Edith Sitwell. „Mein exzentrisches Leben“ und Bristol/England

Am liebsten reise ich allein. Für die paar Tage begleiteten mich neben meinen persönlichem Gepäck nur zwei Bücher und ein Block zum Schreiben. Das genügte, wie immer.

„Endlich“, dachte ich, als ich aus dem Flieger in Bristol stieg. „Endlich wieder englischen Boden unter den Füßen.“

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Der Alltag verschwand und es ist immer, wie eine andere Welt, aber es ist dennoch meine. England ist kein Urlaub, sondern nach Hause kommen.

Schon am ersten Abend begleitete mich ein nicht weniger englisches Buch. Edith Sitwell „Mein exzentrisches Leben.“ Jedes meiner Lieblingsbücher habe ich auch schon einmal in England gelesen. Nun war es dieses.

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Ich habe es so genossen, dieses Buch wirklich einmal in England zu lesen.

Sicher kein einfaches Buch. Edith Sitwell hatte kein leichtes Leben, ein gespanntes Verhältnis zu ihren Eltern. Ihr Vater sperrt sie in ein eisernes Körpergefängnis, damit ihre Wirbelsäule begradigt wird. Doch Edith Sitwell wird stark, wo andere vielleicht eingeschüchtert wären. Anstatt den Kopf hängen zu lassen, hebt sie diesen. Ihr Selbstbewusstsein, ihre Offenheit, die Art Dinge zu betrachten, lassen mich manchmal schmunzeln und sie machen nachdenklich. Das Schreiben, ihre Gedanken und wie das Buch schon sagt ihre Exzentrik sind ungewöhnlich, und sie stößt häufig auf Unverständnis, aber dennoch geht sie weiter.

„Es ist selten“, sagte sie „dass eine Frau ihr eigenes Leben führt. Offen gesagt wird das nicht verstanden.“ (Madame de B. zu Edith Sitwell. S. 175)

Edith Sitwell schien eine sehr kluge Frau zu sein. Ihre Zeilen sind offen und für die Zeit schon oft viel weitergedacht, manchmal etwas frech, doch positiv und bewundernswert stark. Oft ist ein scharfer, schonungsloser Ton in ihren geschriebenen Worten und dann dieser so wundervolle trockne britische Charme sowie der schwarze Humor, der bekannt ist. Für Sitwell war Exzentrik Stolz zu haben und diesen immer zu bewahren. Geschichtlich gibt dieses Buch Einblicke in das Leben vor dem Ersten Weltkrieg bis in die 60er Jahre. Edith Sitwell war sicher eine Ausnahmeerscheinung ihrer Zeit.

Mich fasziniert dies, denke ich, als ich an der Küste bin und fast das Ende des Buches wieder erreicht habe. Ich bin oft selbst eine Frau, die gelegentlich lieber durch die Wand, als durch die Tür geht. Ich mag keine Anpassungen, die nicht nötig sind.

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Ein sehr lesenswertes Buch, das antiquarisch sehr günstig zu haben ist. Ein Schatz und sehr zu empfehlen für Leser/innen besonderer Literatur.

Dieses Buch hat Humor, Klugheit und das Beste daran ist, es ist so wunderbar stärkend, weiter offen und direkt durch das Leben zu gehen, nicht anzupassen, sondern zu sein, wie man selbst ist, selbst, wenn es so wundervoll, extravagant ist, wie es Edith Sitwell war.

Edith Sitwell. Mein exzentrisches Leben. Frankfurter Verlagsanstalt. 1989. 306. S. Antiquarisch zu erhalten.