Norbert Kron, Amichai Shalev. Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen.

„Die einzige Pflicht, die wir gegenüber der Geschichte haben, ist , sie umzuschreiben.“ Oscar Wilde

Ich denke an diesen Spruch als ich das Buch erhalte und lese. Zuerst entstanden nur ein paar Zeilen für die Rezension.
Wie und was schreibe ich über ein Buch, das so viel Toleranz, Freiheit und Offenheit in sich trägt? Wie schreibe ich über Werte, die aktuell an zu vielen Stellen Lücken aufweisen? 

Ich wusste es nicht sofort. 
Eine Gratwanderung, die in der angemessenen Verarbeitung der Vergangenheit zu einem großen Maß an Leichtigkeit führen kann. Genau auf dieser Grenze wandelt das Buch. Es hat alles was ich einmal kompakt lesen wollte. Geschichte, die Verarbeitung des Holocaust, Freundschaft, Liebe, Akzeptanz, ein Austausch verschiedener Menschen, Länder, die von allen Seiten beleuchtet werden und Missverständnisse, die durch Zeilen aus dem Weg geräumt werden. Einfach auch Wege, die in der Gegenwart anders, sogar neu, aber dennoch nicht ohne das Vergessen der Vergangenheit begangen werden. 

Also unzählige Gedanken und ich sitze vor meinem Schreibtisch, schreibe einfach drauf los. Es geht nicht darum die besten Zeilen für dieses Buch zu finden, sondern darüber zu erzählen. „Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen“ bedeutet mir sehr, sehr viel. Es ist eine kleine Bibliothek vom Leben, Unterschieden, Gedanken all das eingefangen von unterschiedlichen Autoren. 

  
Ich freue mich als Gedankenlabyrintherin Euch mit zu nehmen…Auf in die Geschichte, auf nach Israel und Berlin. 
Es ist an einem Montagmorgen in Berlin als ich das Buch in der Post habe. Die Stadt entwickelt gerade ihren Alltagslärm und der typische Duft strömt durch das leicht geöffnete Fenster. Ich beginne zu lesen. „Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen“ als ich diesen Titel das erste Mal höre, muss ich sofort an ein Video auf Youtube denken. Ein Holocaustüberlebender tanzt mit seinen Verwandten vor den Toren von Auschwitz zu „I will survive“ 

Das Cover des Buches ist sehr bunt und einladend. Es sprüht förmlich vor Energie. Darauf sind Berlin und Israel mit tanzenden Menschen zu sehen. 
>>Sag heute noch jemanden, dass du ihn liebst<< „Begegnungen im Hier und Jetzt“ Die erste hervorgehobene Unterschrift bei der Inhaltsangabe. 

„Warum eigentlich nicht?“Ich nutze  Facebook und teile das Buch und diesen Satz. Mehrmals wird es geliket, Dialoge bilden sich über und Mails kommen dazu. Es geht um das Aussprechen eines tiefen Gefühls, aber auch die Verarbeitung des Holocaust. Kaum begonnen bewegt das Buch also schon. Erstaunlich. 

Ich sitze längst in der U-Bahn zur Arbeit als ich das Vorwort der beiden Herausgeber Norbert Kron und Amichai Shalev lese und ein Lächeln huscht über meine Lippen. 

>>>“Immer sind es die Schicksale einzelner Menschen, die die faszinierenden Geschichten erzählen, Geschichten, die sich in Büchern oft wie erfunden anhören. Wie diese zum Beispiel, die sich vor ein paar Jahren ereignete. Sie handelt von einem Mann, der zu einem der größten Stars auf Youtube avancierte, zu einer Art Popstar, der mit seinem Tanz Millionen von Usern begeisterte und verstörte, und das im Alter von 90 Jahren. Andolek Kohn war nämlich nach Auschwitz, Theresienstadt und zu anderen anderen Konzentrationslager gefahren, um dort vor den Toren zu Gloria Gaynours weltberühmten Dancefloor „I will survive“ zu tanzen, zusammen mit seiner Familie…“<<<
Genau das hatte ich vor dem Aufschlagen gedacht. War es falsch nun darüber zu schmunzeln?

