Bov Bjerg. Auerhaus.

Romane müssen tief sein, so als könne man den Boden vor lauter Gedanken, Gefühle nicht mehr sehen. „Auerhaus“ ist so ein Roman. Mich fesselte das Buch ab der ersten Seite. Ein schöner literarischer Bann im Sommer.

Frieder, eines der Protagonisten zieht nach einem Klinikaufenthalt in das Bauernhaus seines Großvaters.  Denn ihm wurde geraten nicht mehr bei seinen Eltern zu wohnen. Denn diese geben nicht nur bei ihm Kälte oder lassen Herzen erfrieren. Mit eingezogen sind auch Freunde Frieders, die anstatt ihr Abitur zu sehen, sich Gedanken um ihren guten Freund machen. Denn Frieder wollte sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen.

Die Freunde sind ganz unterschiedlich, da ist der Ich Erzähler Herr Höppner genannt. Dann die reiche, etwas verwöhnte Cäcilia und die Rebellin und Kleptomanin Vera. Zusammen eine sehr bunte Mischung. Alle geben sich ein Versprechen das ihr Leben nicht in langweiligen Ordnern mit den Aufschriften Birth-School. Work-Death verläuft. Ein Traum einfach alles anders zu machen. Nur ist dies manchmal schwer umzusetzen.

Die Anwohner hören oft „Our house“ von Madness und da Englisch vom Bauern nicht gesprochen wird, erhält es schnell den Namen „Auerhaus“. Es ist das Haus von Frieders Großvater. Vier sehr junge Menschen leben darin wie Erwachsene. Aufstehen, frühstücken, das Essen besorgen und immer wieder spielt das Reden ein große Rolle. Doch was am Anfang eher spaßig wirkt, wird zu einem Chaos. Die Küche wird genutzt, um gewisse Klaugeschäfte zu verfeinern und sie nehmen noch weitere Menschen auf. So auch Pauline und den schwulen Kiffer Harry. Bei dem deutlich wird, dass das Leben in den 80 iger Jahren noch weit zurück in der Toleranz lag. Homosexuell zu sein, bedeutete sich eher die Kugel zu geben, da man ausgegrenzt wurde. 514RHdB1KlL._SX322_BO1,204,203,200_

Zwischen Chaos und Gedanken wird klar, dass es nicht nur um Frieder, sondern um alle geht. Alle Sechs müssen sich retten, leben nach ihren Idealen. Sie lieben, leiden, geben sich Halt, kämpfen um Zufriedenheit, ein wenig Ankommen und den Tod, der dunkle Schatten werfen kann.

Mich erinnert das Buch sehr an die Zeit meiner Kindheit. Ganz fern von Smartphones, Facebook, Instagramm, Whats App. In dieser Zeit trafen sich Freunde, ohne im Internet nach zu sehen, was der andere tat. Verabredungen wurden manchmal nur zugerufen. Das Leben spielte draußen oder an einem Ort, der wieder keine andere Ablenkung der Moderne hatte. Das wirkliche Miteinander war wesentlicher. Allein das liebe ich an dem Roman von Bov Bjerg so sehr. Doch früher galt auch die Wehrpflicht das Leben zu bedrohen und in einem Dorf lebend, gingen viele nach dem Abitur, der Ausbildung oder schon eher nach Berlin. Es gab wenig Perspektiven in der so abgelegenen Provinz.

Etwas beeindruckte mich fast noch mehr als der Stil und die Zeit, in der der Roman spielt. Es sind die Zeilen, die über Depression und psychische Erkrankungen sprechen. Wie in einer kleinen Umarmung lese ich sie und bin dankbar.
Um etwas nicht mehr zu tabuisieren, muss darüber gesprochen, ja erzählt werden so wie in diesem herausstechenden Roman „Auerhaus“ .

„Ein Gehirn mit Depressionen, das war wie ein Fahrrad mit einem kaputten Tretlager. Man konnte strampeln, wie man wollte, aber man kam nicht vom Fleck.“

Solche Zeilen sind ganz klar und beschreiben, was es bedeutet, wenn die Seele schreit.

