Malou Berlin. Zeit bis Mitternacht. 25 Jahre Fall der Mauer und ein passendes Buch dazu.

In Berlin sind gerade viele Menschen unterwegs. Die Lichtergrenze zum 25. jährigen Jubiläum des Mauerfalls ist wie ein Magnet. Überall sind Radfahrer und Spaziergänger. Die Atmosphäre ist mit Nachdenklichkeit und einem guten geschichtlichen Bewusstsein getränkt. Etwas, was ich in den Tagen sehr schätze. Es ist gut nicht in der Gegenwart in der Vergangenheit zu leben, aber es ist gut die Vergangenheit immer zu kennen.
Auch ich bin am Abend unterwegs. Mein Lieblingsspaziergang von Kreuzberg über die Friedrichstraße nach Wedding.

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Als ich beim Checkpoint Charlie ankomme, sehe ich die bereits aufgestellten Ballons, der Lichtergrenze. Ich werde nachdenklich. Spaziere etwas weiter. Unendlich lang war die Mauer ist ein Gedanke von mir. Dann der Fall. Bilder tauchen vor meinen Augen auf. Mein Vater, der mit dem Trabi in der Nacht des Mauerfalls losfuhr. Erst am Morgen kam er wieder. Mitgebrachte Mauersteine, mit denen ich im Garten spielte. So viele Berichte im Radio und im Fernsehen. Unaufhörlich.

Ich lasse die Gedanken erst einmal etwas hinter mir.

Am nächsten Tag gehe ich zum Mauerpark. Laufe dann die Bernauer Straße entlang. Die Lichtergrenze trennt zwei Seiten, die doch eigentlich zusammengehören. Ich stelle mich vor einen Ballon. Lege die Tasche zur Seite. Genau in meiner Körpermitte geht nun die Lichtergrenze entlang. Ein komisches Gefühl. Ich mache mehrere Bilder und nehme meine Tasche und gehe weiter.

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Dabei genieße ich die kühle Abendluft und denke an ein Buch, welches ich am Tag ausgelesen habe. Es fesselte mich. Mehr als ich anfangs dachte als ich das Buch erhielt.

Das Buch ist von Malou Berlin „Zeit bis Mitternacht“

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Schon das Cover wirkt nachdenklich. Die ersten Seiten lesen sich sehr schnell und es zog mich absolut in die Geschichte. Wie eine Zeitreise, die lesend aber viel angenehmer und ruhiger ist.
Die Protagonistin Franka, fährt zum ersten Mal nach Ostberlin, um Magdalena zu treffen. Ihr Fragen zu stellen, da sie sich bei einer Freundin Frankas nicht meldet.

Zuerst sitzen beide Frauen an einem Tisch und lachen selbst über banale Klischees. Manche davon stimmen und manche nicht.

„Den meisten Westdeutschen werden zuerst die holprigen Straßen einfallen. Und die preußischen Grenzer.“

„Darüber können sie ewig herziehen. … Militärparaden. Häuser, die ausnahmslos grau sind … „S.12

„Es gibt keinen Kaffee und keine Bananen. Die Technik ist auf dem Stand der fünfziger Jahre. Und manche meinen, die DDR sei das langweiligste Land der Erde.“ S.13

„Die Werbung im Westen ist wirklich furchtbar. Und nervtötend und dumm.“

„Der Westen hinkt um hundert Jahre der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher, mit seinem Papst und der katholischen Kirche“ S.14

Eine interessante Sichtweise über den Papst und die katholische Kirche denke ich und lese weiter.

Magdalena und Franka sind sich auf den ersten Blick sympathisch. Der Funke springt trotz des Hindernisses einer großen Mauer über. Franjas Leben verändert sich. Aus einer Ruhe wird ein Pendeln zwischen Ost und West. Dabei ist die große Liebe nur wenige Straßen entfernt. Doch die Mauer trennt die beiden Frauen, obwohl sie eigentlich zusammengehören. Franka nimmt vieles auf sich und ist gleichzeitig in Sorge um Magdalena, die keinen Westkontakt haben darf.

Beim Lesen spüre ich die Angst, Ungewissheit und die Unsicherheit beider. Wie unangenehm müssen die Grenzkontrollen und für manche, dass nicht Ausreisen gewesen sein? Sicher ein einschränkendes Gefühl.
Ich komme an ein paar Mauerresten vorbei. Halte diese wieder mit der Kamera fest und drücke meine Hand gegen den kalten Beton. Ich habe die DDR nur in jungen Jahren erlebt. Ich fühlte mich trotz dieser Wände frei. Aber das Bewusstsein wächst. Würde ich es heute immer noch tun? Was wäre, wenn meine Liebe, wie in dem Buch dann auch auf der anderen Seite wäre? Merklich wären sogar viele meiner Freunde auf der anderen Seite, also in Westberlin.

