Der deutsche Buchpreis Longlist. Christine Wunnicke. Der Fuchs und Dr. Schimamura. Auf ein paar Worte: Die große Wichtigkeit von Buchhändler_innen und Buchläden.

Die Longlist des deutschen Buchpreises ist raus . Als meine Augen anfangs darüber blickten, war ich nicht gerade begeistert. Ralf Rothmann ist nicht dabei, ebenso wenig Bov Bjerg „Auerhaus“, Doch es gab auch zwei Freuden, Peter Richter mit seinem Buch „89/90“ und natürlich Kai Weyand „Applaus für Bronikowski“

Generell sind die Buchcover der Longlist des deutsch Buchpreises, wie immer. Nämlich schlicht, aber einladend. Ein auffällig großgeschriebener Titel, nicht viel Farbe. So kennen wir das seit Jahren.

Aber zurück zu dem Roman „Der Fuchs und Dr. Shimarura“ Als ich den Inhalt las, wusste ich dies wird mein erstes Buch von der Longlist, welches ich lesen werde, da ich es noch nicht kenne.

Schon das Cover des Buches beeindruckt mich. Es ist kunstvoll, etwas antik und hat zum Glück nicht dieses Hochmoderne. 51HAXYJDAbL._SX334_BO1,204,203,200_

Christine Wunnicke nahm die wenigen Aufzeichnungen des Doktors Shimamura Shunichi und verfasste einen Roman, der mich staunen lies, in dem ich gern verschwand. Selbst auf der Suche nach Shimamura ist wenig zu finden. Er steht in wenigen Medizinbüchern und denen Doktoren aufgeführt werden. Kurz am Rand erwähnt und nun durch den Roman in Zeitungen, Magazinen erläutert. mehr konnte ich leider nicht finden. Somit aber eine Person, die einst in der Realität existierte.

Dr. Shimamura versucht Frauen von der Fuchskrankheit, förmlicher Besessenheit zu befreien und reist mit einem Medizinstudenten nach Japan, um diese dann zu befreien. Hier denke ich gleich an Tollwut, allgemein wird auch die Räude beim Fuchs als Fuchskrankheit benannt.

Im 19. Jahrhundert gab es über die sogenannte Fuchskrankheit, wie im Roman genannt, keine Erkenntnisse, fachliche Begriffe oder Therapien. So wird nahezu Neuland betreten. Ein wirklich ungleiches Gespann ergeben die beiden Mediziner.

Die davon betroffenen Frauen tanzen, sind wie besessen und im schlimmsten Fall erfolgt eine Art Exorzismus, um den Körper davon zu befreien.

Schon auf den ersten Seiten deutlich, das Dr. Shimamura es nicht einfach hat. Weder bei seiner Arbeit, noch bei den erworbenen Erkenntnissen, noch in seinem Leben. Eher fühlt es sich tragisch an. An manchen Stellen fühle ich Mitleid.

Es kommen Zweifel auf, ob der Fuchs wirklich existiert, denn einiges deutet auch auf andere Dinge hin. Süchte und Abszesse werden festgestellt. Könnte es vielleicht ein Schwindel sein?

Doch Shimamura trifft dann auf die Fuchskrankheit und die sogenannten Füchse. Das nahezu Unfassbare geschieht und nimmt einen großen Raum ein.

„Es war ein kleiner Fuchs, zwei bis drei Handbreit lang, je nachdem, ob er sich streckte oder ballte, denn in seinem beengten Lebensraum direkt unter Kiyos zarter weißer Haut bewegte er sich fast wie eine Raupe.“

Der Protagonist liebt die deutsche Sprache, denkt viel nach und dann nach allem was er tut, wird er selbst mit der Fuchskrankheit angesteckt. Insgesamt und nach den Beschreibungen der Personen zu urteilen, die erkrankt sind, scheint es eine Form großer Hysterie zu sein. Dr. Shimamura selbst leidet zu dem an Schwindsucht. Ein Begriff, der heute längst veraltet ist und für Tuberkulose steht. Von all der Zeit geprägt, reist er nach Paris und sogar Berlin.