Dieser Roman hat neben der Gedankentiefe zusätzlich auch viel Schönes, sogar neben Schwere Leichtigkeit, auch mal Humorvolles. Vielleicht ist es genau diese Mischung, die mich so von dem Buch schwärmen lässt.

Es ist Sommer und die Auerhaus WG erlebt viel, setzt sich mit verschiedenen Themen auseinander und selbst als alles schon etwas chaotisch läuft, feiern sie eine wilde Party, zu der nicht nur geladene Gäste erscheinen und mittendrin wird Frieder vermisst, obwohl sie doch so viel getan haben.

Eigentlich ist es der Sommer ihres Lebens. Doch irgendwie ahnen sie dies nicht. Doch selten ist man so frei. Ein ganz besonderer All of Age-Roman. Völlig zeitlos, denn bestimmte Dinge werden sich in der Jugend und selbst als Erwachsene nie ändern.

Wirklich ein herrlich melancholisches Buch von Bov Bjerg, dessen Name mir eher durch Lesebühnen und ein ganz wenig Kabarett in Berlin bekannt ist.

„Auerhaus“ ist schön wie ein Lieblingssong, der uns lachen lässt, aber gleichzeitig Nachdenklichkeit zurücklässt mit Tiefe und die Oberflächlichkeit, die es oft gibt, gesamt fortspült.

In der Gegenwart benötigen wir aktueller denn je so ein Haus…

Teaser_Auerhaus_Webseite

Bov Bjerg. Auerhaus. Blumenbar Verlag. 240 S. 18 € ISBN: 978-3351050238 

Advertisements

Ralf Rothmann. Shakespeares Hühner.

Ich liebe diese verregneten Sonntage, an denen der Sonnenschein meine Bücher sind. Gerade noch etwas laufen, sitze ich wieder in meiner Leseecke und greife eines meiner Lieblingsbücher. Ralf Rothmann ist irgendwie ein Geheimtipp, und oft stelle ich fest, dass viele ihn gar nicht kennen. Wie schade, denke ich dann immer.

11659327_10204592498759960_9045454119180942752_n

Ein kurzer Gedankenausflug. Immer, wenn ich einen Fuchs sehe, der gelegentlich durch den Garten einer guten Freundin läuft, wenn ich einmal da bin oder ein Bild, muss ich an genau dieses Buch denken. So also auch vor Kurzem. (© S. Grajek)

“Shakespeares Hühner“ ist ein Buch, das mich doppelt überrascht hat, denn ich mag selten Kurzgeschichten, es sei denn sie sind von Alice Munro oder Haruki Murakami,  ja oder eben von Ralf Rothmann. In diesem Buch von Rothmann sind diese manchmal wirklich kurzen Geschichten so herrlich wundervoll, dass ich lache, dann nachdenke, mitfühle und feststelle, wie tief Zeilen berühren.

Die Erzählungen handeln von Menschen, deren Schicksal und Leben auf nur wenigen Seiten eingefangen wurde. Präzise wie ein Augenschlag. Schon die erste Erzählung nimmt mich gefangen und lässt mich sprachlos zurück. Eine Frau in Paris. Die Einsamkeit scheint ihre Dauerbegleitung zu sein. Doch dann spricht sie einen Mann an.

>>“Entschuldigung? Ich kenne sie!“… „Aus einem Traum…“, fügte sie gedämpfter hinzu und konnte es selbst kaum glauben; das Schlucken schmerzte im Hals. … Doch der Mann, der sie aufmerksam betrachtet hatte, schien nicht verärgert zu sein. Er lockerte die Pilze im Hut, zupfte einen Grashalm aus den Lamellen. „Ja, sagte er endlich und lächelt ernst. „Ich erinnere mich…“ Dann schloss er kurz die Augen, ein sanfter Gruß, schob den Vorhang mit dem Handrücken beiseite und ging hinaus. Die Scheibe, vibrierend von den Bussen, die gerade anfuhren, war staubig, sein Bild verschwamm, und ob er noch einmal gewinkt hatte am Straßenrand – sie konnte es durch Tränen nicht sehen.<<

Ralf Rothmann schafft etwas, was nur wenige Autoren schaffen. Menschen in Momenten mit ihren Gedanken nur kurz zu beschreiben und den Leser zurückzulassen als würde er/sie jeden Protagonisten doch recht gut kennen.