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In dem Buch treffen zwei politische Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber Franka. stellt auch fest, dass die DDR auch Stärke und viel Zusammenhalt hat. Durch Magdalena neu betrachtet ist die DDR gar nicht mehr so grau, sondern hat Wärme und trotz der Mauer scheint sie für Franka offener für viele Dinge zu sein. Alles ist irgendwie dann doch auszuhalten und spielt sich ein.

Doch dann verändert der Fall der Mauer alles.

An der Mauer lauter Musik und tanzende Leute. Es ist der absolute Wahnsinn!“ …
„Es drängen immer mehr Menschen über die Grenzübergänge, von der Spree aus sieht man, dass die Oberbaumbrücke total dicht ist, nur Leute, Leute, Leute.“ S.286

Alles ist offen, aber die Mauer hielt zwischen den beiden Frauen etwas aufrecht, was nun mit dem Fall gegangen ist. Konflikte tauchen auf, verengen sich. Sprachlosigkeit und Verwirrtheit nehmen den Platz der Liebe ein. Die Mauer bedeute Freiheit, aber mit ihr verbanden sich auch unterschiedliche politische und menschliche Meinungen. So viele kamen um. Tiere wurden ebenfalls brutal erschossen. Der Preis der Freiheit wurde mit Tode bezahlt.

Plötzlich ist die Mauer weg und für Franka und Magdalena ist alles anders. Manche Problem ändern sich trotz des Mauerfalls nicht, werden dadurch aber deutlicher und sichtbarer im Alltag. Alles ändert sich.

Ein schwieriges und tiefsinniges Thema in dem Buch.

Noch immer stehe ich an dem zurückgebliebenen Mauerstück. Meine Hand ist bereits kalt geworden. Ich nehme sie weg. Betrachte dann die Lichtergrenze und gehe dann nach Hause. Morgen am 9.11.2014 werde ich mit vielen Ballons steigen lassen und den Fall der Mauer feiern.

Ab und zu werde ich an dieses Buch denken, dass so wunderbar tiefsinnig geschrieben wurde. Ich werde meine Herzensmenschen ansehen und an die denken, die woanders feiern. Wir sind hier und sind frei können überall hin.

Was für ein exzellentes Buch zum Mauerfall. Einfach auch in einem sehr guten packenden Schreibstil. Sogar etwas poetisch.

Ich würde es kaum aushalten mit einer Mauer zwischen mir, meiner Liebe und meinen Freunden.

Ja, wir sind hier… alle zusammen …

und die Mauer ist zum Glück am 9. November 1961 vor genau 25 Jahren gefallen.

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Malou Berlin. Zeit bis Mitternacht. Querverlag. 1. Auflage 28. Februar 2006. 14.90 €
ISBN: 978-3896561282

Sebastian Fitzek. Passagier 23.

Ich lese gerade ausgewöhnliche literarische und sehr poetische Romane. Ein Hochgenuss für mich.

Aber gelegentlich, wenn auch recht selten mag ich dazwischen ein anderes Buch aus dem Bereich Horror oder Thriller. Diesmal nicht Stephen King sondern Sebastian Fitzek.

Jährlich verschwinden im Schnitt 23 Menschen bei Kreuzfahrten. Klingt recht wenig und doch manche scheinen wiederzukehren …

So in dem neusten Roman von Sebastian Fitzek. „Passagier 23“

Ich schreibe diese Rezension und denke daran, dass ich Sebastian Fitzek ein erstes Mal sah und mit ihm sprach, nachdem „Die Therapie“ von ihm veröffentlich wurde. Bis heute mein Lieblingsthriller.

Rückblickend ist er nun ein Bestsellerautor und dies völlig zurecht. Seine Bücher versprechen immer Hochspannung und den lesenden guten Nervenkitzel.

Der Protagonist des Thrillers ist Martin Schwartz, Polizeiermittler. Er hat eine traurige Vergangenheit, in der er seine Frau sowie seinen Sohn an Bord eines Kreuzfahrtschiffes verlor.
Sein Leben geht nur mühsam weiter. Denn lieben tut er dieses nicht wirklich. Er ist zu einem extremen Adrenalinsüchtigen geworden.
Doch durch den Anruf einer älteren Dame, die ihm mitteilt mehr über das Verschwinden seiner beiden Lieben zu wissen verändert sich etwas. Etwas Hoffnung keimt auf und etwas später betritt er das Kreuzfahrtschiff „Sultan of the Seas“

Es geht an Bord und der Horror fährt mit.