 Ist tanzen zur Verarbeitung genau richtig oder ein Schritt zu weit?

Bevor ich diesem Gedankenlabyrinth folge, lese ich weiter. Jede Geschichte ist anders. Es sind jene Geschichten, die erinnern, berichten und jene, die Fragen stellen, Antworten schenken und jene die einfach das pure Leben sind. Jene, die provozieren, zum Schmunzeln bringen und unzählige Gedanken hinterlassen. Es sind jene Geschichten über die Verarbeitung und den Umgang in der Gegenwart mit dem Holocaust. 
Die Freundschaft zwischen Deutschland und Israel existiert nun seit 50 Jahren. In der Zeit ging vieles voran, aber der Nahostkonflikt ist aktuell. 
Die Geschichten prägen sich ein. Ich lese das Buch schnell durch. Überall nehme ich es mit. Gedanken dazu fliegen dabei durch gewohnte Straßen und Räume. Mehrmals las ich die Geschichte von Sarah Stricker „Der neue Deutsche“ Vielleicht, weil sie zeigt, wie tief der Holocaust in manchen von uns noch verankert ist. Eine Geschichte über Maya, eine junge Frau, die in Tel Aviv kellnert und am liebsten die große Liebe finden würde, aber vorher hätte sie gern eine neue Nase, da ihre unschön ist.

Irgendwann kommt ein Deutscher in ihre Bar und bemüht sich um sie. Sie treffen sich, reden, kommen sich näher. Doch nichts ist mit Leichtigkeit untermalt, sondern der Holocaust ist sehr präsent. Fragen tauchen auf und irgendwie bei dem Deutschen auch ein Schuldseinsgefühl. Es scheint fast als steigere er sich dort hinein. Bis er merkt das Maya dies auch mit Humor sehen kann. Doch ihm passiert mit Worten das, was die Grenzen des Humors und des einfacher Sehens einer gnadenlosen Vergangenheit gänzlich überschreitet. 
„Maybe the Holocaust did also something good“
Selbst als ich das las, stockte ich. Das ist zu viel. Er versucht es zu erklären, dass der Holocaust gut war. Gut, sie hätten sich ja dadurch kennengelernt. Zwei Sätze, die zeigen, das Gleichgewicht zwischen Erinnerung und einem lockeren Umgang hat er nicht verstanden. Am Ende ist Maya sehr getroffen und geht leider mit immer noch unoperierter Nase. Aber die Geschichte zeigt, dass es auch in dem Umgang mit den Folgen des Nationalsozialismus und der langen Historie der Judenverfolgung zwar einen guten Umgang geben sollte, der nicht ständig schwer wie ein Findling sein sollte, aber eben auch nicht leicht, wie eine Feder. 

Es sollte ein ausgewogenes Maß aus beiden besitzen. 

  
Auch Amichai Shalev und Norbert Kron schrieben jeweils eine Geschichte in diesem Buch. 
Amichai Shalev’s Geschichte „Wurst mit Colageschmack“ brachte mich mehrmals zum Lachen. Die hängenden Gummipuppen im Hotelzimmer, die Wurst mit Colageschmack und all das so trocken im positiven Sinn erzählt. Ich stelle mir gerade schon wieder die Frage, wo dieses Hotel zu finden ist. Nicht wegen der Gummipuppen, aber wegen der Themenzimmer und äußerst merkwürdigen Wurst. 

Nur das ist nicht alles. Endlich wird einmal intensiv über das Wort „Nazi“ nachgedacht.