Und dann ist da Fritzi, die Gitarre spielt, über Shakespeare und die Menschen nachdenkt. Wir sind die Hühner, die erzählen, gackern, Vieles tun und oft doch nicht das Wahre. Die ständige Suche nach dem Ankommen und doch das Finden mit dem nötigen Alltäglichen überdecken.

Mich begeistern die Zeilen und die Art des Schreibens von Ralf Rothmann.

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Meine Lieblingserzählung in diesem Buch ist „Sterne tief unten“. Für die Rezension las ich sie heute Morgen bei Earl Grey noch einmal. Oswald ein Mann der irgendwie eine spürbar schwere Last auf den Schultern trägt und dann die Aufgabe bekommt, Leichen von einer Klinik, in der er seit Jahren arbeitet, in die Pathologie zu bringen. Er trägt diese neue Arbeit mit Fassung. Geradezu rührend ist seine Begegnung mit einem Jungen aus seiner Gegend und dass man seine Freude fast fühlen kann. Er lernt eine Frau kennen, und dann stockt mir der Atem, nein, ich halte an, als er sie zum Bett tragen will, und seine Gedanken fliegen und ihm bewusst wird, dass dies so viel leichter ist als die Toten oder sogar die Kinder, die er in die Metallwannen der Pathologie tragen muss.
Vielleicht muss man diese Erzählung lesen, um sie besser zu verstehen. Nein, alle, denn wahrlich sind alle unsagbar gut.
Ich wandle mit Shakespeare im Jetzt, lese über Einsamkeit, Tod, Sex, Liebe, Gedankentiefe und am Ende ist es immer als würde ich den Duft von Schnee in der Nase haben. Der Schnee, der irgendwo liegt und für mich oft zu schnell taut.

„Doch irgendwann taut es eben, und ich weiß noch, wie es mich als Kind überrascht hat, dass sie alle wieder zu zutage kommen, die Spuren, Schicht für Schicht. als hätte auch der Schnee ein Gedächtnis.“ S. 212

Ein schöner Gedanke im Sommer, der gerade ein Grau mit vielen Regenfäden hat.

Oft hat mich schon Ralf Rothmann begeistert. Dieses Buch ist nur ein Lieblingsbuch von ihm. Es liegt geschlossen neben mir, und wieder klopfen Regentropfen an das Fenster, und wie von selbst öffnet sich ein neues Buch, „Im Frühling sterben“. Ich begleite Walter, einen Protagonisten, und es herrscht der Zweite Weltkrieg 1945, und Jugendliche werden kurz vor Ende noch an die Front geschickt. Die Brutalität des Krieges zeichnet sich ab.

Ich lese gespannt weiter, tauche ein…verschwinde, der Regen wird unhörbar…

Shakespeare Hühner. Ralf Rothmann. Suhrkamp Verlag. 211 S. 19.95 €/Taschenbuch 8.99 € (die gebundene Ausgabe ist um so vieles schöner) 

                                Im Frühling sterben. Ralf Rothmann. Suhrkamp Verlag. 234 S. 19.95 €

RALF ROTHMANN Im Frühling sterben

Haruki Murakami. Wilde Schafsjagd. Und die entstandene Liebe zu Murakami.

Es prickelt bei mir immer, wenn ich weiß, dass bald ein neuer Roman von Murakami erscheint.

Doch bis dahin lese ich einen wirklich älteren Roman Murakamis.

