Emma Donoghue. Zarte Landung. Ein weiterer Blog für Bücher mit lesbischen Inhalt.

Ich freue mich sehr hier nun einen neuen Blog von mir vorzustellen. Es wird darauf nicht nur Rezensionen von mir geben, sondern auch von anderen Leser/innen, Verläger/innen, Buchhändler/innen. Aber natürlich geht auch dieser Blog hier weiter.

Schaut euch doch einmal um. Die neuste Rezension handelt von Emma Donoghue`s wundervollen Buch „Zarte Landung“

Blog: Lesbischeseiten.wordpress.com

Viel Spaß beim Stöbern.

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Milan Kundera. Das Fest der Bedeutungslosigkeit.

Ich war in Tegel in einem meiner Buchläden, in denen ich doch noch ab und zu etwas Neues für mich oder Freunde entdecke. Nur wenige Tage nach dem Kauf des Buches schlendere ich zum Tegler See. Ein wundervoller ruhiger Ort, um über das Wasser zu blicken und ein Buch auszulesen.

Ich liebe die Bücher von Milan Kundera sehr. Denn seine Bücher sind ein Hochgenuss. Wie grandios und humorvoll doch „Das Buch, der lächerlichen Liebe“ war und natürlich habe ich „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ nicht nur einmal gelesen. Es war unsagbar schön. Die Verfilmung mit einer für mich besten Schauspielerinnen überhaupt Juliette Binoche, war fast genauso meisterhaft wie das Buch. Nun ich merke ich gerate ins Schwärmen.

An dem Buch “ Das Fest der Bedeutungslosigkeit kam ich also nicht vorbei. Leider hat es nur 140 Seiten, die vergehen, wie im Flug, aber so schön, als hebe ein Schwan seine Flügel und setze zu einer weiten schönen Reise an.

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Es geht um vier Männer. Alain, Charles, Caliban und schließlich noch Ramon. Als sie vorgestellt werden, fühle ich mich irgendwie an eine moderne Shakespearevorstellung erinnert. Ein unerklärlicher Gedanke. Alain analysiert die Verbindungen zum weiblichen Geschlecht, während Charles sein Leben mit Stalin Anekdoten untermalt, die Menschen eher nicht amüsant finden.

Es geht um vier Männer. Alain, Charles, Caliban und schließlich noch Ramon. Als sie vorgestellt werden fühle ich mich irgendwie an eine Shakespearevorstellung erinnert. Alain analysiert die Verbindungen zum weiblichen Geschlecht und hat ein komisches Verhältnis zu seiner Mutter, während Charles sein Leben mit Stalin Anekdoten untermalt, die nicht immer amüsant sind. Eher tragisch und verräterisch für ein tiefes Gefühl von Stalin.

Unter den Freunden ist ebenfalls Caliban, der Schauspieler, der gern in andere Rollen schlüpft. Und am Ende noch Roman, der durch Paris spaziert und seine Freunde am liebsten beobachtet.

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Es hat schon etwas sehr Komisches den vier Männern in ihren Gesprächen und Gedankengängen zu folgen. Wie jeder Mensch taucht die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Liebe und Erotik auf.

Dies ist kein Buch für den Leser/innen normaler Unterhaltungsliteratur, sondern für Leser/innen, die lesen und auch zwischen den Zeilen noch mehr sehen wollen. Im Buch ist viel Anspruchvolles. Fast wie in einem Versteck ist ein bisschen Kant, ein paar andere Autoren und deren Weisheiten aus einer alten Zeit und immer wieder, dass Einiges irgendwie neben uns herläuft zu lesen. Es ist da, findet statt, aber es vergeht, und ist so bedeutungslos und hinterlässt kaum eine Spur.

Aber am Ende ein Lachen, etwas Losgelöstes, ein Fest und ein Teil Bedeutungslosigkeit.

„Sie ist überall und immer bei uns. Sie ist sogar gegenwärtig, wo niemand sie sehen will: in den Gräueln, in den blutigen Kämpfen…

Aber es geht nicht darum, sie zu erkennen, man muss sie lieben.“ S. 137

Vielleicht geben wir der Bedeutungslosigkeit viel Raum oder denken umgekehrt das etwas wesentlich ist, es aber eigentlich die Bedeutungslosigkeit mit sich trägt. Wer weiß.

