Dorit David. Tür an Tür.

Ein Buch, das von allem etwas hat. Das Buch beginnt mit der Protagonistin, einer Frau namens Inka, die, die DDR miterlebte und den Fall der Mauer fast verschlief.

„Mädchen und Jungen der Pionierorganisation Ernst Thälmann überreichen(…) Blumensträuße. „Euer Jahrestag ist unser Feiertag“, rief Michael Gorbatschow(…) Erich Honecker rief ein:“So wird es immer bleiben!“ S.93

Es blieb nicht so und obwohl die Mauer fiel, nimmt Inka daraus Spuren mit, die sich durch ihr Leben ziehen, wie eine aufgebaute Mauer.

Ein Buch mit Seiten gelebter Geschichte, daraus entstandenen Ängsten, einen Teil Biologie der Stabheuschrecken und einer Begegnung zwischen den zwei Frauen Inka und Gitta, die Nachbarn sind, aber eine Annäherung trotz Gefühle nur mit der Zeit an Tiefe gewinnt. Beide verbindet ein schmerzlicher Verlust, den beide verschweigen und so für Ecken und Kanten im Miteinander sorgt.

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Mittendrin zwischen Aufarbeitung, etwas Wut immer Gittas Sohn Bojan und seine bei Inka abgelieferte Stabheuschrecke Jil, die Sieblinge geworfen hat und durch die Zwittererscheinung, der Stabheuschrecken es nicht nur bei diesen wenigen Heuschrecken bleibt.

„Ich fühlte etwas Verwandtschaftliches. Vorsichtig hob ich sie an, darauf achtend, dass ich keins ihrer Beine ausriss, mit denen Jil an meiner Hautoberfläche festhakte, und setze sie zurück auf den Brombeerast, auf dem sie sofort unsichtbar wurde. Dann verschloss ich den Glaszylinder mit dem Sieb und hüpfte freudig aus der Wohnung“ S. 28

Ein Buch, das nachdenklich über die DDR macht. Inka, die sich oft damals und mit ihren Gefühlen gern selbst unsichtbar machen würde, wie eine indische Stabheuschrecke auf einem Brombeerblatt, aber Gritta dann plötzlich viel verändert.

Durch Zitate an den jeweils beginnenden Kapiteln wird oft deutlich, dass Freiheit auch in der Liebe in der DDR eine andere Bedeutung hat.

„Die Homosexualität wird durch die Straffheit (…) nicht zu einer normalen Erscheinung. Sie dulden heißt nicht,, sie fördern. In jeder Hinsicht voll erfüllendes Liebesglück ist ohne den Bund der Ehe und Familie nicht denkbar.“ Mann und Frau intim. S. 49

Doch das ist Vergangenheit. Inka und Gitta arbeiten auf wundervolle Weise daran Mauern abzubauen. Am Ende bleibt auch eine Spur zurück. Ein unglaublich schönes Buch, das poetische Zeilen hat, die einen für kurze Momente positiv verschwinden lässt.

„Das Wasser des Meeres war in der Nähe des Ufers um diese Zeit sicher schon wieder warm wie die Luft. Es gab keine spürbaren Übergänge. Die Stunden des Tages waren viskös, sie bestanden aus Hitze und Wellen, aus Nessi am Morgen, Wasser am Mittag, greek coffee am Nachmittag und Raki am Abend. Nur die Nacht, unsere gestrige Nacht, hatte außerhalb von allem gelegen.“ S. 241

Am Ende bleibt das Gefühl sehr guter gelesener Zeilen. Es bleibt eine Faszination auf Heuschrecken und dass gelegentliches Abtauchen, wenn es im Wasser ist, auch befreiend sein kann.

Dorit David. Tür an Tür. Querverlag. 265 S. 14.90 €

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2 Kommentare zu “Dorit David. Tür an Tür.

  1. ingridstrobl sagt:

    Danke für den Tipp!

  2. Sehr gern. Wenn du mal die Möglichkeit hast auf eine Lesung von ihr zu gehen, mach das ruhig, sehr schön.

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