Wie immer lese ich zwischen anderen Büchern auch stets mal eins von Murakami. Es ist nicht verwunderlich, dass es dieses Mal wieder“Wilde Schafsjagd“ ist.

Ich sitze im Garten, schaue auf das Wasser, die Sonne scheint, und ich erinnere mich, wie mir Murakami in die Hände fiel. 11655204_1031144880230217_1367693754_n 2 Rückblickend begegnete mir der Schafsmann wirklich zuerst. In einem Antiquariat in Berlin.

Ich begann zu lesen und dachte ich entdecke gerade eine neue Art des Schreibens. Schon damals war ich verzaubert und längst verliebt in diese herausragende Literatur Murakamis.

In einer schweren Zeit war Murakami mein Lichtblick. Ja, er ist meine schönste literarische Untermalung zu so vielen Augenblicken, Ereignissen, Lieben…

Mit der Zeit las ich alles von ihm, was ich erhalten konnte  „Die gefährliche Geliebte“, „Der Elefant verschwindet“, „Kafka am Strand“ (oh, wie wunderbar dieses Buch auch ist), „Naokos Lächeln“ (ich schrieb mehrmals darüber, die Bedeutung ist heute noch herztief).“1Q84″, „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“, „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ war für mich auch eine Stütze immer weiterzuschreiben. Natürlich auch „Mister Aufziehvogel“, welches ein besonderes Meisterwerk ist. „Schlaf“ …Alle kann ich hier leider nicht aufzählen.

Einige Romane las ich mehrmals. Hoffentlich ist mir keines entgangen, denke ich in diesem Moment.

Aber sobald auch etwas Neues von ihm erschien, landete es kurze Zeit später in meinen Händen und unter meinen Augen. Sogar wissenschaftliche Arbeiten, die zur Verfügung standen. Ich selbst schrieb zwei über ihn, die aber verborgen in der Universität liegen.

Alles verschlinge ich gern. Heute ist dies noch leichter, da ich die Neuerscheinungen zugesendet bekomme. Für mich eine Freude, die mich zusätzlich glücklich macht. Allerdings genieße ich es dennoch bei bestimmten Neuerscheinung diese in meinem Lieblingsbuchladen zu kaufen. Eine Tradition, die ich mir immer bewahre. Dussmann hat schon allein eine längere Regalreihe von Murakami an mich verkauft.

Ich kaufe gelegentlich auch neue Exemplare Murakamis Romane, da die Alten recht abgenutzt, aber noch brauchbar sind. Vielleicht ein kleiner Tick. So vorsichtig ich sie auch behandle, verlieren sie manchmal etwas, aber die Verbliebenen werden nie weggeschmissen, sondern finden Leser für die Bücher in ihrem Leben oder Schicksal gerade unbezahlbar sind.

Haruki Murakamis Bücher sind mein Topping zur anderen Literatur.

Aber es geht um „Wilde Schafsjagd“, eigentlich schon nahezu ein Krimi und irgendwie auch nicht. Denn, Murakami in ein genaues Genre zu packen ist schwer. In dem Buch geht es unter anderem auch um die japanische Gesellschaft, die brechenden Fassaden von menschlichen Seelen. Dann ist da noch, und es grenzt fast an Komik dies zu schreiben, ein mystisches Überschaf, welches in einer Schafsherde auf einem Bild hervorsticht. Der Ich-Erzähler und Protagonist begibt sich auf die Suche danach und landet in einem Haus, völlig abseits der Stadt. Dort begegnet er Ratte, einem alten Freund, dessen Uhr aber eigentlich nur frisch aufgezogen wurde. Erst beim Lesen wird man diese Zeilen verstehen, denn zu viel möchte ich von der Handlung nicht verraten. Sein Freund trinkt zu viel, aber bei Bier und unzähligen Zigaretten und guter Rockmusik lässt sich über das Leben reden und die Zeit totschlagen So ist das mit wahren Freunden, steht es auf einer Seite. Die Protagonisten des Buches sind wie immer ganz sichtbar beschrieben, so vorstellbar, „Ratte“, irgendwie habe ich ihn trotz allem in mein Herz geschlossen.

