Zeruya Shalev. Schmerz.

Zeruya Shalev ist bekannt für ihre Art schreibend alles nachfühlbar zu machen.

Ihr neues Buch heißt „Schmerz“. Schonungslos wie ein Brandmal wirkt der Titel. Schmerz hat tausend Sprachen und Orte zu bleiben.

42760159zZeruya Shalev. Schmerz. Berlin Verlag. 368 S. 24 €. ISBN: 978-3827011855

Übersetzung Mirijam Pressler

Schon auf der ersten Seite ist „er“, der Schmerz spürbar und prägt sich ein, wie ein schmerzvolles Bild, das wir einfach nicht vergessen können.

Iris die Protagonistin wird überraschend von ihrem Mann Mickey mit dem sie seit langem das Bett nicht mehr teilt, erinnert, dass der Schmerz an einem bestimmten Tag geboren wurde. Dem Tag als sie mit anderen Menschen einem Terroranschlag in Israel zum Opfer fiel. Sie überlebte, aber all die Wunden, anschließenden Narben, der Schmerz, blieben. Über Mickeys Unvorsicht der Frage, welcher Tag sei, bin ich erschüttert, auch wenn unpassende Dinge leider passieren. Aber es gibt Momente, da wäre Schweigen, mitten im Satz anhalten, gut. Mickey spürt das Stoppschild zu spät, und wie eine haltlose Fahrt kehrt der Schmerz bei Iris zurück und wird deutlich wie ein frische Wunde, die vor Sekunden gerissen wurde.

Knappe zwei Seiten, und ich bin gefangen, bewegt. Wie viel Schmerz trägt das Buch in sich? Ich bin unsicher, ob ich es fast in einem Zug lesen kann, obwohl ein freier Tag die Zeit dafür hergeben würde.

Iris und Mickey gehen in eine Klinik. Der erste Arzt trifft die Stelle des Schmerzes, weiß aber nur einen anderen Arzt und Spezialisten für Schmerzen zu rufen. Und es kommt ein Moment, der mich etwas zweifeln lässt, ob das Buch in Kitsch verfällt, was es dann aber generell nicht tut. Denn der Arzt ist Iris‘ Jugendliebe Eitan, der Mann, den sie vor dem Anschlag liebte, der seine Mutter zu Grabe trug und sie dann verließ, weil er es nicht mehr konnte, leben, der alles hinter sich lassen wollte.
Viele werden an dieser Stelle den Kopf schütteln, und so war es auch bei der Lesung im Rahmen des internationalen Literaturfestivals Berlins. Die Zeilen wurden gelesen und ein Raunen ging durch den Saal. Gedankentiefe, der Blick dahinter fehlt… mal wieder. Eitan war 18 Jahre. Nichts hält in diesem Alter, alles, was fest ist, ist meist der Gedanke von Freiheit, möglichst keine Schwere zu haben. Leben, denn das Erwachsensein naht, wie ein rasender Zug.
Den Rücken stärken ist gut, so wichtig, aber nicht um jeden Preis. Eitan flieht und rettet sich selbst. Meinen Respekt über diese Romanfigur in jungen Jahren.

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Iris, nun verheiratet, zwei Kinder hat ihn nie vergessen und folgt ihm, stellt ihre Ehe, ja sogar ihr Leben in Frage und zusätzlich bereiten ihre beiden Kinder, welche schon aus dem Grünsten raus sind, Schwierigkeiten. Gerade Alma geht mit den Folgen des Anschlages eigenwillig um. Es ist also neben dem unfassbaren Schmerz, den Iris erleiden muss, auch ein Roman, der tief in eine Familie blickt.
Immer wieder gibt es den Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wieder und wieder wird der Schmerz deutlich und hinterlässt eine schwarzbittere Spur. Der Schmerz ist wie ein Schatten, der sich auch ohne Sonne und Licht an Iris heftet, sich durch das Buch zieht, wie ein schwarzer Faden mit Dornen.

Zeruya Shalev beschreibt poetisch dieses störende Gefühl und trifft genau den Ton, der nah am nicht mehr Aushalten ist, aber durch diese Offenheit der Beschreibung dessen doch wieder bereichernd ist. Sprachlich war Zeruya Shalev schon immer eine Meisterin darin, Gefühl ganz nahkommend zu beschreiben.

Beim Lesen wird deutlich, dass Iris trotz all der vielen Jahre nicht loslassen kann. Kreise drehen sich, und für mich wirkt dies neben der symbiotischen Beziehung zwischen ihr und Eithan etwas überzogen.  Es ist Symbiose, ein Wort, welche die Verbindung der beiden sehr gut beschreibt. Ich lese es, und es ist eher abschreckend. Liebe, Verbundenheit braucht Luft, Freiheit, einfach dieses Zwischenfeld, dass überhaupt Gefühl, Begehren zulässt und das eigne Selbst erhält. Vieles wirkt abhängig, die Beziehungen und auch ein Teil des Schmerzes.

Niemand schafft es aber wie Zeruya Shalev über körperlichen und seelischen Schmerz so zu schreiben, dass er nachfühlbar ist. Wer beide Schmerzformen kennt, wird sich verstanden fühlen, auch, wenn die Ursachen meist andere waren.

Als ich das Buch ausgelesen habe, bleibt etwas zurück. Durch meinen Körper fuhr oft ein Schmerz.
Dieser Roman tut weh. So richtig. Hier werden Punkte angesprochen von denen viele LeserInnen vielleicht noch gar nichts wussten.

Der Titel leuchtet mich noch einmal an. Ein Buch, dass mich lange über diese Rezension nachdenken ließ. Denn es hat unterschiedliche Seiten, viele emphatische, gefühlvolle, schmerzhafte und andere erschreckende, abgründige, abhängige, nicht loslassende Seiten.
Am Ende fehlt mir auch mehr der Blick auf Israel, die Konflikte und Zerrissenheit des Landes. All das wird nur nebenbei, aber immer wie unter einem grauen Schleier verborgen, beschrieben.
Zeruya Shalev hat selbst einen Terroranschlag erleben müssen. Mutig, diesen Roman zu schreiben, der mich etwas unklar, gegensätzlich in der Meinung zurück ließ, aber deshalb nicht weniger lesenswert ist. Sicher reicht der Roman nicht an „Liebesleben“ heran, aber er ist notwendig.
Denn jede Zeile, die tief geht und zeigt was Schmerz, egal ob seelisch oder körperlich auslöst, könnte mehr Verständnis für Folgen und gegen den furchtbar wütenden Terror, bösen Taten bringen.

Ein aufwühlender, auffallend guter Roman, der hoffentlich noch viele Wellen, Diskussionen auslösen wird.

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2 Kommentare zu “Zeruya Shalev. Schmerz.

  1. Was für eine coole Rezension! Ich wollte dir nur kurz bescheid sagen, dass ich mich total freue, dass du eine Followerin von meinem Blog bist und dass ich ab jetzt statt auf http://www.alissaloves.wordpress.com auf http://www.alissaloves.de blogge! Ich würde mich natürlich wahnsinnig freuen, wenn du auch dort ab und zu vorbei schauen würdest und vielleicht ja sogar wieder eine Followerin per Mail oder über WordPress werden würdest! 🙂 Liebste Grüße, Alissa ❤
    http://www.alissaloves.de

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