Dina Nayeri. Ein Teelöffel Land und Meer

Ich streife regelmäßig durch Berlin und Umgebung, um neue Bücher zu entdecken. Manchmal ist dies schwierig und doch gelingt es mir ab und zu. Diesmal natürlich in einer kleinen Buchhandlung, die völlig fernab von Bestsellern und normaler literarischer Kost ist. Als ich den Buchtipp sah, gefiel mir der Titel so gut. Innerlich wiederholte ich diesen. Ein Teelöffel voll Land und Meer. Vielleicht hatte ich es aber auch nur einfach oft übersehen. Noch einmal „Ein Teelöffel voll Land und Meer“…

…Wundervoll.

Später lese ich hinein und bin überzeugt, das es mein nächstes Buch wird.  Nayeri_Cover.indd

Die Seiten erzählen von einem 11 jährigen Mädchen namens Saba, welches im Iran lebt. Eines Tages verschwinden ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester. Saba ist schwer getroffen und trotzdem hat sie immer Hoffnung, wie ein hohes loderndes Feuer. Eine Hoffnung, die ich bewundere.

Das Mädchen Saba denkt nicht negativ, sondern meint Mutter und Schwester irgendwann wieder zu sehen, Trotz der anderen Meinungen der anderen Bewohner im Dorf, das ihre Zwillingsschwester ertrunken sei, glaubt sie beide sind nach Amerika gegangen. Vielleicht aus Sehnsucht und dem eigenen Wunsch einmal in diesem Land zu sein, denkt sich Saba Geschichten aus, die sich um das glückliche Leben der Mutter und ihrer Schwester Mahtab ranken. Dort scheint alles freier zu sein. In den Geschichten geht Mahtab sogar nach Harward. Irgendwie der Gegensatz vom Iran. Saba erzählt als wäre alles wirklich geschehen. Oft bin ich berührt. Sicher wäre Saba eine wundervolle Geschichtenschreiberin.

Das Buch erzählt die Geschichte von Saba über Jahre. Sie selbst wächst mit ihren engen Freunden Reza und ihrer besten Freundin Ponneh auf. Alle drei gehen durch das Leben und es ist deutlich zu spüren, wie das Leben im Iran immer schwieriger wird. Anstatt zu viel heißt es stets wenig. Besonders für die Frauen ein Leben mit Einschränkungen und oft genommener Freiheit. Auch Saba erfährt dies am eigenen Leib. Auch durch ihren Vater. Doch dann sind da immer wieder die Geschichten, wie voller Sonne von Saba in dem ihre Mutter und Mahtab so unglaublich frei sind. Frauen, die nicht eingeschränkt werden, die freie Kleidung tragen, freie Bildung genießen und wahre Kultur erleben. Dieser Roman ist nicht nur ein einfacher Roman, sondern zeigt auch die Geschichte des Irans, die Lebensumstände von Frauen und selbst die Politik, Machenschaften und die Befürwortung von Gewalt. Immer wieder die heftigen Gegensätze aus Freiheit und dann immer noch zu wenig Frauenrechte.

Gerade diese Perspektiven sind interessant und auch heute in vielen Diskussionen sehr aktuell. Vieles in dem Buch machte mich nachdenklich. Wir leben so frei und beschweren uns selbst darüber noch oft. Im Iran ist die Welt oft anders.

Dieses Land wird auch dazu in vielen Zeilen mit völliger Schönheit beschrieben. Vielleicht wird das leider oft vergessen. Die Natur, Landschaften, der Zusammenhalt und auch vorhandene Liebe werden beschrieben. Somit ein gutes Buch, das ein Konfliktland auch einmal aus allen Seiten beleuchtet. Was für ein Land. Ein schöner neuer Blick durch diesen Roman.

Es ist viel wissenswertes aus dem Buch zu ziehen und immer wieder wirken Sabas Geschichten so echt. Eine Verbindung, die sie vielleicht einfach hat. Oder ist doch alles wahr und nicht nur eine sehr ausgeschmückte eigene Sehnsucht von Saba? In meinem Kopf bilden sich ab und zu auf den Seiten Fragenlabyrinthe. Aber ich lese weiter, bekomme Antworten.

