Margot Friedlander. „Versuche, dein Leben zu machen.“ Als Jüdin versteckt in Berlin. Gegen das Vergessen.

Mein erster Beitrag im Jahr 2015 stammt nicht aus der Belletristik, sondern der Geschichte. Es ist am späten Nachmittag und ich sitze nach einer Lesung nach einigen Monaten wieder neben Margot Friedlander, rede mit ihr. Eine Ehre. Das bringt mich zum Nachdenken. SAMSUNG CAMERA PICTURES

Ich blicke noch einmal kurz zurück in das Jahr 2014, aber nicht auf die wundervollen Bücher, sondern diesmal auf die politischen und allgemeinen Entwicklungen. Wenn ich dies tue, tue ich es jedes Mal mit einem weiteren Blick zurück, als ich studierte und für mein Schwerpunkthema Nationalsozialismus und Rechtsextremismus oftmals belächelt oder nicht verstanden wurde.

Themen, die mich durch die Geschichte meiner Großeltern aber stets begleiteten. Sie haben viel erlebt, mussten fliehen sahen, wie Freunde von ihnen erschossen wurden und wie der Todesmarsch in ihrem Dorf lief. Bilder, die ich selbst zum Glück nicht sah und doch waren sie vor meinen Augen. Also wählte ich diese Themen.

So oft saß ich bei meinen Großeltern oder Überlebenden des Holocaust und hörte ihnen zu. Genau diese Geschichten, die sie prägten und von denen ich merkte, dass sie, sie immer noch begleiteten brachte mich dazu gegen das Vergessen einzutreten. Im Jetzt sind meine Großeltern, wie viele aus der Zeit schon gestorben, aber ich weiß sie würden voller Missmut und Angst auf die heutigen Entwicklungen blicken.

2014 zog Hass und Menschenverachtung wieder ein. Homophobie ist plötzlich ein Wort, welches häufig gehört und gelebt wird, Kriege gehen mit Terrorismus nebeneinander her und werden weitergeführt ohne jegliches Gewissen, dass es immer die Unschuldigen trifft, die, die Opfer des Krieges sind. Nicht aber die Menschen, die wahrlich den Krieg führen. Es brodelt der Hass und gegen Ende des Jahres, wachsen zusätzlich Gruppen aus einer Angst wie Pegida plötzlich, wie Unkraut hervor. Dies alles hinter einem Schleier mit der Aufschrift wir sind keine Nazis. Doch genau betrachtet ist die Bilanz erschreckend, sie schreien „Ausländer raus“. Sie verstecken sich hinter dem Christentum, stellen sich als Retter des Abendlandes vor und das obwohl ihnen dies selbst erbanden gekommen ist. Vorbei mit der Nächstenliebe. Sie leben den Gegensatz des Christentums und der nötigen Menschlichkeit, lächeln bei Interviews in die Kamera und stellen haarsträubende aus ihren unsinnigen Ängsten gewachsene Thesen auf, in denen falsche Behauptungen, wie der Islam sei bald überall und dies seien alles gefährliche Menschen, bei den Ausländern gibt es mehr Kriminalität, die Ausländer seien an allem schuld, bringen die Pest, nehmen uns das Geld weg an der Tagesordnung stehen. Selbst gemeißelte ideologische Aussagen, die nur erschüttern und keine weiteren Meinungen zulassen. Außerdem von Parteien wie CSU und AfD noch gestützt werden. Die Bewegung nach rechts bringt Fassungslosigkeit in viele Gesichter.

Für mich ist all das der Moment, in dem es wichtig ist zu reden. Bloß nicht schweigen. Schweigen führte schon in der Vergangenheit zu Folgen, die zu unermesslich viel Leid und Toten führten. Ich lese wieder unzählige Bücher über Rechtsextremismus und Holocaustüberlebenden. In meinem Bücherregal stoße ich wieder auf Margot Friedlander. „Versuche dein Leben zu machen“ Als Jüdin versteckt in Berlin. Umso großartiger sie jetzt zu sehen.

