Lena Andersson. Widerrechtliche Inbesitznahme

„Liebe ist die stärkste Macht der Welt, und doch ist sie die demütigste, die man sich vorstellen kann.“ 

(Mahatma Gandhi) 

„Widerrechtliche Inbesitznahme“ Der Titel passt. Denn die Liebe kommt ohne zu Fragen, nimmt uns in Besitz, egal ob wir gemeinsam lieben oder es nur einseitig ist. Jede Seite wird in Besitz genommen. Ungewollt. Ungefragt. 
In dem Roman von Lena Andersson geht es um eine junge Frau Esther Nilson, Dichterin und Essayistin. Sie ist 31 Jahre alt, sieht die Welt ganz genau, in unzähligen Details. Schon am Anfang des Buches wird deutlich, wie tief ihre Gedanken gehen und wie viel unterschiedliche Wege sie nehmen. 
Ich bin von der ersten Zeil an tief in dem Buch. Lena Andersson schreibt anziehend, alles verschwindet und jeder Satz von ihr wollte dann von mir mit vollen Genuss gelesen werden. 

Esther bekommt den Auftrag über den Künster Hugo Rask zu sprechen. Bei dem Vortrag ist dann auch der Künstler anwesend. Hugo Rask übt sofort eine Anziehung auf Esther aus. Selbst Tage später ist er präsent in ihren Leben. Ihre bestehende Beziehung zu einem Mann bekommt dadurch neue Züge. Überall sind harte Ecken und fehlende Dinge. Beide haben sich auseinandergelebt. Beim Lesen spüre ich beide Seiten sehr. Esther, die Verliebte, die Hugo Rask noch gar nicht kennt und den Mann, der die Veränderung bemerkt, hofft und doch verlieren wird. Nur eine geringe Zeit später trifft Esther, Hugo Rask wieder. Sie macht ein Interview für eine Zeitung. Allein der philosophische Austausch zwischen ihnen ist einzigartig. Es geht um verschiedene Sichtweisen, ob man Taten nach ihren Konsequenzen oder Prinzipien bewerte, dann die Demokratie und Kunst, die besser eine revolutionäre Kraft besitzen sollte. Es sind Themen fern jeglicher Oberflächlichkeit. Immer wieder gibt es in dem Buch sehr philosophische Auseinandersetzung auch zur Liebe, den Gefühlen einer Zwischenmenschlichkeit aber genauso zu politischen Themen, wie den Taliban, Terroristen. Diese Gespräche zu lesen, bringt mich öfters dazu mich auch noch einmal mit dem ein oder anderen Thema zu beschäftigen, anders auseinanderzusetzen und neue Sichtweisen anzunehmen. Einfach auch neue Gedanken zu erfassen, die ich vorher nicht angerührt habe. Das Buch ist ein reines Gedankenlabyrinth und ich liebe es. Als ich es lese, erwähne ich es ständig. Nichts ist schöner als die Leidenschaft des Lesens und sich in ein Buch zu verlieben. Es ist so perfekt. In einer Nacht beschließe ich es auszulesen und dann alles auf mich wirken zu lassen. Am Ende schlägt mein Herz laut. Ich bin dankbar für so ein großartiges Buch. Vor mir die Spur des Buches-Ein Berg aus Gedanken.

Durch das Schreiben wird er zerfallen. 