Ein Buch, das ich außergewöhnlich finde und sehr schätze. Doch nur im Lesen erschließt sich dieser Zauber dessen. Schön, die letzten Seiten an einen so einen wundervollen Ort gelesen zu haben. Auch ein Buch benötigt ja immer gute Plätze, aber nun kommt es in meine Bibliothek. Denn dieses Buch ist ganz und gar nicht bedeutungslos, sondern einfach nur ein Fest.

Milan Kundera. Das Fest, der Bedeutungslosigkeit. Carl Hanser Verlag München. 140 S. 16.90 €

Julian Barnes. Lebensstufen.

Ein literarisches Meisterwerk, das kaum zu beschreiben ist. So wundervoll ist es.

Ich versuche es trotzdem…

Ein Buch, das mich so sehr bewegt, dass ich nur reine Stille danach genieße. Diese Seiten ohne Taschentücher zu lesen ist unmöglich und wer den schmerzlichen Verlust ein oder mehr Menschen durch den Tod schon mal gefühlt hat, wird jede Zeile verstehen, Ich war bewegt, habe mitfühlen, nachfühlt und am Ende war ich dankbar für jede Zeile, jedes Wort.

Immer wieder muss ich beim Lesen an Herrmann Hesses Gedicht Stufen denken. Vielleicht dachte Julian Barnes auch genau daran als er dieses Buch schrieb.

Julien Barnes schreibt über die Ballonfahrt und von den Menschen, die diese möglich gemacht haben. Er schreibt über das Risiko, das Abenteuer und die Möglichkeit zwischen Himmel und Erde zu sein. Einfach dazwischen schweben. Eine Bedeutung, die im Buch immer klarer wird.

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Er schreibt über das Wagnis der Liebe und über Trauer nach dem die Liebe die Welt verlassen hat. Er selbst schreibt in dem Buch über seinen Verlust, der Frau, die er so sehr liebte.

Es ist das 19. Jahrhundert als Félix Tournachon (auch Nadar genannt) als erster Fotografien aus einem Ballon machte. Damals eine Sensation. In der Zeit sind auch Colonel Fred Burnaby und die Schauspielerin Sarah Bernhardt. Sarah und Fred haben eine fast spürbare Faszination für die Ballonfahrt und ein wenig gegenseitig für sich. Drei Leben, die genau und manchmal fiktiv beschrieben werden. Im Vordergrund immer das Fliegen, das Leben, die Liebe, der Verlust.

Dann eine leere Seite. Schnitt.

Julien Barnes erzählt nun über den Verlust seiner Frau Pat Kavanagh. (Siehe Bild unten) Ihr widmet er auch dieses Buch. Ab den folgenden Seiten ist jede Zeile so hochwertig, wie ein Diamant, so passend, ehrlich und so schmerzhaft, wie tausend fallende Erinnerung, die wie Steine treffen.

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„Ich erinnre mich jedoch, gestochen scharf, an letzte Dinge. Das letzte Buch, das sie gelesen hat. Das Letzte Theaterstück… „S.119

Barnes erzählt auch von anderen Menschen, die so einen Verlust erlebten. Viele Gedanken von mir vermischen sich mit den Erzählungen und den wundervollen Zeilen, die er voller Liebe schrieb.

Wir sind einfach nicht erhaben über die Trauer, den Verlust, der sich einbohrt. Trauer hat eine Machtlosigkeit, die zwar schmerzhaft und doch nötig ist. In dem Buch geht es auch um Trauerarbeit, einen Job, den man vorher nie ausgeübt hat. Wie wahr.

Verlust legt sich wie eine schwere Last auf uns. Alles geht weiter, aber doch ist Nichts, rein gar nichts wie vorher.