Ich lerne die Menschen an Bord kennen und überall durchzieht sich ein Schauer.

Keine der Personen mag ich wirklich. Dies ist aber auch nicht nötig. Nur Martin Schwartz gewinnt etwas an Sympathie durch seine erlebte Familientragödie, welche sein merkwürdiges Verhalten ein wenig zu erklären scheint.

An Bord lernt er Anouk, ein Mädchen von elf Jahren kennen. Dies wäre nicht so besonders. Aber Anouk ist wieder zurückgekehrt und in der Hand hält sie den Teddy von Martin Schwartz Sohn.

Schnell stellt sich heraus, dass ich das Buch in der Nacht nicht mehr zur Seite legen werde. Der Wecker klingelt durch einen freien Tag nicht und so kann eine thrillerreiche Nacht fortgeführt werden. 40820855z

Fragen tauchen auf und bilden sich zu weiteren. Gefundene Antworten bringen mich zum Nachdenken oder verunsichern mich. Gelegentlich möchte ich schneller lesen, da ich endlich alles wissen möchte. Ich mache mir in der Zeit nicht einmal einen Earl Grey. Nur weiterlesen. Unaufhörlich. Wäre mein Leseverhalten bei diesem Buch ein zu beschreibendes Naturgeschehen. Es wäre die raue See mit Sturm. Die Wellen schlagen gegen ein Schiff, das ständig auf und ab das Wasser durchschneidet.
Ungewiss, wie alles ausgeht.

Leseadrenalin pur. Ich bin fassungslos über manche Wendungen und froh all seine Bücher gelesen zu haben, denn so manche Person und Satz ist aus einem anderen Thriller von Sebastian Fitzek.

Ich bin positiv überrascht und es ist bereits hell, als ich das Buch ausgelesen haben und somit schließen kann. Zu den Fragen gibt es Antworten, aber manche sind unfassbar. Für mich unfassbar gut und unvorhersehbar. An dieser Stelle sei gesagt bitte wirklich alles in dem Buch lesen. Danksagungen zum Beispiel auch.

Wirklich etwas müde bin ich erleichtert nicht auf einem Kreuzfahrtschiff zu sein, sondern einfach nur mit meiner Katze in einer Wohnung ohne weitere Passagiere an Bord.

Ein Buch, das einem vor Spannung positiv den Schlaf nimmt. Also auch ein Hochgenuss.

Über Kreuzfahrten denke ich jetzt etwas anders.
Ich liebe das Meer. Am meisten die Inseln, die vom weiten Meer umgeben sind und von ihnen aus die Schiffe zu sehen sind.

Eine große Kreuzfahrt habe ich noch nie gemacht. Vielleicht ist es, das ein wenig Gefangensein, was mich stets davon abhielt.

Ich reise lieber mit anderen Verkehrsmitteln. Schiffe sind aus der Ferne am schönsten.

Denn wie schon gesagt 23 Passagiere gehen im Durchschnitt jährlich verloren …

Aber ich finde es war eine großartige unheimliche Schifffahrt. Lesend würde ich immer wieder an Bord gehen.

Sebastian Fitzek. Passagier 23. Droemer Verlag. 30. Oktober 2014. 19.99 €

Herta Müller. Mein Vaterland war ein Apfelkern. Literarische und sprachliche Vollendung auf 240 Seiten.

Eine längere Rezension, aber Gedanken zu einem so großartigen grandiosen Buch müssen festgehalten werden.

Dieses Buch ist so lesenswert, dass es fast unbeschreiblich ist. Aber ich versuche es dennoch.

Nun halte ich es in meiner Hand. Endlich ein neues Buch von Herta Müller. Es ist aus einem langen Gespräch mit der Lektorin Angelika Klammer hervorgegangen.

Ich hatte dieses Jahr das Glück ihr etwas länger während des Literaturfestivals zu begegnen. Ich liebe die Literatur und die Sprache selbst. Herta Müller nutzt diese und aus der Brutalität, die sie erlebte, machte sie etwas Wunderbares. Eine gewaltige literarische Sprache, die sogar zum Tragen des Literaturnobelpreises führte.

Mein Lieblingsbuch von ihr ist bis heute „Herztier“. Ein Schatz über erlebte Geschichte und das Schreiben.

