich laufe immer noch und manches macht immer noch Angst oder erwischt mich immer wieder kalt. Die seelischen Stacheldrähte und körperlichen Hammerschläge vergisst man nie ganz. Sie bringen die Füße und das Innere immer zum Laufen, aber es geht dann etwas besser, wenn man im Leben irgendwo angekommen ist und nicht immer Stoppschilder übersieht, sondern wirklich sehen kann. Das Buch Atalanta hat mich wirklich berührt und führte mich in ein schönes Gedankenlabyrinth. Danke an Lilly Axster.

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