In Paris möchte er sein Wissen erweitern und wird dann für die Studenten eher ein Beispiel für bestimmte und befürchtete Erkrankungen.
Oft tauchen Personen auf und werden so beschrieben, das alle ein für mich komplettes Bild ergeben. So auch der Assistent Tourette.

Mit unserem heutigen Wissen, ist es also oft, wie ein Rückblick in die Medizin der Nervenheilkunde, heute als Neurologie, Psychiatrie bezeichnet. Vieles in dem Roman hat etwas Verwirrendes, Unwirkliches, gleichzeitig Bereicherndes und so Witziges.

Gerade das Nicht- Wirkliche macht das Buch so spannend, alles verschwimmt, obwohl ich als Leserin doch vermute alles entdeckt zu haben und damit weiß.

Doch Christine Wunnicke ist dafür bekannt in Irrgärten zu schreiben, die viel geben, etwas Unwirkliches auf den Wegen haben und doch so einprägend, bereichernd sind.

Dieses Buch ist damit zu einem Herzensbuch von mir geworden.

Allein Dr. Shimamura, der stets fiebrig ist, ist mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Oft wirkt er auf mich wie der typische zerstreute Professor, sehr klug, aber immer etwas neben der Spur und in einigen Dingen kurz vor der Schwelle des Wahnsinns.

Es ist also kein Wunder und darüber musste ich schmunzeln, als ich dies zweimal las, dass seine Mutter ein Buch über ihn schreiben wollte, welches den Titel „Genie und Wahnsinn“ tragen sollte.

Schmunzeln…ja, damit kann ich sagen, wie oben schon kurz erwähnt, dass dieser Roman wirklich Humor hat und dies sogar mit einer Vielzahl an medizinischen Fachbegriffen, Aber etwas mehr als gute Grundkenntnisse genügen und wenn nicht gibt es ja diverse Suchmaschinen oder noch besser Nachschlagewerke in Buchform, um ganz verstehen.

In der Zeit Schimamarus, Freuds erlebte die Neurologie/Psychiatrie eine Bewegung, die für heute wichtige Zeichnen setze. Dies zu lesen macht nachdenklich. Es gab Fortschritte und doch war es nicht so erforscht, wie heute. Bei diversen Krankheiten gibt es eine behutsame Herangehensweise und bisweilen, kann man auch von medizinischen und mehr menschlichen Verständnis sprechen.

Christine Wunnicke hat mit diesem Roman wirklich Seiten mit so viel Außergewöhnlichkeit geschaffen. So viel könnte ich noch schreiben, aber gewiss würde ich dann zu viel verraten. Schließlich hat das Buch nur 144 Seiten.

Das Buch ist einfach wundervoll. Ich begleitete Herrn Doktor Schimamura gern, war begeistert, mal erschrocken, fasziniert und interessiert, da ich medizinische und psychologische Themen nahezu genauso wichtig, lesenswert finde, wie Literatur oder das Wissen darüber.

Dieser Roman gehört für mich wirklich in die Longlist des deutschen Buchpreises. Christine Wunnicke hat eine wundervolle Sprache, die mich, wie durch eine Zeitmaschine von der Gegenwart fortführte.

Dr. Schimamura ist ein Buch, das mir viel gegeben hat. Eigentlich nahm ich es zuerst, wegen dem Titel.

Und am Ende…Der Fuchs an sich ist vielleicht nicht immer drin, nur weil er irgendwo steht, aber doch irgendwo ist er.

Der Fuchs und Dr. Schimamura. Sehr lesenswert.

Christine Wunnicke. Der Fuchs und Dr. Schimamura. Berenberg Verlag. 4. März 2015. 144 Seiten. ISBN: 978-3937834764 20 €

Auf ein paar Worte: Jedes Buch ist wertvoll und genauso sind es die Buchhändler_innen udn Buchläden auch. Sie dürfen nicht zu einer bedrohten Art werden. Sicher schon oft gehörte Worte. Aber bitte kauft in eurem nahegelegenen Buchladen. Viele Buchläden sind mittlerweile auch online vertreten und liefern innerhalb kürzester Zeit. Es ist auch möglich bei den jeweiligen Verlagen zu bestellen, was viele leider nicht wissen. Sollte ein Buchladen also nicht gleich in der Nähe sein, gibt es diverse andere Möglichkeiten, die Buchhändler_innen, Verleger_innen und Autor_innen zu unterstützen. Denn…

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Haruki Murakami. Wenn der Wind singt. Pinball 1973.