Ja nun lese ich „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ Jede Zeile eines ungewöhnlichen Gesprächs ist ein Genuss und doch da ist es wieder dieses fast schon schwere Aushalten, das sich über das Buch legt. Es ist so unsagbar gut geschrieben. Sehr sprach-und wortleidenschaftlich. Aber Herta Müllers gelebte Geschichte ist eine Schwere. Keine normale Kindheit, die Diktatur in Rumänien, Drohungen, Gewalt, die Deportation der Mutter. Überall spürbarer schneidender Hass. Kontrolle, Bespitzlungen über mehrere Leben. Als ich lese, dass die Wohnung verwanzt war, frage ich mich an der Stelle, wie an vielen Stellen, wie diese Frau so ruhig und stark bleiben konnte.

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Herta Müller. Mein Vaterland war ein Apfelkern. Carl Hanser Verlag GmbH & Co KG. 19.90 €

Ein herausragendes, tief berührendes Buch. 

Es ist ein Buch, das ich die Tage mit Pausen las. Lesen musste. Gelebte erschütternde Geschichte ist selten leicht, zu lesen. In diesem Buch steckt ein ganzes Leben einer großartigen ungewöhnlichen Autorin.

Herta Müller schreibt auch über Freundschaften und eine besondere Freundschaft zu einer Frau namens Jenny. Diese Zeilen fallen mir wieder schwer. Doch mit verschwommen Augen lesen sie weiter. Jenny war eines der besten, engsten Vertrauten von Herta Müller. Doch sie stirbt, genau wie andere Freunde und das Buch scheint plötzlich um weitere Lasten schwerer zu werden. Auch in den folgen Seiten ist Verlust und so viel Erniedrigung, aber auch stets tiefe Angst, die seelisch zerreißend ist.

Pause. Zeit für Gedanken.

Zuerst denke ich, dass Herta Müller oft ähnliche Gedanken hatte oder hat, wie ich.

Sie kann das Leben bis zum Tod mit Glaskügelchen und einem Faden, der zu einer Kette wird beschreiben. Als Kind hat sie Gedanken, die eigentlich Füßchen tragen und wandern. Meine hatten/haben immer Flügel und fliegen umher. Gerade, wenn ich über sie schreibe.

Ich laufe durch meine Wohnung. Lange war ich nicht so froh, dass sie so groß ist. Ich laufe durch das Wohnzimmer, den langen Flur entlang, an der Bibliothek vorbei, durch das Schlafzimmer und in das Arbeitszimmer. Das ist gut. Was für ein aufwühlendes schonungsloses Buch und dabei ein endloser literarischer, geschichtlicher Reichtum.

Im Leben erlebte ich vielleicht auch Einiges, aber dies? Ich bewundere Herta Müller dafür, dass sie so aufrecht geht. Woanders hinging nach all dem Erlebten. So oft musste sie verlieren, hatte Ängste, musste fort und dann in ihrer Verzweiflung schreibt sie. Die Rettung, wie ein Rettungsring mit Seil in stürmischer See kurz vor dem Ertrinken. Der Rettungsring, der half und eine der besten Autorinnen der Welt hervor brachte.

Ich laufe wieder zurück. Im Wohnzimmer an der Wand und wie auch in diesem Blog bei „über mich“ steht folgender Spruch:

„Ich habe mir nie vorgenommen, zu schreiben. Ich habe, damit angefangen als ich mir nicht anders zu helfen wusste.“ Herta Müller

Dieser Satz begleitet mich selbst und passt so sehr. Zum Glück kam Herta Müller zum Schreiben. Seit Jahren und schon vor dem Literaturnobelpreis entdeckte ich sie. Mit dem Erhalt des Literaturnobelpreises las ich all ihre Bücher und greifbaren Texte. Herta Müller wurde so neben einer sehr bekannten englischen Autorin zu meiner Lieblingsautorin.

Ich wandere nicht mehr durch meine Wohnung, sondern zart und gewissenhaft weiter über die Seiten. Lese über die Schicksale ihrer Freunde und ihren engen Freund Oskar Pastior, der auch viel zu früh ging. Zwischen den Zeilen scheinen Tränen zu sein. Oder der Regen von dem Cover des Buches, der sich mit den Buchstaben vermischt. Harter Regen. Dunkle Wolken schütten ihn über manche Leben einfach aus.

Wer so schreiben kann, weiß, dass das Leben nicht eine ständige Nahrung aus strahlendem Sonnenschein hat. Die Nahrung des Lebens ist oft bitter und bringt mehre Tode. Nicht nur von geliebten Menschen, sondern auch der Seele. Herta Müller hasst das Leben trotz allem nicht.

Überleben ist all dies für eine Kunst zu nutzen. In ihrem Fall das Schreiben.

