Athony Doerr. Alles Licht, das wir nicht sehen.

Und was ist hinter der Tür da?»
«Hinter dieser Tür ist eine andere verschlossene, etwas kleinere Tür.»
«Und was ist hinter der?»
«Eine dritte verschlossene Tür, die wiederum etwas kleiner ist.» «Und dahinter?»
«Eine vierte Tür, und eine fünfte, und so geht es immer weiter, bis
zur dreizehnten, die ebenfalls verschlossen und nicht größer als ein Schuh ist.»

«Hinter der dreizehnten Tür», sagt der Führer und fährt mit seinen unglaublich faltigen Händen durch die Luft, «liegt das Meer der Flammen.»

Als ich dieses Zeilen las, war ich längst positiv gefangen in dem Buch und legte für einige Tage einen Leseanker ein.
Rückblickend lag das Buch mehrere Wochen auf dem alten Holztisch meiner Leseecke. Ich öffnete es nicht und begann nicht zu lesen, blätterte nur einmal kurz darin. Vielleicht war es nicht der richtige Moment, und so lag es noch eine weitere Woche, ein paar Tage. Dann las ich zwei Rezensionen darüber und begann an einem Regentag zu lesen.

Der Regen, der gegen das Fenster klopfte schien zu verschwinden, es war ganz ruhig und die Zeilen zogen mich hinein, und vor meinen Augen waren Blicke, Momente, Sichtweisen zweier Menschen, gefühlte Spannung. Marie-Laure, eine Französin und Werner, der in Deutschland geboren wurde, sind die beiden Protagonisten des Romans von Athony Doerr.

Es ist als habe Doerr durch andere Augen gesehen, gefühlt, ertastet und dann nur geschrieben. All das auf eine sehr bestimmte, direkte aber so poetische Art und Weise.

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Marie-Laure erblindet, und damit nicht genug, es herrscht Krieg. 1944, und die Nazis haben Frankreich besetzt, und so muss Marie-Laure mit ihrem Vater, der das Meer der Flammen in Sicherheit bringen soll, fliehen. Eine Flucht, die mich erschaudern lies.. Wissend, dass Marie Laure blind ist, sah ich beim Lesen doch und dachte, es ist so schon schrecklich, wenigstens sieht sie die Bilder nicht, oder tut sie es doch ein ganz klein wenig? Sie fühlt und spürt so intensiv, die ganze Furchtbarkeit um sich herum, aber auch das Schöne.

Ich war längst in dem Buch gefangen bis mich der Schlaf irgendwann packte. Am Morgen Tee, etwas Weiterlesen, aber die Arbeit rief und ich liebe sie, aber ich ertappte mich dabei, einfach weiterlesen zu wollen.

Mich bewegte das Buch die nächsten Tage. Allein die Liebe zu ihrem Vater die in dem ganzen Buch spürbar war, so sehr dass ich gelegentlich inne hielt, packte mich. Allein, dass ihr Vater ihr ein Modell ihrer Stadt Saint-Malo baute damit sie sich immer zurecht findet,  ist bewegend. Eine sehr frühe Szene in dem Buch als Marie Laure davor steht. Ja unvergesslich, wie so vieles in dem Buch.

Dies ist ein öffentlicher und doch persönlicher Blog, zum Schreiben über Bücher, Gedanken. Nichts liebe ich mehr als die Literatur, sage ich oft, aber dennoch wird sie immer den zweiten Platz haben, weil vor ihnen ein einziger Mensch ist, mein Dad.

Aber ich möchte nicht vom Thema abweichen. Werner verlor seinen Vater, er ist sehr geschickt mit technischen Geräten und ganz besonders mit Radios. So kommt es, dass er von den Nazis ausgebildet wird und an die Front nach Frankreich geschickt wird. Ich lese in diesem Roman zwei Geschichten, mache Zeitensprünge, lese gelebte Geschichte und lerne noch andere Menschen lesend kennen. Immer wieder ist vieles ein bisschen mystisch, aber gerade das zieht mich auch noch zusätzlich hinein.

Irgendwann werden sich sicher Marie-Laure und Werner begegnen, wusste ich, aber bis dahin las und blätterte ich noch viele Seiten um.

Dabei fühlte ich den Krieg nicht sehr, sondern schien Landschaften durch die bildhafte Sprache von Doerr zu sehen, die ich nie sah, und wie eine kleine Magie sah, spürte ich das Licht, das dieses Buch enthält, und doch ist es unsichtbar.

„Alles Licht, was wir nicht sehen“ bewegte mich selbst beim Schreiben der Rezension noch sehr.Marie-Laure ist eine Heldin und manchmal möchte ich Protagonisten einfach weiterlesen.

Warum dieser hervorragende Roman und Pulitzer Preisträger solange von mir nicht geöffnet wurde?

Manche Lichter sehen wir nicht gleich, oder sie sind erst da, wenn wir sie gerade wirklich brauchen. Nichts ist schöner als die hellen Lichter der Literatur.

Dieses Buch von Athony Doerr leuchtet besonders hell und der Anker bleibt, denn dieses Buch wird mich noch einmal positiv gefangen nehmen. Irgendwann, wenn das Licht vielleicht nicht einfach zu sehen ist.

Athony Doerr. Alles Licht, das wir nicht sehen. C.H Beck Verlag. 12. Dezember 2014. 528 S. 20.64 €

Eine großartige Rezension zu dem Buch befindet sich auch hier bei Masuko 13 und hier von AstroLibrium.

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