SAMSUNG CAMERA PICTURES Gerade war ich noch einmal  in „Wilde Schafsjagd“ eingetaucht und nun kam vor einigen Wochen Murakamis neues Buch mit gleich zwei Romanen von ihm. Meine ersten Gedanken, wenn ich ein neues Buch von Haruki Murakami in den Händen halte, ist immer „ENDLICH!“. Für mich gibt es keinen besseren Autor. Ich bin Harukinistin seit ich „Wilde Schafsjagd“ las, dann „Kafka am Strand“. Später tauchte ich dann in „Die gefährliche Geliebte“ ein und ganz besonders „Naokos Lächeln“ hat für mich einen tiefen Platz in meinem Herzen. All seine Bücher habe ich mittlerweile gelesen und nie würde ich nur eins seiner Bücher auslassen. Murakami lesen ist wie ein perfekt durchgespieltes Klavierstück oder in einer endlosen Bibliothek zu sein. Irgendwie versuche ich zu verstehen, warum Murakami nicht eher der deutschen Übersetzung zugestimmt hat und warum diese beiden Romane nur im japanischen Raum erschienen ist und erst so spät bei uns. Aber es wird unwichtig. Denn nun ist das Buch da, liegt in meinen Händen. Der DuMont Verlag hat längst aus Murakami ein Bucherlebnis gemacht. Das Cover, wie immer mit einer durchsichtigen Hülle, aber mit den bunten Farben, die irgendwie nur Murakami zu gehören scheinen. PicMonkey CollageIch löse kurz die Hülle und auf dem Buchdeckel finde ich auf weißem Grund eine in grau gehaltene Pusteblume vor. Dies zu sehen, die stabile Schutzfolie kurz abzumachen ist wieder ein Erlebnis, dass mir ein Lächeln auf die Lippen zaubert.  Ich tauche also ein und beginne zu lesen. Allein das Vorwort lässt mich schon literarisch fliegen. Dann gelange ich zum ersten Roman: Wenn der Wind singt In dem ersten Roman spüre ich wie Leben und der Sinn dessen durch die Zeilen fließen. Für mich ist es wunderbar, ein Werk von Murakami zu lesen, das entstand als er und seine Freunde selbst noch sehr jung waren. Da sind dann plötzlich die vielen Fragen, die unter zwanzig noch nicht vorhanden waren. So oft fühlte ich mich verstanden, erkannte mich wieder. Dieses Alter hat noch einmal eine wichtige Sollbruchstelle im Leben. So ging es wohl auch Murakami. Da ist also der Ich-Erzähler und schon bald nach nur einigen Seiten kann ich es gar nicht fassen. Ich mache kurz einen Luftsprung (sicher albern), aber es musste sein und lese noch einmal. Tatsächlich. „Ratte“ aus dem Buch „Wilde Schafsjagd“ ist wieder da. Unglaublich. So kommt es zu Besuchen einer Lieblingsbar, Gesprächen mit dem befreundeten Barkeeper, viel Alkohol, Zigaretten, Frauen, Lieben, Sex. Wichtige Lebensfragen werden gestellt und immer ist der Versuch sich selbst zu finden da. Es ist schön die beiden auch in Rückblicken zu begleiten, ihren Philosophien und Auseinandersetzungen zu folgen. Irgendwie höre ich auch ihre Musik mit. So ist das immer in Murakami Büchern. Sie werden mit Musik untermalt. So lese ich weiter und höre „Rainy Night in Georgia“ von Brook Benton. Murakami mit Musik zu lesen ist schon zur Tradition geworden. Oft stehen in seinen Romanen ganze Alben und diese haben mich auch zusätzlich musikalisch bereichert. Alles in allem. Das ist Haruki Murakami.