„Als Ratte schwieg, herrschte Stille ringsum; nur das Ticken der Uhr war zu hören. Alle anderen Geräusche schluckte der Schnee. Mir war, als wären wir die beiden letzten Überlebenden im All. “ S.288

Noch war ich ahnungslos, dass er (Ratte) mir bald in einem anderen, neu erschienen Buch wieder begegnen würde.

So oft hielt ich das Buch in der Hand und immer habe ich die Suhrkampversion, da diese so wunderschön mit der japanischen U-Bahn in einem kräftigen Grün ist.

Mich macht das Buch erneut nachdenklich, wie schon so oft. Alles wirkt realistisch mit ein paar unfassbaren Nebensträngen, die aber doch möglich wären. Neben der Klarheit verschwimmen diese Handlungsstränge wieder mit weisen Philosophien und kurzen Lebensweisheiten. Ich liebe es, dass oft in Murakamis Büchern, die dunklen Schatten, Abgründe und auch der Seelenschmerz über Verlust, Gedankentiefe, Humor und Fantastik wie selbstverständlich nebeneinander laufen. Das schafft nur Murakami, und er schafft es, die Einsamkeit der Menschen einzufangen und doch nicht als bleierne Schwere erscheinen zu lassen.

Das „Überschaf“ erhält eine interessante Bedeutung. Mehr mag ich auch hier nicht verraten.

Zum dritten Mal las ich nun das Buch und wieder am Ende fühle ich abermals mit. Ich blicke noch einmal auf das Wasser und manchmal bilden Augen einen Fluss, der nicht einfach aufhört, über Stunden geht, wie am Ende des Buches. Aber ich lächle. Murakami zu lesen, ja wie immer macht glücklich. Dann stehe ich auf, habe diese Rezension fertig und bin froh, noch einmal in die „Wilde Schafsjagd“ eingetaucht zu sein und werde es wieder tun…irgendwann. Immer wieder. 41B283Y5P3L

Haruki Murakami. Wilde Schafsjagd. Suhrkamp Verlag. 306 S. 2-10€

Athony Doerr. Alles Licht, das wir nicht sehen.

Und was ist hinter der Tür da?»
«Hinter dieser Tür ist eine andere verschlossene, etwas kleinere Tür.»
«Und was ist hinter der?»
«Eine dritte verschlossene Tür, die wiederum etwas kleiner ist.» «Und dahinter?»
«Eine vierte Tür, und eine fünfte, und so geht es immer weiter, bis
zur dreizehnten, die ebenfalls verschlossen und nicht größer als ein Schuh ist.»

«Hinter der dreizehnten Tür», sagt der Führer und fährt mit seinen unglaublich faltigen Händen durch die Luft, «liegt das Meer der Flammen.»

Als ich dieses Zeilen las, war ich längst positiv gefangen in dem Buch und legte für einige Tage einen Leseanker ein.
Rückblickend lag das Buch mehrere Wochen auf dem alten Holztisch meiner Leseecke. Ich öffnete es nicht und begann nicht zu lesen, blätterte nur einmal kurz darin. Vielleicht war es nicht der richtige Moment, und so lag es noch eine weitere Woche, ein paar Tage. Dann las ich zwei Rezensionen darüber und begann an einem Regentag zu lesen.

Der Regen, der gegen das Fenster klopfte schien zu verschwinden, es war ganz ruhig und die Zeilen zogen mich hinein, und vor meinen Augen waren Blicke, Momente, Sichtweisen zweier Menschen, gefühlte Spannung. Marie-Laure, eine Französin und Werner, der in Deutschland geboren wurde, sind die beiden Protagonisten des Romans von Athony Doerr.

Es ist als habe Doerr durch andere Augen gesehen, gefühlt, ertastet und dann nur geschrieben. All das auf eine sehr bestimmte, direkte aber so poetische Art und Weise.

