Herta Müller. Mein Vaterland war ein Apfelkern. Literarische und sprachliche Vollendung auf 240 Seiten.

Eine längere Rezension, aber Gedanken zu einem so großartigen grandiosen Buch müssen festgehalten werden.

Dieses Buch ist so lesenswert, dass es fast unbeschreiblich ist. Aber ich versuche es dennoch.

Nun halte ich es in meiner Hand. Endlich ein neues Buch von Herta Müller. Es ist aus einem langen Gespräch mit der Lektorin Angelika Klammer hervorgegangen.

Ich hatte dieses Jahr das Glück ihr etwas länger während des Literaturfestivals zu begegnen. Ich liebe die Literatur und die Sprache selbst. Herta Müller nutzt diese und aus der Brutalität, die sie erlebte, machte sie etwas Wunderbares. Eine gewaltige literarische Sprache, die sogar zum Tragen des Literaturnobelpreises führte.

Mein Lieblingsbuch von ihr ist bis heute „Herztier“. Ein Schatz über erlebte Geschichte und das Schreiben.

Ja nun lese ich „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ Jede Zeile eines ungewöhnlichen Gesprächs ist ein Genuss und doch da ist es wieder dieses fast schon schwere Aushalten, das sich über das Buch legt. Es ist so unsagbar gut geschrieben. Sehr sprach-und wortleidenschaftlich. Aber Herta Müllers gelebte Geschichte ist eine Schwere. Keine normale Kindheit, die Diktatur in Rumänien, Drohungen, Gewalt, die Deportation der Mutter. Überall spürbarer schneidender Hass. Kontrolle, Bespitzlungen über mehrere Leben. Als ich lese, dass die Wohnung verwanzt war, frage ich mich an der Stelle, wie an vielen Stellen, wie diese Frau so ruhig und stark bleiben konnte.

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Herta Müller. Mein Vaterland war ein Apfelkern. Carl Hanser Verlag GmbH & Co KG. 19.90 €

Ein herausragendes, tief berührendes Buch. 

Es ist ein Buch, das ich die Tage mit Pausen las. Lesen musste. Gelebte erschütternde Geschichte ist selten leicht, zu lesen. In diesem Buch steckt ein ganzes Leben einer großartigen ungewöhnlichen Autorin.

Herta Müller schreibt auch über Freundschaften und eine besondere Freundschaft zu einer Frau namens Jenny. Diese Zeilen fallen mir wieder schwer. Doch mit verschwommen Augen lesen sie weiter. Jenny war eines der besten, engsten Vertrauten von Herta Müller. Doch sie stirbt, genau wie andere Freunde und das Buch scheint plötzlich um weitere Lasten schwerer zu werden. Auch in den folgen Seiten ist Verlust und so viel Erniedrigung, aber auch stets tiefe Angst, die seelisch zerreißend ist.

Pause. Zeit für Gedanken.

Zuerst denke ich, dass Herta Müller oft ähnliche Gedanken hatte oder hat, wie ich.

Sie kann das Leben bis zum Tod mit Glaskügelchen und einem Faden, der zu einer Kette wird beschreiben. Als Kind hat sie Gedanken, die eigentlich Füßchen tragen und wandern. Meine hatten/haben immer Flügel und fliegen umher. Gerade, wenn ich über sie schreibe.

Ich laufe durch meine Wohnung. Lange war ich nicht so froh, dass sie so groß ist. Ich laufe durch das Wohnzimmer, den langen Flur entlang, an der Bibliothek vorbei, durch das Schlafzimmer und in das Arbeitszimmer. Das ist gut. Was für ein aufwühlendes schonungsloses Buch und dabei ein endloser literarischer, geschichtlicher Reichtum.

Im Leben erlebte ich vielleicht auch Einiges, aber dies? Ich bewundere Herta Müller dafür, dass sie so aufrecht geht. Woanders hinging nach all dem Erlebten. So oft musste sie verlieren, hatte Ängste, musste fort und dann in ihrer Verzweiflung schreibt sie. Die Rettung, wie ein Rettungsring mit Seil in stürmischer See kurz vor dem Ertrinken. Der Rettungsring, der half und eine der besten Autorinnen der Welt hervor brachte.

Ich laufe wieder zurück. Im Wohnzimmer an der Wand und wie auch in diesem Blog bei „über mich“ steht folgender Spruch:

„Ich habe mir nie vorgenommen, zu schreiben. Ich habe, damit angefangen als ich mir nicht anders zu helfen wusste.“ Herta Müller

Dieser Satz begleitet mich selbst und passt so sehr. Zum Glück kam Herta Müller zum Schreiben. Seit Jahren und schon vor dem Literaturnobelpreis entdeckte ich sie. Mit dem Erhalt des Literaturnobelpreises las ich all ihre Bücher und greifbaren Texte. Herta Müller wurde so neben einer sehr bekannten englischen Autorin zu meiner Lieblingsautorin.