„…Man kann es an der merkwürdigen Metamorphose sehen, die das Wort >>Nazi<< in der hebräischen Sprache durchlaufen hat. Am Anfang war es ausschließlich den Nazis vorbehalten- Hitler war ein Nazi, Eichmann war einer und die Deutschen waren Nazis. Alle Übrigen waren keine Nazis. Für sie gab es andere Worte.“ S.109
„So ging das Wort >>Nazi<< in der postmodernen Erfahrung auf Wanderschaft, begann sich selbst zu betrachten, um zu sehen, woraus sich seine Gewänder zusammensetzen, streifte eines ab, dann das zweite, zog neue Schuhe an, setzte eine Sonnenbrille auf, schüttelte den Staub historischen Konnotationen und den Moder der Gefühle ab…“ S.111

>>Nazi<< ein Begriff, der alltäglich wurde. Viel zu leichtfertig umher geworfen. Aber wo die Grenze ziehen? Die Bezeichnung Nazi als Schiedsrichter, heißt sehr genau, gewissenhaft. Dennoch für mich bleibt dieses Wort negativ. Es sind jene Menschen, die gnadenlose Unmenschlichkeit ausführten und einem Mann folgten, der sie nur als Instrumente seine Ideologie durchzusetzen, benutzte. 
Als ich kurz vor dem Ende des Buches bin, erscheint auch Norbert Kron’s Geschichte. Er selbst ist recht oft in Israel (siehe Bilder) „One State Solution“ Eine Zukunftsversion, die erzählt, wie es in ein paar Jahren sein könnte. Die Technik ausgereifter und doch selbst viele Jahre später, bleiben die Konflikte. Nichts hat sich beruhigt. 

Teilweise klingt es wie ein Bericht im Jetzt. Ein Anschlag, eine Explosion, Schüsse fallen. Norbert Kron schafft durch seine Sätze, Einblicke in das Unfassbare, was wir nie erleben möchten. 

Doch eine Frau, die mitten im Geschehen ist, handelt genau richtig und rettet etwas, das so wichtig ist. Ein Gedächtnis, Erinnerungen. Sie retten einen Menschen. Menschen, die etwas bewegen, erinnern, über alles erzählen, werden uns in allen Epochen begleiten. Mehr möchte ich zu dieser großartigen Geschichte, die mich zusätzlich nachhaltig beschäftigte, nicht sagen. 
Das Buch macht gerade durch die so unterschiedlichen Geschichten deutlich, dass eine vergangene Spur aus überdimensionaler Unmenschlichkeit immer bleibt, nicht vergessen wird, weil sie auch nicht vergessen werden sollte. Wer doch vergisst, versteht nicht. 
Aber genau diese Geschichten in dem Buch zeigen gleichzeitig, dass die Zeit immer eine Wandlung bringt und es Schritte zwischen zwei Ländern gibt, die Grenzen, Hemmungen, Bedenken verwerfen und mehr zwischenmenschliche Offenheit auch für Länder geschaffen werden können. Es ist gut keine Predigten oder ewig lange wissenschaftliche Texte zu verfassen, die nur noch mehr Fragen aufwerfen oder dazu führen, das viele den Kopf schütteln, sich dagegen stellen. Um Geschichte und Freundschaft zwischen zwei Ländern, Änderung zu vermitteln, braucht es Geschichten aus dem Leben und keinen drohenden Zeigefinger. Es braucht Humor, auch Ernst und pures Leben mit allen Facetten aus hell bis dunkel. Leben in das wir hineinschauen können, nah dran sind und selbst Unwissende endlich verstehen, an mehr Offenheit gelangen.
Selbst ich war etwas skeptisch. Kann ich nach Israel reisen? Bin ich dann nicht in Gefahr? Typische Fragen und doch längst überholt. Ich merke wie beim Lesen meine letzten Zweifel verschwinden. Einmal am Strand von Tel Aviv lang spazieren, etwas essen, mit Einheimischen, einem guten Freund plaudern, tanzen und ein anderes Mal Stille ganz allein in einem Land genießen, was mir zuerst etwas fremd war. 
Die Zeiger der Uhren drehen sich unaufhaltsam weiter. Freundschaften, Lieben bilden sich, Freiheit wird gelebt, Vorurteile zerschlagen und ein Land in seiner ganzen Schönheit gesehen. 