Margot Frielander ist 21 am 20. Januar 1943 als sie ihre Mutter und ihren Bruder treffen will, findet sie anstatt ihnen einen Zettel mit der Aufschrift der Mutter: „Ich habe mich entschlossen, mit Ralph zu gehen, wohin immer das auch sein mag. Versuche, dein Leben zu machen.
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Diese Worte müssen in Margot Friedlanders Ohren, wie eine schier unüberwindbare Last gewesen sein. Sie beschließt unterzutauchen. Einfach weitermachen. Ständig von der Angst begleitet entdeckt zu werden flieht sie, färbt sich die Haare, lässt sich die Nase operieren, taucht ab, sucht sich immer wieder neue Unterkünfte. Es gelingt ihr über 15 Monate verborgen zu bleiben. Sie entkommt sogar der Gestapo. Im April 1944 endet das Verstecktsein durch Juden, die Juden verraten, um zu überleben und sie wird nach Theresienstadt deportiert. Mit viel Glück überlebt sie. Bleibt und heiratet dort und emigriert dann mit ihrem Mann in die USA. Doch die Mutter und der Bruder überleben den Holocaust nicht, sondern werden in Auschwitz ermordet.

Alles ist so intensiv beschrieben, dass ich mich hinein fühlen kann, den Schmerz spüre, die Angst, die mir selbst fast die Kehle zuschnürt und der Wahn des Krieges mit seinem erschreckenden Ausmaß. Dieser vernichtende Hass und Gewissenlosigkeit anderer Menschen gegenüber. Wie gesagt schon mehrmals bin ich Margot Friedlander begegnet. Ich könnte ihr noch tausend Mal begegnen und es wäre eine Ehre für mich.

Oft schauen wir Stars an, schauen sogar zu ihnen auf, aber ich tue dies selten bis gar nicht, aber Menschen, wie Herta Müller und Margot Friedlander beeindrucken mich.

Margot Freidlander war so unglaublich tapfer. Ich bin erstaunt über soviel alleinigen Lebenswillen. Dieser Mut, der niemals dem Aufgeben wich. Gut, dass sie überlebt hat und gegen das Vergessen des Nationalsozialismus soviel tut. Mit 93 Jahren hält sie noch Lesungen an Schulen, Instituten. Ihr Terminkalender ist voll, kein freier Tag. Ich frage sie noch, wie es für sie ist all diese Veränderungen in Richtung Hass zu sehen? Sie antwortet mir ausführlich damit, dass sie einfach gegen das Vergessen antritt in dem sie aufklärt, redet, ihre Geschichte erzählt.

Genau, das ist zu tun. Wir dürfen nicht vergessen und müssen die Fehler aus der Vergangenheit ruhen lassen. Nichts ist schlimmer als Verletzungen der Menschlichkeit. Mögen noch viele sie hören und zur Besinnung kommen.

Am Ende verabschiede ich mich wieder herzlich und gerührt von ihr. Ja, ich bewundere Menschen, wie Margot Friedlander. Diese Menschen können die Geschichte nicht nur aus Büchern lesen, sondern sie haben diese Geschichte aus den vielen vielen Büchern erlebt.

Heute Jahre später werde ich nicht mehr belächelt dieses Thema studiert zu haben, es kommen keine Sprüche wie „Ach das war mir schon in der Schule zu viel“ Nein die Thematik Rechtsextremismus, die Ideologie des Hasses sind heute aktueller denn je.

Margot Friedlander ist eines der Menschen, zu denen wir aufschauen können, ihr zuhören sollten. Gerade die Zweifler, die Menschen, die gerade menschenverachtend handeln und dies nicht einmal im Bewusstsein wissen, sollten zuhören und sich genau informieren. Die Vergangenheit zeigt schon oft genug, dass genau dieses Wegsehen von Tatsachen, eine unberechtigte Angst und Nicht-Wissen zu einer Katastrophe führen.

!!Mögen Menschen, wie Margot Friedlander noch viel bewegen und mögen die Menschen gegen den Nationalsozialismus gegen das Vergessen immer in der viel größeren Mehrheit sein.!!

Wenn wir die gelebte Geschichte, die in Büchern geschrieben steht vergessen wiederholen wir die Fehler daraus, die nur auf Papier geschrieben bleiben sollten.

Möge es bei dem Papier bleiben. Gegen das Vergessen.

Einen herzlichen Dank an Margot Friedlander.

Margot Friedlander. Malin Schwerdtfeger. „Versuche, dein zu machen.“ Als Jüdin in Berlin. Rowohlt Berlin. 7.März. 2008. 272 S. gebundene Ausgabe 19.90 € Taschenbuch 8.99 €

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Ein Kommentar zu “Margot Friedlander. „Versuche, dein Leben zu machen.“ Als Jüdin versteckt in Berlin. Gegen das Vergessen.

  1. […] erzählt von ihrem Treffen mit Margot Friedländer, die den Holocaust überlebt hat und kommt zu dem Schluss “Nichts ist schlimmer als die […]

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