„Wenn das Salz nicht mehr salzt, womit soll gesalzen werden?“ (S.98)


„Natürlich gibt es Leute, die Glück haben, und Leute, die Pech haben. Starke und Schwache, Reiche und Arme. Aber keiner hat die Kraft, aus dem Durchschnitt auszubrechen. Alle sind gleich.“ (S. 99)


Ich lese all dies und empfinde Zufriedenheit. Murakami lesen macht glücklich. Schnell ist der erste Roman ausgelesen und ich gelange in der Mitte des Buches zu … Pinball 1973 Es sind gute drei Jahre vergangen. Ich erlebe einen Augenblick, der gefühlt die Zeit anhalten lässt. Fast nebenbei begegnet mir auch wieder in dem Buch. Ich kann kurz nicht weiterlesen. Das berührt. Ihr Lächeln wird wieder so beschrieben wie in meinem Lieblingsroman von Murakami „Naokos Lächeln“ 


„Sie hatte manchmal dieses Lächeln einer Einser-Studentin. Es hinterließ stets einen dauerhaften Eindruck bei mir. Auch, wenn ich selbst schon fort war, schwebte es noch lange im Raum – wie das bei der Cheshire.Katze aus Alice im Wunderland.“ S.133


Nur kurz anhalten, noch einmal diese Zeilen lesen. Wie schön sie doch sind und dann erst wieder weiteren perfekten Zeilen folgen. Veränderung der beiden Männer, das schon „etwas mehr Ankommen“ lese ich nun. Vieles hat sich gelohnt, das Weitergehen und gerade das Sich-Ausdrücken. Aber dennoch sitzt Ratte weiter an der Bar und wartet, dass das Leben so richtig beginnt. Warum es Pinball 1973 heißt, möchte ich hier nicht verraten, aber es gibt natürlich einen Grund dafür. Mit den beiden Romanen wird alles plötzlich verbunden. Jedes Buch von Murakami und sogar einige bekannte Protagonisten. Außerdem ist nun die „Trilogie der Ratte“ mit „Wilde Schafsjagd“ komplett. Die Zeilen in diesem Romanen sind wieder grandios und die Personen klar, aber nie zu abgehoben beschrieben. Irgendwann verschwimmt die Wirklichkeit wieder. Auch das ist Murakami. Als ich das Buch schließe, fällt mir auf, dass wirklich Jahrzehnte zwischen seinen anderen Romanen liegen. Es ist unglaublich fantastisch dies zu lesen und auch ein Murakami fing einmal an. Sicher war Murakami noch am Anfang, aber in jedem Wort spüre ich, dass er es geschrieben hat. Sein Schreibstil ist unverkennbar. Unter zahlreichen Autoren würde ich ihn sofort wieder erkennen. In den beiden Romanen sind deutlich die Weichen zu spüren, zu lesen und es ist verständlich, dass er heute ganze Fangemeinden,-Clubs usw. hat. Ein Satz werde ich daraus nie vergessen. Immer wenn wir suchen, finden wollen, umherirren. Egal, was ist, sollten wir sagen:


„Doch es gibt Hoffnung, denn eines Tages nimmt etwas unser Herz gefangen“ (S.211).


Murakami hat mein Herz gefangen genommen. Für immer. Ein großer Dank an den Dumont Buchverlag, denn allein ein so schönes Buch zu öffnen ist wie am schönsten Strand mit nackten Füßen auf warmen Sand zu laufen und dabei ein Lieblingsstück zu hören. Die Literatur ist so vielfältig, aber ohne Murakami wäre sie bedeutend ärmer. Auch in diesem Buch wird deutlich, dass Murakami ein Meister der Literatur ist und plötzlich passt alles noch mehr zusammen. Wie immer mehr als lesenswert. Das ist wahre Schreibkunst, die positiv gefangen nimmt und glücklich macht. Ein weiteres unvergessliches Buch mit der unverkennbaren Schrift Murakamis. 

Haruki Murakami. Wenn der Wind singt. Pinball 1973. Aus dem japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag. 20. Mai 2015. 350 Seiten. ISBN: 978-3832197827. 19.99 €