Am Ende bin ich selbst noch nach Tagen begeistert. Das Buch ein „Teelöffel Land und Meer“ ist eher eine riesige großartige Schüssel voll Land und Meer. Sicher streife ich bald wieder in Buchläden, die mir so solche Neuentdeckungen bringen und wer weiß vielleicht entdecke ich ja wieder ein Buch, das so gewinnbringend ist. Ich werde berichten.

Dina Nayeri. Ein Teelöffel Land und Meer. Mareverlag. 528 S. gebunden 22 €

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Paulo Coelho. Untreue

Mal wieder ein Coelho. Ich habe all seine Bücher gelesen. Irgendwie gleichen sie sich und irgendwie auch nicht. Immer geben sie mir etwas mit oder ich erkenne mich in ihnen an Stellen wieder. Sicher ist dies auch das Erfolgsrezept von Paulo Coelho. Seine Bücher sind menschlich. Mitten aus der Realität. Echt. SAMSUNG CAMERA PICTURES

Coelhos neuer Roman beginnt damit, dass eine äußerst gut gestellte Frau namens Linda ihr Leben beschreibt. Sie ist Journalistin bei einer Tageszeitung mit einer hohen Auflage. Ein Leben, dass eigentlich mit Ihrem Mann und zwei Söhnen rundum perfekt klingt. Doch jeden Morgen, wenn sie aufwacht würde sie die Augen am liebsten wieder schließen.

Es scheint nach außen hin das hinreißende und glänzende Leben zu sein. Doch im Inneren ist die Frau zerrissen und quält sich. Eine Depression läuft mit ihr wie ein zweiter dunkler Schatten. Ihr Mann kümmert sich weiter um sie und doch bricht Linda aus.
Sie lernt andere Menschen kennen, nimmt Drogen, fällt  sogar in richtige Exzesse. Doch es ist beim Lesen zu spüren, dass es mehr um sie geht als um ihr Leben mit der Familie. Doch sie macht ihr nun gelebtes Drama immer noch enger und neben den Exzessen geht sie auch fremd.
Für sich entdeckt sie dadurch auch vieles und reflektiert, erkennt.

Es sind viele Seeleneinblicke einer jungen Frau, die an dem allem was sie hat, doch gescheitert ist. Selbst ihre Stadt in Genf wird als trist und nicht erfüllend bezeichnet. Lesend ist auf vielen Seiten eine Depression zu spüren. Es ist aber keineswegs erdrückend. Eher lese ich weiter, da ich wissen möchte wo der eingeschlagene so andere Weg die Frau hinführt.

Ich weiß nicht, ob ich dann erleichtert bin, als Linda rückblickend alles betrachtet, zurückkehrt und sie mit ihrem Mann bei einem Essen mit anderen sitzt. Ein Gespräch kommt in Gang und lässt Linda nachdenklich werden. Auch Sex spielt eine entscheidende Rolle. Kann Untreue auch befreien? Was bleibt nach Jahren der Ehe auf der Strecke? Ist es das komplette Ausleben von allem oder doch die Treue, die Halt gibt? Freiheit und Verbundenheit? Geht dies zusammen? All diese Fragen, die wir uns oft in Beziehungen stellen werden beantwortet. Bringen Nachdenklichkeit.

Vielleicht bin ich anders als Linda, würde gehen, eine neue Wohnung nehmen, die Kinder sicher mitnehmen und die Freiheit, den Ausbruch genießen.

Untreue ist kein Grund zur Verurteilung, wie ich finde, sondern ein klares Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Viele vergessen hinter die Fassaden zu blicken. Ein Ausbruch, eine Lebensänderung kann auch immer gut sein. Sollte vielleicht nur nicht in Drogen münden.

Ja, viele so denke ich, werden das Buch lesen und Lindas Verhalten nicht gut finden, jubeln, wenn sie zurückkehrt, den Mann nicht verstehen, dass er sie nicht ganz verlässt und sich vielleicht nicht selbst die Frage stellen, wann sie ausbrechen würden, ob ihr Lebensabend vielleicht doch woanders, allein, mit jemand anders vorstellbar wäre.