Die Grausamkeit des Holocausts sollte nie vergessen werden, aber es ist auch gut, wenn sie neue Wege des Nicht- Vergessens findet. Am Ende des Buches denke ich an Israel, sehe Fotos davon durch und innerlich sind die Koffer längst für Israel gepackt.
Norbert Kron und Amichai Shalev ist mit dem Buch ein großer Sprung zu mehr gegenseitigen Verständnis, mehr Toleranz gelungen und das etwas mehr Leichtigkeit eben nicht bedeutet zu vergessen. 
Durch das Lesen des Buches bin ich auch in meiner Arbeit gegen Rechtsextremismus und gegen das Vergessen ein Stück weiter. Ja, ich darf auch einmal schmunzeln, nicht bierernst sein, wenn es um ein so wichtiges Thema geht. Vergessen oder runterspielen würde ich es nie. Aber wir müssen aufhören mit Panzern zu versuchen, nicht vergessen zu wollen. Schuld ist nach vielen Jahren eine fast unnötige Frage, sondern einzig sinnvoll ist die Frage: Wie vermeiden wir je wieder Schuld zu haben und wie bekämpfen wir Hass? 

Zwischen Israel und Deutschland gibt es eine Jahrzehnte lange Freundschaft. Wir sollten daran arbeiten, dass dies so bleibt und wir nicht zu der Unmenschlichkeit aus der Vergangenheit zurückkehren. Der Mensch sollte vorwärts laufen und nicht die Fehler von einst wiederholen. 
Was für ein Buch, saust es durch meinen Kopf?!

Es gibt so viel und mir eine wundervolle Lesezeit mit einem Gedankenlabyrinth, das so bereichernde, unterschiedliche Wege hatte, die schöne Spuren hinterlassen haben. 
Ich möchte Luftsprünge machen. Das ist bewegende Literatur, das ist der Anstoß, der richtige Weg zu verändern. Das ist Literatur, deren Zähne fest zubeißen, wach rütteln und gleichzeitig wie ein Biss sind, der endlich neue Bahnen schafft.
Noch einmal blicke ich das Cover an. Es sollte Partys geben bei denen wir tanzen, reden, uns austauschen bis in den Morgen und tanzend rufen „Wir vergessen nie“
Sicher eine gute Brücke gegen Missverständnisse und für mehr Freiheit. Das Buch ist perfekt für viele Brückenfundamente.
„Nichts bewegt mehr als die Kraft der Sprache und das Schreiben.“
„…wo man die Waffen statt den 

Menschen sprechen lässt muss

Man ihnen das Wort nehmen

Nichts ist so entwaffnend wie

Deine Bücher keiner schiesst der

Sie liest er küsst“ 

(S. 312, Auszug aus Ode an Zeruya von Albert Ostermeier)

Und nun am Ende der Rezension? Wir leben, schreiben, reden, lesen und die Erkenntnis-Ja- es ist genau richtig zu tanzen“ 

„Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen“

Ein besonderer Dank geht an Norbert Kron. 

Norbert Kron, Amichai Shalev | Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen | S. Fischer Verlag GmbH | Frankfurt am Main 2015 | 316 Seiten | 18.99 € | ISBN: 978-3-10-002391-9

(C)Bilder Norbert Kron, 

Sandra Höhne

Deon Meyer. 13 Stunden

Mit „13 Stunden“ von Deon Meyer fing alles an. Ich zweifelte erst etwas nach dem ich diesen Buchtipp erhalten hatte. Bis auf Henning Mankell lese ich aus dem Genre Krimis kaum etwas oder scheitere an der Flachheit des Inhaltes oder fehlenden Sprachgewalt. Nun gab ich Deon Meyer eine Chance. Es geschah das, was ich nicht gedacht hätte. Ab der ersten Zeile rannte ich mit dem Opfer einer jungen Frau, die gejagt wird mit und die Spannung kribbelte wie ein angenehmer Kältehauch bei dauerhafter Hitze. 