„{Die Leute sagen} du wirst drüber hinweg kommen. … Und es stimmt, man kommt drüber hinweg. … Aber man kommt nicht so drüber hinweg wie ein Zug über die Downs: raus aus dem Tunnel, hinein in den Sonnenschein und rasch hinabgerattert zum Ärmelkanal; man kommt heraus wie eine Möwe aus einer Öllache, Man ist geteert und gefedert fürs Leben.“ S. 139

Ich halte das Buch ganz nachdenklich fest. Hier ist es wieder… Bücher sind wie Medizin, eine gute Therapie. Das Buch tut weh und ist doch das Beste, was ich seit Langem gelesen habe.

Es hat die Tiefe endloser herabgehender Stufen, die ab zu und aus Trauer verschwimmen, aber dennoch Stufen können auch wieder fest werden und hinaufführen, wenn auch nur ganz langsam.

„Es tut exakt so weh, wie es die Sache verdient… “ S.137 

Julian Barnes. Lebensstufen. Kiepenheuer & Witsch. 144 S. gebunden 16.99 €

Dorit David. Tür an Tür.

Ein Buch, das von allem etwas hat. Das Buch beginnt mit der Protagonistin, einer Frau namens Inka, die, die DDR miterlebte und den Fall der Mauer fast verschlief.

„Mädchen und Jungen der Pionierorganisation Ernst Thälmann überreichen(…) Blumensträuße. „Euer Jahrestag ist unser Feiertag“, rief Michael Gorbatschow(…) Erich Honecker rief ein:“So wird es immer bleiben!“ S.93

Es blieb nicht so und obwohl die Mauer fiel, nimmt Inka daraus Spuren mit, die sich durch ihr Leben ziehen, wie eine aufgebaute Mauer.

Ein Buch mit Seiten gelebter Geschichte, daraus entstandenen Ängsten, einen Teil Biologie der Stabheuschrecken und einer Begegnung zwischen den zwei Frauen Inka und Gitta, die Nachbarn sind, aber eine Annäherung trotz Gefühle nur mit der Zeit an Tiefe gewinnt. Beide verbindet ein schmerzlicher Verlust, den beide verschweigen und so für Ecken und Kanten im Miteinander sorgt.

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Mittendrin zwischen Aufarbeitung, etwas Wut immer Gittas Sohn Bojan und seine bei Inka abgelieferte Stabheuschrecke Jil, die Sieblinge geworfen hat und durch die Zwittererscheinung, der Stabheuschrecken es nicht nur bei diesen wenigen Heuschrecken bleibt.

„Ich fühlte etwas Verwandtschaftliches. Vorsichtig hob ich sie an, darauf achtend, dass ich keins ihrer Beine ausriss, mit denen Jil an meiner Hautoberfläche festhakte, und setze sie zurück auf den Brombeerast, auf dem sie sofort unsichtbar wurde. Dann verschloss ich den Glaszylinder mit dem Sieb und hüpfte freudig aus der Wohnung“ S. 28

Ein Buch, das nachdenklich über die DDR macht. Inka, die sich oft damals und mit ihren Gefühlen gern selbst unsichtbar machen würde, wie eine indische Stabheuschrecke auf einem Brombeerblatt, aber Gritta dann plötzlich viel verändert.

Durch Zitate an den jeweils beginnenden Kapiteln wird oft deutlich, dass Freiheit auch in der Liebe in der DDR eine andere Bedeutung hat.

„Die Homosexualität wird durch die Straffheit (…) nicht zu einer normalen Erscheinung. Sie dulden heißt nicht,, sie fördern. In jeder Hinsicht voll erfüllendes Liebesglück ist ohne den Bund der Ehe und Familie nicht denkbar.“ Mann und Frau intim. S. 49

Doch das ist Vergangenheit. Inka und Gitta arbeiten auf wundervolle Weise daran Mauern abzubauen. Am Ende bleibt auch eine Spur zurück. Ein unglaublich schönes Buch, das poetische Zeilen hat, die einen für kurze Momente positiv verschwinden lässt.

