Ralf Rothmann. Shakespeares Hühner.

Ich liebe diese verregneten Sonntage, an denen der Sonnenschein meine Bücher sind. Gerade noch etwas laufen, sitze ich wieder in meiner Leseecke und greife eines meiner Lieblingsbücher. Ralf Rothmann ist irgendwie ein Geheimtipp, und oft stelle ich fest, dass viele ihn gar nicht kennen. Wie schade, denke ich dann immer.

11659327_10204592498759960_9045454119180942752_n

Ein kurzer Gedankenausflug. Immer, wenn ich einen Fuchs sehe, der gelegentlich durch den Garten einer guten Freundin läuft, wenn ich einmal da bin oder ein Bild, muss ich an genau dieses Buch denken. So also auch vor Kurzem. (© S. Grajek)

“Shakespeares Hühner“ ist ein Buch, das mich doppelt überrascht hat, denn ich mag selten Kurzgeschichten, es sei denn sie sind von Alice Munro oder Haruki Murakami,  ja oder eben von Ralf Rothmann. In diesem Buch von Rothmann sind diese manchmal wirklich kurzen Geschichten so herrlich wundervoll, dass ich lache, dann nachdenke, mitfühle und feststelle, wie tief Zeilen berühren.

Die Erzählungen handeln von Menschen, deren Schicksal und Leben auf nur wenigen Seiten eingefangen wurde. Präzise wie ein Augenschlag. Schon die erste Erzählung nimmt mich gefangen und lässt mich sprachlos zurück. Eine Frau in Paris. Die Einsamkeit scheint ihre Dauerbegleitung zu sein. Doch dann spricht sie einen Mann an.

>>“Entschuldigung? Ich kenne sie!“… „Aus einem Traum…“, fügte sie gedämpfter hinzu und konnte es selbst kaum glauben; das Schlucken schmerzte im Hals. … Doch der Mann, der sie aufmerksam betrachtet hatte, schien nicht verärgert zu sein. Er lockerte die Pilze im Hut, zupfte einen Grashalm aus den Lamellen. „Ja, sagte er endlich und lächelt ernst. „Ich erinnere mich…“ Dann schloss er kurz die Augen, ein sanfter Gruß, schob den Vorhang mit dem Handrücken beiseite und ging hinaus. Die Scheibe, vibrierend von den Bussen, die gerade anfuhren, war staubig, sein Bild verschwamm, und ob er noch einmal gewinkt hatte am Straßenrand – sie konnte es durch Tränen nicht sehen.<<

Ralf Rothmann schafft etwas, was nur wenige Autoren schaffen. Menschen in Momenten mit ihren Gedanken nur kurz zu beschreiben und den Leser zurückzulassen als würde er/sie jeden Protagonisten doch recht gut kennen.

Und dann ist da Fritzi, die Gitarre spielt, über Shakespeare und die Menschen nachdenkt. Wir sind die Hühner, die erzählen, gackern, Vieles tun und oft doch nicht das Wahre. Die ständige Suche nach dem Ankommen und doch das Finden mit dem nötigen Alltäglichen überdecken.

Mich begeistern die Zeilen und die Art des Schreibens von Ralf Rothmann.

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Meine Lieblingserzählung in diesem Buch ist „Sterne tief unten“. Für die Rezension las ich sie heute Morgen bei Earl Grey noch einmal. Oswald ein Mann der irgendwie eine spürbar schwere Last auf den Schultern trägt und dann die Aufgabe bekommt, Leichen von einer Klinik, in der er seit Jahren arbeitet, in die Pathologie zu bringen. Er trägt diese neue Arbeit mit Fassung. Geradezu rührend ist seine Begegnung mit einem Jungen aus seiner Gegend und dass man seine Freude fast fühlen kann. Er lernt eine Frau kennen, und dann stockt mir der Atem, nein, ich halte an, als er sie zum Bett tragen will, und seine Gedanken fliegen und ihm bewusst wird, dass dies so viel leichter ist als die Toten oder sogar die Kinder, die er in die Metallwannen der Pathologie tragen muss.
Vielleicht muss man diese Erzählung lesen, um sie besser zu verstehen. Nein, alle, denn wahrlich sind alle unsagbar gut.
Ich wandle mit Shakespeare im Jetzt, lese über Einsamkeit, Tod, Sex, Liebe, Gedankentiefe und am Ende ist es immer als würde ich den Duft von Schnee in der Nase haben. Der Schnee, der irgendwo liegt und für mich oft zu schnell taut.

„Doch irgendwann taut es eben, und ich weiß noch, wie es mich als Kind überrascht hat, dass sie alle wieder zu zutage kommen, die Spuren, Schicht für Schicht. als hätte auch der Schnee ein Gedächtnis.“ S. 212

Ein schöner Gedanke im Sommer, der gerade ein Grau mit vielen Regenfäden hat.

Oft hat mich schon Ralf Rothmann begeistert. Dieses Buch ist nur ein Lieblingsbuch von ihm. Es liegt geschlossen neben mir, und wieder klopfen Regentropfen an das Fenster, und wie von selbst öffnet sich ein neues Buch, „Im Frühling sterben“. Ich begleite Walter, einen Protagonisten, und es herrscht der Zweite Weltkrieg 1945, und Jugendliche werden kurz vor Ende noch an die Front geschickt. Die Brutalität des Krieges zeichnet sich ab.

Ich lese gespannt weiter, tauche ein…verschwinde, der Regen wird unhörbar…

Shakespeare Hühner. Ralf Rothmann. Suhrkamp Verlag. 211 S. 19.95 €/Taschenbuch 8.99 € (die gebundene Ausgabe ist um so vieles schöner) 

                                Im Frühling sterben. Ralf Rothmann. Suhrkamp Verlag. 234 S. 19.95 €

RALF ROTHMANN Im Frühling sterben

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s