Norbert Kron. Der Begleiter. 

Der Beginn einer besonderen Verbindung kann überall sein. Auf der Straße, in einem Buchladen, auf einer Party oder in einem Hotel. Letzteres geschieht in dem Roman von Norbert Kron, „Der Begleiter“.

Alexander, der Protagonist des Romans ist 39 Jahre und arbeitet als Journalist. Doch dieser Beruf hat Schattenseiten. Die Stabilität des Berufes bleibt aus. Alexander entscheidet sich nebenbei für einen Escortservice, bei dem er Frauen ausführt und mit ihnen Kultur erlebt. Keinen Sex.

All dies im wundervollen Berlin. Ich tauche in die ersten Seiten ein. Alexander, der sich beim Escort Felix nennt, hat einen neuen Auftrag. Elisabeth (Liss) Vonhofen ist die Auftraggeberin. Eine Frau, die sehr geheimnisvoll, klug und von besonderer Schönheit ist. Auf den ersten Blick baut sich eine Spannung zwischen beiden im Hotel Adlon auf, so scheint es. Selbst nach dem verbrachten Tag lässt diese Frau Alexander nicht los. Sie fliegt in seinen Gedanken herum, beschäftigt ihn. Seine Versuche mehr über sie zu erfahren verlaufen allerdings ins Nichts.

Nach wenigen Seiten lasse ich mich also wirklich auch ein wenig verzaubern. Beim Lesen merke ich, wie ich ab und zu fast verlegen und lächelnd in meinen Nacken greife, meine Haare verspielt raufe. Vielleicht erliege ich selbst etwas dem Charme von Alexander und dem Geheimnisvollen von Liss. Aber Charme ist die eine Seite auf die wir Frauen oft zu schnell hereinfallen. Intelligenz und Empathie, die anderen und besseren. Alexander ist sehr gebildet. In einer unglaublichen Selbstverständlichkeit redet er mit hohem Wissen über Kunst und Geschichte, schafft es unterschiedliche Themen in eine Verbindung zu bringen. Gleichzeitig nimmt er die Frau komplett wahr, die er begleitet, stellt sich im Inneren Fragen über sie. Wie es wohl ist mit jemanden so ausführlich über Gerhard Richter, Modrian, Jahrhunderte voller Geschichte, außergewöhnliche Literatur zu sprechen? Es kommt sicher vor, aber zu selten.

Gedankenlabyrinthe neben einem schönen Abend. Wie wunderbar dies doch ist.

Liss und Alexander als Felix sehen sich durch einen Zufall wieder. Liss bucht Felix erneut und wieder diese Spannung, das Prickeln und Erotik zwischen beiden. Ein Gefühl, das jeder kennt. Ganz vorsichtig ist es und fast scheu, mit wenig Worten, minimalen Gesten und doch Innen schon dieses Begehren. Beide reisen nach Italien. Damit beginnt für mich eine der schönsten Reisebeschreibungen einer Landschaft, den Vesuv, Capri, die ich lange nicht mehr las und sicher auch nicht mehr lesen werde. Es ist als würde ich alles sehen, das Meer und die vielen mediterranen Düfte wahrnehmen. Nach und nach lüftet sich mit dieser Reise auch das Geheimnis von Liss, die neben Charity-Veranstaltungen einige andere, unangenehme Dinge zu verwalten hat.


Neben dem Journalismus, dem Escort und Liss spielt in Alexanders Leben zusätzlich Jeanne eine Rolle. Sie wirkt ganz anders als Liss. Sie arbeitet auch, hat ein Kind. Mir scheint sie eher unscheinbar, aber wie Alexander ist sie sehr freiheitsliebend. Für mich mag Jeanne dennoch so gar nicht zu Alexander zu passen. Aber gerade diese unterschiedlichen Frauen bringen auch einen interessanten Aspekt in den Roman.

Alexander stellt sich zunehmend Fragen, wie es in seinem Leben weitergehen soll. Ist der Escortservice das echte Leben?

Auf gerade einmal 272 Seiten gibt es zahlreiche anspruchsvolle Themen. Plötzlich dachte ich noch mehr über das Leben, die Arbeit und den damit verbundenen häufigen Kampf von Journalisten nach. Ein Thema, welches immer aktuell ist. Aber auch Gedanken über das Leben selbst kamen. Wie wichtig ist Geld? Was erleben wir zwischenmenschlich? Was fühlen und denken wir bei Begegnungen? Norbert Kron lässt intensiv in die Seelen seiner Figuren blicken. Der Handlungsstrang gehaltvoll und über eine Suche nach sich selbst.

In dem Roman gibt es keine Scheu vor Gefühlen, kreisender Gedankentiefe. Es gibt Offenheit und eben die Freiheit, nicht nach einer gesellschaftlich Norm zu leben und zu lieben. 

„Konnte man denn nichts von alldem haben, ohne dass man gleich eine Beziehung einging – ohne dass man gleich wieder mit Haut und Haar feststeckte in der Schublade, auf der die Bezeichnung >Lebenspartner stand< stand?“ S.203

Der perfekte Satz und Gedanke, der das Buch noch genussvoller macht. Denn Leidenschaft, sich begehren brennt am besten in Freiheit. Die Liebe geht an Norm und eigens gesetzten Gitterstäben oft verloren, wie ich finde. Aus Schubladen breche ich am liebsten aus, da ich offene Regale viel schöner finde.

Mehr möchte ich über das Buch inhaltlich nicht verraten.

Ich bin wählerisch, was Literatur betrifft.

Daher liebe ich es, wenn ich Buchseiten lese und denke, dass alles über die Maßen gut, sprachgewaltig und niveauvoll geschrieben ist. Über die Maßen fern von jeglicher Oberflächlichkeit, Empathie auch mal Mitgefühl für einen anderen Menschen, fundierte wahre Intelligenz, einer prickelnden Erotik und Bestimmtheit eines Mannes. Ja und voller Freiheit. Genau diese Komponenten sind es, die Herzensbücher von mir haben müssen. All das, dachte ich beim Lesen von Norbert Kron’s Roman „Der Begleiter“.

Wäre jeder Roman so exzellent, würde ich wohl das Lesen zum Beruf machen müssen. Eine hinreißende, aber leider unmögliche Vorstellung.

Norbert Kron. Der Begleiter | Deutsche Taschenbuch Verlag | 2008 | 272 S. | ISBN: 978-3-423-21067-6 | 11.99  €

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