Es gibt einen Wechsel zwischen dem Opfer, der Tat und dem Protagonisten. Der Protagonist ist Bennie Griessel. Ein eigenartiger Inspektor, der ein Alkoholproblem hatte, Glück ist nicht so ganz seine Sache. Er hat Probleme mit seiner Frau, ist unbequem, trotzdem tiefsinnig. Seit Jahren ist er im Geschäft und damit besser als die Neulinge, die nachdem das Opfer getötet wurde, auch zum Tatort kommen. Ein merkwürdig zusammengewürfeltes Team bietet sich dann. Etwas auf das Griessel keine Lust hat. 

Schauplatz des Romans ist Afrika. Rau ist es dort in Kapstadt und doch wieder schön. Auch hier immer ein Wechsel. Schönheit und Verbrechen, Gesellschaftskritik laufen nebeneinander. 

  

Deon Meyer verpackt alles zu einem perfekt gepackten Paket. Er gibt Einblicke in das Geschehen, das Leben der Menschen und die politische Lage dort und der immer noch vorhandene Rassenhass. Ich lerne das Land kennen, lese Landschaftsbeschreibungen, die neugierig machen, endlich nach Afrika zu fliegen, dann einen etwas skurillen Inspector, den wohl jeder genau deshalb lieben wird und diese unglaubliche Spannungskonstante. 

Der Krimi ist ein Sog. 

Bennie Griessel hat einen äußerst schlechten Tag erwischt. Erst der Mord einer jungen Frau, dann wird ein Toter in seinem Haus gefunden. Am Abend hat er eine Verabredung mit seiner Frau. Alles bildet Knoten und ich verfalle Meyers Schreibweise, die mich oft an Mankell erinnert. So gut, so sprachgewaltig. Zeilen, egal ob in einem Liebesroman oder Krimi müssen bildhaft und klug sein. So kann ich hineinspringen, mich darauf einlassen und in eine andere jeweils neue, unbekannte Welt fliehen. Die Zeit läuft. Es bleiben nur noch knapp 13 Stunden. 

Viel mehr möchte ich nicht verraten, da dies ein hochspannendes Erlebnis ist, das noch in mir ist, ich es weiter genieße und jeder seine Erfahrung in alles einzutauchen, selbst machen soll. Nur so viel sei gesagt Ich bin süchtig geworden. Die größte Freude daran ist, dass es mittlerweile eine Griessel-Reihe gibt, die Deutschland erobert. 
Mittlerweile habe ich fast alle Bände gelesen und freue mich weiter diese zu verfolgen. Es gibt sie also noch, jene Krimis, die mich fesseln und ich glaubte fast nach Mankell sei dies verloren gegangen. Ich kann nur bestätigen, was über Deon Meyer geschrieben und gesagt wird. Er ist wahrlich eines der weltbesten Krimiautoren. 

„13 Stunden“ von Deon Meyer ist ein perfekter Roman, um nun einmal in eine grandiose Krimireihe einzusteigen und sie immer weiter und weiter zu lesen.

Deon Meyer | 13 Stunden | Aufbau Verlag | Aufbau Taschenbuch | 17 Februar 2014 | 467 S. | 9,99 € | ISBN: 978-3746630496

Lydia Davis. Reise über die stille Seite-Stories

Ich bin in meiner Lieblingsbuchhandlung Dussmann in Berlin. Dort wird gerade umgebaut. Die gewohnte Stille, die gewohnten Wege sind fort, die Regale anders. Alles etwas enger. Öfters muss ich Platz machen oder jemand anderem ausweichen. Sonst war jeder Besuch für mich wie ein Kurzurlaub. Die Stille ist fort, wenn auch nur für eine gewisse Zeit. Doch es wird anders sein. 