Ich wandere nicht mehr durch meine Wohnung, sondern zart und gewissenhaft weiter über die Seiten. Lese über die Schicksale ihrer Freunde und ihren engen Freund Oskar Pastior, der auch viel zu früh ging. Zwischen den Zeilen scheinen Tränen zu sein. Oder der Regen von dem Cover des Buches, der sich mit den Buchstaben vermischt. Harter Regen. Dunkle Wolken schütten ihn über manche Leben einfach aus.

Wer so schreiben kann, weiß, dass das Leben nicht eine ständige Nahrung aus strahlendem Sonnenschein hat. Die Nahrung des Lebens ist oft bitter und bringt mehre Tode. Nicht nur von geliebten Menschen, sondern auch der Seele. Herta Müller hasst das Leben trotz allem nicht.

Überleben ist all dies für eine Kunst zu nutzen. In ihrem Fall das Schreiben.

Stets der unendliche Wille und die Kraft, zu überleben. Sie schreibt auch in diesem Buch so außergewöhnlich.

Herta Müller braucht die Schönheit, der Sätze, etwas Halt gegen das Elend des Lebens.

Ich lese weiter. Leben ist Literatur und der Wille sich selbst zu erhalten. Ja irgendwie zu retten.

Als ich lese, dass Pflanzen im Winter nicht da sind und diese im Frühjahr ja wiederkommen, wir aber einfach unter der Erde verschwinden bin ich sprachlos. Der weiche Lesesessel erscheint nach all den Zeilen plötzlich hart.
Und doch in der dieser ganzen Gewalt und Lebenshärte in diesem Buch ist das Weitergehen Herta Müllers, aber auch der Überlebenswille, die Würde, die sie behalten hat, die ihr niemand stellen konnte, das was so sehr berührt. So tief, dass die Sätze in dieser Rezension gar nicht genügen.

Alles ist ergreifend. Ein höchst intensives und außergewöhnliches Buch. Erstklassig und gut ist, dass herrschende brutale Lebensgewalt zu einer makellosen literarischen Sprachgewalt führen kann.

Mein Buch des Jahres. Sicher gibt es in diesem Jahr kein Besseres. In jedem Wort ist ihr höchstes Maß an Schreibkunst zu spüren. Genauso sollte eine Lebensgeschichte erzählt werden.

Meine Liebe zur Literatur ist endlos und gelesen habe ich schon sehr viel. Aber Herta Müller „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ übertrifft vieles. Selten hatte wohl ein Gespräch ein so hohes gutes Ergebnis. Für mich literarische Vollendung auf 240 S.

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6 Kommentare zu “Herta Müller. Mein Vaterland war ein Apfelkern. Literarische und sprachliche Vollendung auf 240 Seiten.

  1. […] neugierig auf Pierre Lemaitres Buch Wir sehen uns dort oben, während die Gedankenlabyrintherin Mein Vaterland war ein Apfelkern von Herta Müller zu ihrem Buch des Jahres erkoren […]

  2. Muromez sagt:

    Liebe Gedankenlabyrintherin,

    auch ich habe das Buch neulich gelesen, es ähnlich wie du als berührend und aufschlussreich empfunden.

    Deine Besprechung und deine Gedanken dazu haben mir sehr gefallen. Danke dafür!

    Grüße
    Muromez

  3. […] [Anmerkung: Eine weitere Besprechung zum Gesprächsbuch findet sich bei der Gedankenlabyrintherin.] […]

  4. tlaoks87 sagt:

    Liebe Gedankenlabyrintherin,

    vielen Dank für deine wunderschönen Gedanken zu Herta Müllers Roman. Ich bin absolut begeistert von ihren Werken und dufte sie einmal bei einer Lesung in Lübeck erleben. Ein absolutes Highlight! 🙂 Herztier habe ich geliebt und Der Fuch war damals schon der Jäger verschlungen. Im Moment liegt hier noch Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel ungelesen herum, aber ich muss wirklich in einer besonderen Stimmung sein, um ihre Wortkunst so richtig schätzen zu können. Deine Rezension hat mir so viel Spaß gemacht – vielleicht heute abend 😉
    Mein Vaterland war ein Apfelkern merke ich mir auf jeden Fall,

    liebe grüße,
    eva

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