Julian Barnes. Lebensstufen.

Ein literarisches Meisterwerk, das kaum zu beschreiben ist. So wundervoll ist es.

Ich versuche es trotzdem…

Ein Buch, das mich so sehr bewegt, dass ich nur reine Stille danach genieße. Diese Seiten ohne Taschentücher zu lesen ist unmöglich und wer den schmerzlichen Verlust ein oder mehr Menschen durch den Tod schon mal gefühlt hat, wird jede Zeile verstehen, Ich war bewegt, habe mitfühlen, nachfühlt und am Ende war ich dankbar für jede Zeile, jedes Wort.

Immer wieder muss ich beim Lesen an Herrmann Hesses Gedicht Stufen denken. Vielleicht dachte Julian Barnes auch genau daran als er dieses Buch schrieb.

Julien Barnes schreibt über die Ballonfahrt und von den Menschen, die diese möglich gemacht haben. Er schreibt über das Risiko, das Abenteuer und die Möglichkeit zwischen Himmel und Erde zu sein. Einfach dazwischen schweben. Eine Bedeutung, die im Buch immer klarer wird.

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Er schreibt über das Wagnis der Liebe und über Trauer nach dem die Liebe die Welt verlassen hat. Er selbst schreibt in dem Buch über seinen Verlust, der Frau, die er so sehr liebte.

Es ist das 19. Jahrhundert als Félix Tournachon (auch Nadar genannt) als erster Fotografien aus einem Ballon machte. Damals eine Sensation. In der Zeit sind auch Colonel Fred Burnaby und die Schauspielerin Sarah Bernhardt. Sarah und Fred haben eine fast spürbare Faszination für die Ballonfahrt und ein wenig gegenseitig für sich. Drei Leben, die genau und manchmal fiktiv beschrieben werden. Im Vordergrund immer das Fliegen, das Leben, die Liebe, der Verlust.

Dann eine leere Seite. Schnitt.

Julien Barnes erzählt nun über den Verlust seiner Frau Pat Kavanagh. (Siehe Bild unten) Ihr widmet er auch dieses Buch. Ab den folgenden Seiten ist jede Zeile so hochwertig, wie ein Diamant, so passend, ehrlich und so schmerzhaft, wie tausend fallende Erinnerung, die wie Steine treffen.

NPG x45381; Julian Patrick Barnes and his wife Pat Kavanagh by Jillian Edelstein

„Ich erinnre mich jedoch, gestochen scharf, an letzte Dinge. Das letzte Buch, das sie gelesen hat. Das Letzte Theaterstück… „S.119

Barnes erzählt auch von anderen Menschen, die so einen Verlust erlebten. Viele Gedanken von mir vermischen sich mit den Erzählungen und den wundervollen Zeilen, die er voller Liebe schrieb.

Wir sind einfach nicht erhaben über die Trauer, den Verlust, der sich einbohrt. Trauer hat eine Machtlosigkeit, die zwar schmerzhaft und doch nötig ist. In dem Buch geht es auch um Trauerarbeit, einen Job, den man vorher nie ausgeübt hat. Wie wahr.

Verlust legt sich wie eine schwere Last auf uns. Alles geht weiter, aber doch ist Nichts, rein gar nichts wie vorher.

„{Die Leute sagen} du wirst drüber hinweg kommen. … Und es stimmt, man kommt drüber hinweg. … Aber man kommt nicht so drüber hinweg wie ein Zug über die Downs: raus aus dem Tunnel, hinein in den Sonnenschein und rasch hinabgerattert zum Ärmelkanal; man kommt heraus wie eine Möwe aus einer Öllache, Man ist geteert und gefedert fürs Leben.“ S. 139

Ich halte das Buch ganz nachdenklich fest. Hier ist es wieder… Bücher sind wie Medizin, eine gute Therapie. Das Buch tut weh und ist doch das Beste, was ich seit Langem gelesen habe.

Es hat die Tiefe endloser herabgehender Stufen, die ab zu und aus Trauer verschwimmen, aber dennoch Stufen können auch wieder fest werden und hinaufführen, wenn auch nur ganz langsam.

„Es tut exakt so weh, wie es die Sache verdient… “ S.137 

Julian Barnes. Lebensstufen. Kiepenheuer & Witsch. 144 S. gebunden 16.99 €

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4 Kommentare zu “Julian Barnes. Lebensstufen.

  1. Frank Duwald sagt:

    Eine sehr schöne, zu Herzen gehende Rezension, die großes Interesse in mir weckt, das Buch zu lesen, aber auch Angst vor all dem Schmerz.

  2. Ulrike Sokul sagt:

    Buch und Besprechung erscheinen mir gleichermaßen berührend. Hab‘ DANK für diese sensible Einführung und die gelungene photographische Inszenierung mit den Stufen…
    Mir fällt dazu ein Zitat von Edgar Degas ein:
    „Die Kunst
    ist die Beherrschung des Schmerzes
    durch die Schönheit.“

    Gutenachtgruß 🙂
    Ulrike von Leselebenszeichen

    • Liebe Ulrike, was für ein schönes Zitat. Schön, dass du Rezension magst. Einen Gruß aus der bereits tiefen Nacht, aber mich macht das Lesen eines tollen Buches gerade positiv schlaflos.

      Die Gedankenlabyrintherin

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