„Das Wasser des Meeres war in der Nähe des Ufers um diese Zeit sicher schon wieder warm wie die Luft. Es gab keine spürbaren Übergänge. Die Stunden des Tages waren viskös, sie bestanden aus Hitze und Wellen, aus Nessi am Morgen, Wasser am Mittag, greek coffee am Nachmittag und Raki am Abend. Nur die Nacht, unsere gestrige Nacht, hatte außerhalb von allem gelegen.“ S. 241

Am Ende bleibt das Gefühl sehr guter gelesener Zeilen. Es bleibt eine Faszination auf Heuschrecken und dass gelegentliches Abtauchen, wenn es im Wasser ist, auch befreiend sein kann.

Dorit David. Tür an Tür. Querverlag. 265 S. 14.90 €

Wolfgang Büscher. Ein Frühling in Jerusalem.

Der Urlaub ist noch etwas hin und doch geht reisen mit einem Buch immer. Diesmal reise ich mit Wolfgang Büscher nach Jerusalem. Koffer muss ich nicht packen, aber eine gute Kanne voll Tee und ein paar Kekse. Dann geht hinaus in das schon fast frühlingshafte Wetter. Ich sitze an der Panke in Wedding als ich das Buch beginne zu lesen. Die Sonne kitzelt dabei die Seiten.

Das Buch ist erstaunlich. Denn wirklich es beginnt mit der Hinfahrt und es ist als würde ich gleich mit anreisen. Wie wundervoll. Ich laufe also mit durch die alte Stadt, habe ein tristes Hotelzimmer, schreite Treppen hoch, scheine lesend auch das einziehende Abendlicht zu sehen.

Der Schreibstil ist poetisch und für mich unglaublich nah. Meine Augen fliegen durch die Zeilen und es ist als könnte ich dieselben Farben sehen, die Düfte mit der Nase auffangen und als würden die beschriebenen Menschen, um mich herum sein.

Ein Satz in dem Buch fesselte mich sehr, obwohl er gleich am Anfang stand.

„Ich hatte mich losgerissen und war ins Dunkel zurückgetreten, aus dem ich gekommen war, aber ich ging nicht mit leeren Händen. Ich schnitt das Bild aus dem Fensterrahmen und nahm es mit, ein Dieb in der Nacht. “ S.18

„Der bereitete Tisch“ nennt Büscher das gestohlene Bild. Ein reich gedeckter Tisch in einem Haus und wieder ist es als würde ich all das selbst sehen.

Ich gehe weiter auf eine Reise nach Jerusalem. An einer kleinen abgedruckten Karte kann ich die Stadt, die Wege noch besser verfolgen. Mein Blick wird durch die Beschreibungen Büschers immer genauer.

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Das Buch hat von allem etwas. Ich reise, bekomme noch mehr Wissen über Religionen, das Leben und die Menschen dort, den Sonnenschein, aber auch die Dunkelheit und Traurigkeit, die Konflikte mit sich brachten. Konflikte, die noch immer im Jetzt unverändert sind. Dennoch die Hoffnung vergeht nie.

„Ein Brot ist Jerusalem, ein hartes Brot, gebacken nach uraltem Rezept, gewürzt mit Geschichten, Geheimnissen, Prophetien.“

Sicher gehöre ich keiner Religion an und in diesem Buch hat diese Thematik viele Seiten, wie ich finde, aber es ist deswegen nicht weniger lesenswert. Im Gegenteil.

Auch dieses Buch zeigt alle Facetten eines Landes, das gerade durch Glaubensgedanken sehr von den bereits schon genannten Konflikten geprägt ist und doch hat es die vielen Bilder, die ich aus dem Buch nicht gestohlen, aber so unvergessen mitgenommen habe.
Ein Frühling in Jerusalem hinterlässt schöne Gedanken und den Wunsch auf ferne Länder zurück.

Büscher kritisiert nicht, kreidet nicht an, sondern hält das Land in all seiner Schönheit auf wundervollen Seiten fest.

Das Ende des Buches lese ich zwei Tage später, aber wieder mit Tee in einem Café in Kreuzberg und wieder mit kitzelnder Sonne über den Seiten. Büscher bedankt sich bei diesem so faszinierenden Land und ich bedanke mich bei dem Autor und dem Rowohlt Verlag Berlin für ein so grandioses Buch.

Wolfgang Büscher. Ein Frühling in Jerusalem. Rowohlt Berlin. 240 S. 19.95