Ich stellte mir auch die Frage, wo Untreue anfängt oder ist es nur bei ausführen der Leidenschaft?
Paulo beleuchtet alles. Für mich ist das Buch besonders auch, wenn es meine Gedanken am Ende nicht genau wiederspiegelt

Ein Buch, das alle Bereiche einer Ehe beleuchtet. Nichts wird ausgelassen. In jeden noch so kleinen Winkel wird hineingeschaut. So kommt es dazu, dass man selbst die eigene Beziehung betrachtet und entweder aufatmet oder die Schatten, die oft unter den teuren Teppich gekehrt werden erkennt.
Manches müssen wir durchleben, um weiterzukommen. Sicher oft mit seelischen Schmerz verbunden, aber am Ende können wir wie Linda sagen: „Vorangekommen“ Genau, dieses auch durch eine schwierige Zeit hindurchgehen lässt uns weiterlaufen. Wir entscheiden selbst wohin wir laufen.

Ein grandioses Buch, um sich selbst und die Herzensmenschen zu beleuchten.

Paulo Coelho. Untreue. Diogenes Verlag. 19.90 €

T.C. Boyle. Hart auf Hart

Es gibt Autoren für die lasse ich andere Bücher noch nicht ganz ausgelesen liegen. T.C Boyle ist so ein Autor. Endlich wieder literarische Nahrung von ihm und für mich ist „Hart auf Hart“ wirklich ein Buch, das mich so sehr fesselte, wie seine früheren Bücher.

Protagonist ist Adam. Er leidet an einem chronischen tief festgesetzten Verfolgungswahn, der ihn überall Aliens, Chinesen und imaginäre Feinde vermuten oder sehen lässt. Sein psychisches Leiden durchzieht sein ganzes Leben und sein Umfeld wie ein roter Faden.

Adams Vater Sten ist Vietnamveteran, welcher durch einen Zufall bei einem Raub zum gefeierten Helden wird, obwohl er dem Täter das Genick brach. Er hat selbst Schwierigkeiten im Leben und sein angesehenes Heldendasein verschwindet, da gerade er und Adams Mutter Carolee bei Adam versagt und vielleicht sogar, wie ich später überlege Adam sehr geprägt haben.

In seinem Wahn verschanzt sich Adam, schafft sogar ein Waffenlager. All sein Schaffen immer ganz nah an seinem sogenannten Vorbild Colter aus einer Geschichte, die er sehr mochte.

Eine weitere Rolle in dem Buch ist Sara, die ständig Schwierigkeiten bekommt, da sie sich gegen die Politik, Ämter usw. auflehnt. Als sie Adam kennenlernt meint sie endlich jemanden gefunden zu haben, der ihre Feindbilder versteht. Doch Adam meint all seine Pläne und Waffengewalten ernst.

Boyle_24737_MR.inddAlles ist anfangs fast ein wenig surreal. Viele Eindrücke, die erschrecken. Nur leider sind sie genau betrachtet oft Alltag. T.C Boyle redet über die dunkle Seite, der sogenannten amerikanischen Freiheit, politische Fehlstände, die trügerischer Freiheit Waffen besitzen zu dürfen, die aber gerechte Freiheit nimmt und die stetige positive Untermalung von der Armee. In dem Buch werden Menschen aufgezeigt, die dem Amerikaner entsprechen, aber deutliche Folgen einiger Tatsachen zeigen. Manchmal gibt es schonungslose und brutale Zeilen, die nachdenklich, wie das ganze Buch auch so schon machen.

Überall gibt es Eindrücke und Netze zwischen den Personen, die doch alle unterschiedlich wirken, obwohl sie ähnlich wirken. Keine der Hauptpersonen ist mir sympathisch. Adam ist das typische Bild eines Amokläufers, das wir aus den Medien oder Psychologiebüchern kennen. Sein Vater nicht weniger mit Verhaltensauffälligkeiten gebeutelt und Sara, die gegen alles eine Gegenwehr starten möchte und doch oder gerade dadurch ist das Buch auch so unglaublich spannend. Die Personen kann man nicht mögen. Es ist vielmehr das Gefühl immer hinter alles sehen zu wollen. Einfach hinter eine Psyche zu blicken, auch, wenn sie, wie in Adams Fall sehr krank ist.