Stets der unendliche Wille und die Kraft, zu überleben. Sie schreibt auch in diesem Buch so außergewöhnlich.

Herta Müller braucht die Schönheit, der Sätze, etwas Halt gegen das Elend des Lebens.

Ich lese weiter. Leben ist Literatur und der Wille sich selbst zu erhalten. Ja irgendwie zu retten.

Als ich lese, dass Pflanzen im Winter nicht da sind und diese im Frühjahr ja wiederkommen, wir aber einfach unter der Erde verschwinden bin ich sprachlos. Der weiche Lesesessel erscheint nach all den Zeilen plötzlich hart.
Und doch in der dieser ganzen Gewalt und Lebenshärte in diesem Buch ist das Weitergehen Herta Müllers, aber auch der Überlebenswille, die Würde, die sie behalten hat, die ihr niemand stellen konnte, das was so sehr berührt. So tief, dass die Sätze in dieser Rezension gar nicht genügen.

Alles ist ergreifend. Ein höchst intensives und außergewöhnliches Buch. Erstklassig und gut ist, dass herrschende brutale Lebensgewalt zu einer makellosen literarischen Sprachgewalt führen kann.

Mein Buch des Jahres. Sicher gibt es in diesem Jahr kein Besseres. In jedem Wort ist ihr höchstes Maß an Schreibkunst zu spüren. Genauso sollte eine Lebensgeschichte erzählt werden.

Meine Liebe zur Literatur ist endlos und gelesen habe ich schon sehr viel. Aber Herta Müller „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ übertrifft vieles. Selten hatte wohl ein Gespräch ein so hohes gutes Ergebnis. Für mich literarische Vollendung auf 240 S.

Alain Claude Sulzer. Aus den Fugen. Ein perfekt komponierter Roman.

Ich sitze im BKA-Theater, welches ich sehr schätze. Die Show mit Sven Ratze und seinem auffallend guten Pianisten war wie immer grandios. Nun ist kein Gast mehr da. Der Pianist ist an der Bar. Ein Glas Wein.

Einkehrende Ruhe.

Durch eine Absprache darf ich zum Klavier. Langsam berühre ich den Deckel und denke an das Buch „Aus den Fugen“ von Alain Claude Sulzer.

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Ich habe dieses Buch von einer meiner absoluten Lieblingsbuchhändlerinnen empfohlen bekommen. Eine Empfehlung, die auch abermals genau richtig war.

Ich merke, wie ich fast unbemerkt die Tasten drücke, den Tönen lausche. Dieser Klang … wunderbar.

Meine Gedanken kehren wieder zu dem Buch zurück. Es war literarisches Klangerlebnis, welches unvergesslich für mich war und bleiben wird.

Der Protagonist Marek Olsberg liebt das Klavierspiel. Er lebt diese Leidenschaft auch beruflich als hervorragender Pianist. In all den Jahren ist er zu einem Star geworden.

Es ist Herbst. Ein Konzert in der Berliner Philharmonie steht an. Die Blätter fallen und mit den Blättern, dem üblichen Alltag vieler geht auch etwas in Marek Olsberg vor.

In einem Zug lese ich das Buch aus. Nicht nur, weil ich das Spiel eines Klaviers liebe. Ich kann nicht aufhören, da alle Geschichten von Menschen erzählt werden, die das Konzert besuchen wollen. Beim Lesen blicke ich in Familien, erfahre etwas über eine Männerliebe. Informationen zu Menschen, die eigentlich nur die Gemeinsamkeit haben, am Abend auf ein Klavierkonzert zu gehen.
Es ist spürbar, wie wertvoll ein Konzert sein kann. Nur ein Konzert am Abend aber dennoch richten wir oft den ganzen Tag danach aus.

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Marek Olsberg spielt, spielt großartig und schlägt dann den Klavierdeckel zu.

Stille.

Es ist diese Stille, die ich allein durch die Vorstellung spüre. Ich liebe Stille, aber diese ist schon fast unangenehm und faszinierend zugleich. Keine Klaviertaste geht. Jeder kleinste Atem scheint laut zu sein. Am ganzen Körper spüre ich diese Faszination der Stille und dem bewundernswerten Mut Olsberg.

Doch ein geschlossener Klavierdeckel hat Folgen. Nicht nur für Marek Olsberg, den Starpianisten, sondern für alle. Ein Skandal und der perfekte Stoff für einen Roman, der ist wie ein perfekt komponiertes Klavierstück.

Alain Claude Sulzer. Aus den Fugen. Galiani-Berlin. 4.Auflage 16. August 2012. 18.99