Ich überlege, ob Stille auch manchmal Gewohnheit und derselbe Ort von Dingen sein kann? Ich denke schon. In diesem Gedankenmoment liegt ein Buch unten bei den Regalen vor mir. „Lydia Davis – Reise über die Stille Seite des Lebens“ Genau das ist es, was an Literatur passt. Ich nehme es mit und verlasse Dussmann recht schnell. Einfach in die U-Bahn steigen, schön in meiner unveränderten Leseecke sein, einen Tee trinken. In dem Buch stehen Kurzgeschichten und manche werden jetzt vielleicht schon vorschnell nein sagen, da sie eben solche kleinen Geschichten nicht mögen. Aber es lohnt sich. Linda Davis wird zurecht von allen hochgelobt. Diese Kurzgeschichten beschreiben das Leben. Ganz pur und schonungslos. Da ist die Frau, die verloren hat, weil es eine andere Frau gibt, die bei dem geliebten Mann einen wahren Platz hat. Es geht um Kinder und um Mäuse in Wänden, Frauen, die zu Zedernbäumen werden, Katzen im Gefängnis und Zorn, Unmut, Sex. Berührt hat mich die Story „Eine Naturkatastrophe“

„Wir bleiben jetzt den Großteil des Tages im Bett, unter schweren, sauren Decken; die Holzwände sind durch und durch nass; das Meer sickert durch durch die Ritzen der Fensterbänke und tröpfelt auf den Fußboden. Drei von uns sind zu unterschiedlichen Morgenstunden vor Tagesanbruch an Lungenentzündung und Bronchitis gestorben. Drei sind noch übrig, und alle sind wir schwach; wir schlafen nur noch oberflächlich, denken nur noch verworren, unterscheiden nicht mehr zwischen Licht und Dunkel, nehmen bloß noch Halbdunkel und Schatten wahr“

Lydia Davis schreibt so intensiv, dass selbst wenige Zeilen genügen, und ich bin metertief in der Geschichte. Ihre Sprache ist außergewöhnlich, mal poetisch, mal klangvoll, so vollendet geistreich und immer besonders. Ein Buch, welches lebensnah ist. 
  
So auch in „Der Spaziergang“ Zwei Menschen gehen nach einer Konferenz spazieren und Worte fließen, ein guter Austausch, aber eben jene Worte, und gemeinsame Gänge können dazu führen, sich nach dem Abschied nie wiederzusehen. 

Das Buch ist heiter und doch geht es auch um den Tod, Schmerz, der mal verständlich, mal als zu einfach gesehen wird. Dann gibt es in verschiedenen Zeilen zwischenmenschlicher Kälte und etwas weiter zärtliche Nähe. Es sind Seiten mit allem, was das Leben bietet. Viele Seiten, die ernste Themen haben. Vergewaltigung, Verlust, Verbrechen und tiefe Einblicke in die Psyche verschiedener Menschen und ihren Ereignissen, die messerscharf in ihr Leben eingeschnitten haben. 

Höhen und Tiefen festgehalten in Kurzgeschichten, die zum Nachdenken, aber gleichzeitig auch eine schöne Stille bringen, die wir zuerst woanders suchten.
Stille, welche immer nach Allem kommt, egal was auch geschieht. Aber gewiss kann sie auch ein Ort und eine liebgewonnene Gewohnheit sein. 

Ein unvergesslich gutes und unfassbar passendes Buch in jeder Zeit, in jedem Augenblick.

Lydia Davis | Reise über die stille Seite Stories | Frankfurt am Main Januar 2016 | Fischerverlag Taschenbuch | ISBN: 978-3-569-03319-5 | 10, 99 €