30498434,32794235,highRes,71-83353803%3A+Anthony+Doerr%3A+%2822.04.2015_16%3A48%3A35%3A928%29

Marie-Laure erblindet, und damit nicht genug, es herrscht Krieg. 1944, und die Nazis haben Frankreich besetzt, und so muss Marie-Laure mit ihrem Vater, der das Meer der Flammen in Sicherheit bringen soll, fliehen. Eine Flucht, die mich erschaudern lies.. Wissend, dass Marie Laure blind ist, sah ich beim Lesen doch und dachte, es ist so schon schrecklich, wenigstens sieht sie die Bilder nicht, oder tut sie es doch ein ganz klein wenig? Sie fühlt und spürt so intensiv, die ganze Furchtbarkeit um sich herum, aber auch das Schöne.

Ich war längst in dem Buch gefangen bis mich der Schlaf irgendwann packte. Am Morgen Tee, etwas Weiterlesen, aber die Arbeit rief und ich liebe sie, aber ich ertappte mich dabei, einfach weiterlesen zu wollen.

Mich bewegte das Buch die nächsten Tage. Allein die Liebe zu ihrem Vater die in dem ganzen Buch spürbar war, so sehr dass ich gelegentlich inne hielt, packte mich. Allein, dass ihr Vater ihr ein Modell ihrer Stadt Saint-Malo baute damit sie sich immer zurecht findet,  ist bewegend. Eine sehr frühe Szene in dem Buch als Marie Laure davor steht. Ja unvergesslich, wie so vieles in dem Buch.

Dies ist ein öffentlicher und doch persönlicher Blog, zum Schreiben über Bücher, Gedanken. Nichts liebe ich mehr als die Literatur, sage ich oft, aber dennoch wird sie immer den zweiten Platz haben, weil vor ihnen ein einziger Mensch ist, mein Dad.

Aber ich möchte nicht vom Thema abweichen. Werner verlor seinen Vater, er ist sehr geschickt mit technischen Geräten und ganz besonders mit Radios. So kommt es, dass er von den Nazis ausgebildet wird und an die Front nach Frankreich geschickt wird. Ich lese in diesem Roman zwei Geschichten, mache Zeitensprünge, lese gelebte Geschichte und lerne noch andere Menschen lesend kennen. Immer wieder ist vieles ein bisschen mystisch, aber gerade das zieht mich auch noch zusätzlich hinein.

Irgendwann werden sich sicher Marie-Laure und Werner begegnen, wusste ich, aber bis dahin las und blätterte ich noch viele Seiten um.

Dabei fühlte ich den Krieg nicht sehr, sondern schien Landschaften durch die bildhafte Sprache von Doerr zu sehen, die ich nie sah, und wie eine kleine Magie sah, spürte ich das Licht, das dieses Buch enthält, und doch ist es unsichtbar.

„Alles Licht, was wir nicht sehen“ bewegte mich selbst beim Schreiben der Rezension noch sehr.Marie-Laure ist eine Heldin und manchmal möchte ich Protagonisten einfach weiterlesen.

Warum dieser hervorragende Roman und Pulitzer Preisträger solange von mir nicht geöffnet wurde?

Manche Lichter sehen wir nicht gleich, oder sie sind erst da, wenn wir sie gerade wirklich brauchen. Nichts ist schöner als die hellen Lichter der Literatur.

Dieses Buch von Athony Doerr leuchtet besonders hell und der Anker bleibt, denn dieses Buch wird mich noch einmal positiv gefangen nehmen. Irgendwann, wenn das Licht vielleicht nicht einfach zu sehen ist.

Athony Doerr. Alles Licht, das wir nicht sehen. C.H Beck Verlag. 12. Dezember 2014. 528 S. 20.64 €

Eine großartige Rezension zu dem Buch befindet sich auch hier bei Masuko 13 und hier von AstroLibrium.