Was mich besonders fesselt, ist der Schreibstil von T.C Boyle. Lesend wirkt es als würde er die Personen kennen und alles in einem recht lockeren Gespräch erzählen. Genau diesen Stil gab es auch in meinem Lieblingsbuch von T.C Boyle „Wassermusik“. Die Personen und die Geschehnisse wurden in der selben Art geschrieben. Genau diese Art macht T.C Boyle für mich zu einem meiner Lieblingsautoren, den ich immer wieder lese und gern rezensiere.

Am Ende von „Hart auf Hart“ lese ich den Titel noch einmal. Alles fügte sich zusammen. Die Einblicke, die T.C Boyle gibt schaffen eine bessere Einsicht, eine Durchschaubarkeit, die am Ende auch zum Teil bestätigt wird.

Es ist kein Buch, dass bei einem schönen freien Tag, an dem die Stimmung gehoben werden soll gelesen werden sollte, sondern einfach, wenn etwas tief anspruchsvolles über die Gesellschaft gesucht wird.

Das Buch ist ausgezeichnet. Schwierige Themen, die von den normalen Themen der Belletristik abweichen, können immer hervorragende Literatur sein.

T.C Boyle. Hart auf Hart. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. 400 S. 22.90 €

Waris Dirie. Schmerzenskinder

Heute ist der internationale Tag gegen Genitalverstümlungen. Ich möchte dies auf meinen Blog auch nicht vergessen.

Allein 500 000 betroffene Mädchen und Frauen leben in Europa. 150 Millionen Opfer vermuten UNO und WHO mittlerweile. Es darf nicht vergessen werden.

Vielen ist sicher „Wüstenblume“ und „Nomadentochter“ von Waris Dirie bekannt. Das Buch „Schmerzenskinder“ von ihr aber weniger. Es ist allerdings sehr lesenswert.

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Die Bestsellerautorin und UN-Sonderbotschafterin Waris Dirie, die im Alter von fünf Jahren die Qualen der Beschneidung erlebte, war die erste Frau, die öffentlich über diese schlimme Folter sprach.
Nun Jahre später erzählt sie ihr Leben weiter. Sie brach ihr Schweigen. In dem Buch erzählt sie von sich und sie begegnet Opfern, gibt allen ein Gesicht. Sie redet mit Tätern und berichtet von den vielen Erfahrungen, die sie während der Recherchen machte. Es gab Rückschläge, Erinnerungen, aber auch Erfolge.

Mich selbst schockierte vieles in dem Buch. Wie unsagbar schmerzvoll dies sein muss und wie sehr auch die Seele bei allen gelitten hat. All dies geschieht immer noch. Das Verstümmlungs-Ritual ist voller Grausamkeit und kaum ertragbar zu lesen. Informativ ist, dass allein die Gesetzeslagen weltweit aufgeführt werden und es ist erschreckend, wie viele rechtliche Freiräume es weltweit für dieses Verbrechen gibt.

Auch die Rechtfertigungen, der Mütter, die ihre Töchter mit nahezu gutem Gewissen zur Beschneidung lassen sind ein Schock und versuchen etwas zu rechtfertigen, was einfach nicht zu rechtfertigen ist.

Waris Dirie hat viel bewegt und FGM (das englische Kürzel für „Female Genital Mutilation“ ersetzte die verharmlosende „Beschneidung“)
Mich bewegt ihre Geschichte sehr. Sie schafft ein Bewusstsein für das oft Totgeschwiegene.

„Schmerzenskinder“ ist in vielerlei Hinsicht ein erschütterndes Buch, doch es ist auch ein Buch voller Kraft und Hoffnung für Millionen Frauen in aller Welt. Gemeinsam mit TERRE DES FEMMES setzt sich Waris Dirie gegen die weibliche Genitalverstümmelung ein. Weitere Informationen zu diesem Thema gibt es unter http://www.frauenrechte.de.

Waris Dirie. Schmerzenskinder. Ullstein Verlag. 240 S. 7.99