Patrick Modiano. Aus tiefstem Vergessen. Die Unvergesslichkeit wahrer Liebe.

Manchmal bin ich erstaunt, wie bestimmte Literatur ihre Wege zu mir findet. Ich las von Patrick Modiano „Der Horizont“ doch ich vergaß dies relativ schnell. Fast etwas unbeachtet. Nun ist er Literaturnobelpreisträger.

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Ich war anfangs etwas enttäuscht. Denn meine Meinung bleibt. Die Daumen drücke ich für Haruki Murakami und Philipp Roth. Sicher sind alle Nominierten aber eine große literarische Bereicherung. Verständnislos reagierte ich nur oft, wenn es plötzlich hieß, dass dieser Autor schon so oft gelesen wurde. Bekannt ist nicht umsonst, dass er zwar hochgelobt, auch kritisiert wird, aber in Deutschland recht unbekannt ist. In Frankreich ist er sehr bekannt und schon länger oft gelesen. Sicher wird sich dies zum Glück nun hier auch bald so sein. Nach einigen gelesenen Büchern schätze ich ihn nun sehr. Vorher ist er mir irgendwie fast unbeachtet entgangen.

Ich gab also Patrick Modiano noch eine Chance. Zwei Bücher fielen mir ins Auge. „Aus tiefstem Vergessen“ und Place de l´Etoile.

Zuerst fand „Aus tiefstem Vergessen“ den Weg zu mir.

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Ich las die Rückseite des Buches und es war um mich geschehen. >>Ein Mann sieht in der Metro eine Frau, die vor dreißig Jahren seine Jugendliebe war…<<

Mit dem Buch in der Hand gehe ich die Friedrichstraße entlang. Ich biege in eine Seitenstraße und lese die ersten Zeilen bei einem wunderbaren Tee in eines meiner Lieblingscafés.
Ich bin beeindruckt und völlig gefesselt von die Zeilen Patrick Modiaos. Ein Literaturschatz mit fast warmen anschmiegsamen Worten mischt sich mit meinem freudigen Erstaunen und perfekten Earl Grey.

Ich bin begeistert. Selbst als eine Freundin mit mir zu Abend essen geht, bin ich in Gedanken noch bei dem Buch, möchte mich in meinen Lesesessel werfen und der Geschichte des Ich-Erzählers, Gérard und Jacqueline folgen. Wissend all das findet in Paris und etwas in London statt. Zwei Städte, die ich mit Berlin in mein Herz geschlossen habe, wie die Literatur selbst.

Als ich Zuhause ankomme findet meine Jacke kaum den Haken an der Garderobe. Die Schuhe fallen fast lieblos ins Regal und ich falle sanft in meinen Sessel. Ein kleines Glas französischer Rotwein. Meine Katze nimmt dies alles zur Kenntnis und schmiegt sich schnurrend in den anderen Sessel. Stille.

Es ist 1964. Da sind die Drei wieder. Alle haben etwas Getriebenes, was ich liebe. Sie ziehen umher und verdienen sich ihr Geld mit An-und Verkauf von alten Büchern. Doch dies reicht nicht und es kommt das Glücksspiel dazu. Casinos werden unsicher oder auch gelegentlich ärmer gemacht.

Was für eine Freundschaft, denke ich. Etwas seltsam. Zwei scheinen dieselbe Frau zu lieben. Doch es wird nicht im Detail beschrieben. So wie vieles nicht. Oft wird nur ein Gegenstand in einem Zimmer geäußert, ein Wecker, eine Uhr.

Die Protagonisten werden in dem Buch blass mit Worten gemalt und doch glaube ich sie irgendwie zu kennen. Etwas Platz für ein eigenes Bild und die eigene Fantasie.

Ich mag den Ich-Erzähler und Jacqueline, die zwar ein Hang zu Äther Schnüffelei hat, aber irgendwie sind es alle so liebenswerte nachdenkliche Menschen. Ja etwas chaotisch, aber liebenswert stelle ich sie mir vor.

Jede Seite gibt eine wunderbare Welle mit Erinnerungen und einem von mir literarisch glücklichen Lächeln.

Ich lese immer weiter und spüre die Liebe des Ich-Erzählers zu Jaqueline. Ein Gefühl was Patrick Modiano irgendwie schaffte, in Worten festzuhalten. Zeilen, in denen sich diese Liebe positiv festgebissen hat. Es ist wie ein kleiner Kuss mit nachfolgendem zärtlichem Biss in die Schulter oder Nacken aus einem tiefen reinen Gefühl.

Jacqueline wird von dem Ich-Erzähler nicht vergessen. Sie hatten sich verbunden und dann verloren sie sich. Er erinnert sich und manches scheint er sich nicht zu verzeihen. Ein Wiedersehen nach 15 Jahren ist verschwommen. Es wandelt kaum sichtbar zwischen Wunsch und einer Vielleicht-Realität.

Nach dreißig Jahren sieht er sie endlich wieder. Beide haben ihr Leben gelebt. Irgendwie scheint die Zeit noch einmal stillzustehen. Doch manchmal sind wir sprachlos.

Der Titel „Aus tiefstem Vergessen“ ist passend. Erinnerungen aus der Vergangenheit und dem Vergessen, Bilder die Farbe verlieren und doch für uns wesentliche Menschen vergessen wir nicht.

Das Buch ausgelesen bleibe ich sitzen. Ich fliege noch etwas über die Seiten. Was für ein Buch. Genauso ist Liebe, ein tiefes Gefühl oder Verbundenheit. Es geht nicht einfach fort, sondern Liebe ist unvergesslich. Alles andere ist Schwärmerei, eine Verliebtheit, die viel zu oft mit Liebe verwechselt wird. Denn aus Schwärmerei und Verliebtheit wächst selten nach vergangener Zeit Liebe. Wahrer Liebe begegnen wir nur sehr selten. Sonst wäre sie ja nicht unvergesslich oder so besonders.

Patrick Modiano hat dies grandios eingefangen, ohne zu sehr auszuschmücken oder alles minutiös zu beschreiben. Eine wahre literarische Kunst.

Leider sind es nur 160 Seiten. Viel zu schnell endet das Lesevergnügen. Eine besondere Liebesgeschichte und ein Roman, der die wahre Liebe so unvergesslich beschreibt.

Patrick Modiano. Aus tiefsten Vergessen. Deutscher Taschenbuch Verlag. 160 S. 9.90 € (Ich empfehle aber auch sehr die gebundene Ausgabe für Liebhaber.)

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Ein Kommentar zu “Patrick Modiano. Aus tiefstem Vergessen. Die Unvergesslichkeit wahrer Liebe.

  1. belysnaechte sagt:

    Ich kann auch nimmer aufhören den zu lesen….

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