  
Esther und Hugo Rask kommen sich näher und verbringen drei Nächte miteinander. Doch es ist klar, das Hugo die Freiheit liebt und gewiss, dass er nicht nur eine Frau hat. Hugo Rask ist mir wesentlich sympathischer als Esther. Dennoch denke ich, dass viele sie mögen, verstehen werden, ja sogar mit ihr leiden werden. Kurzzeitig tat ich das auch. Aber ihre Blindheit aus Liebe kommt an einen Punkt, wo sie immer wieder Grenzen überschreitet. Selbst ihre Freundinnen (in dem Buch immer von Esther Freundinnenchor genannt) können ihr nicht helfen. Erst waren es kleine Fehler, jene Fettnäpfchen, die wir alle aus einem Gefühl einmal übertreten, die Esther begeht. Aber es vergehen Monate fern von Hugo Rask, aber sie hofft immer noch sobald sie ihn sieht, folgt ihm auch zweimal, obwohl er klare unmissverständliche Zeichen setzt, dass er weniger will und gerade sie nicht die Auserwählte ist, liegt kommt bei ihr nicht an. Esther ist nur ein Jahr jünger als ich, aber dennoch wirkt sie mit der Liebe ganz klein, viel zu jung im Handeln. Es hat etwas Wahnsinniges, was Esther tut und denkt. Leider. Die Liebe zu Hugo Rask hat sie in Besitz genommen. Sie beeinflusst ihr Leben und beherrscht ihre Gedanken. An einigen Stellen habe ich fast schon Mitleid. Denn wie mit etwas wie der Liebe umgehen, wenn es doch kein Heilmittel und kein passendes Rezept gibt? Nahezu unmöglich.

“ Wir streben die Liebe an, um zu spüren, dass jemand uns sieht.“ S. 53


Der Großteil der Menschen lebt davon gesehen zu werden, gar geliebt zu werden und einen Partner an der Seite zu haben. Esther will unbedingt ein Leben mit Hugo Rask. Sie ahnt, dass es eine andere gibt, spürt Stiche, wenn sie abgewiesen wird. Doch immer wieder ist in ihren Worten und Gedanken mit ihm zusammensein zu wollen. Das sie ihre Liebe damit vertreibt, sieht sie nicht. Hugo Rask nimmt Besitz von ihr ohne dass er dies wollte. Sie hängt an einer Leine und schneidet sie leider nicht durch bzw. kann sie es nicht, da sie sich selbst drangehängt hat. Eine lange Zeit geht dies so. Esther muss tief fallen bis sie versteht, dass es keinen Sinn hat. Immer wie
Für mich ist das Buch eines der Besten, die ich las. Es ist so gehaltvoll, so voller Philosophie und mit dem Muss von Liebe und der Freiheit auf der anderen Seite. Ich bevorzuge die Freiheit. Menschen, die mit einem forderndem Schild vor mir stehen, bringen mich dazu weit fort zu laufen. So wie Hugo Rask. 

Liebe darf uns nicht blind und abhängig von einer Person machen. Esther Gerät in einen Strudel aus Schmerz und jedes Mal kommt ein neues Brett, das Hugo Rask ihr unbewusst vor den Kopf schlägt und mit jeden Mal, mag ich diesen Künstler. Er lebt und liebt einfach frei, ist kreativ. Die Liebe macht ihn nicht zu einer Marionette an unzähligen Schnüren. Jedes Gefühl muss atmen können. Drängen, fordern führt zu Zurückweisungen. Was sichtbar da ist, wird oft uninteressant. 
Das Schlimmste was es gibt sind Grenzüberschreitungen und gleichzeitig aber auch der Schmerz einer unerfüllten Liebe.
Ausnahmslos jeder wird sich in diesem Buch verstanden fühlen, oft anders denken, einfach die eignen Gedanken haben. Das Buch lässt Erinnerungen hochkommen. An vielen Stellen reflektierte ich, lächelte und weinte ganz kurz. Nichts bewirkt mehr als die Liebe. 
Wenn diese nicht gelingt, zu sehr nimmt, Schmerz bringt ist auch gut fortzulaufen, Türen zu schließen oder wie Esther einen Marathon zu laufen. 
Lena Andersson hat eine Auszeichnung für des Buch erhalten. Absolut zurecht. Sie schreibt mit einer goldenen Zunge und Tasten oder Stiften aus Diamanten. Ihre Zeilen sind wie eine Umarmung, die jeder haben möchte, der gern liest und in Bücher so gern verschwindet. 
„Widerrechtliche Inbesitznahme“ ist ein außergewöhnliches Buch, das so wundervoll ist, dass die tollen so unterschiedlichen Spuren davon bleiben. Meisterhaft.
Lena Andersson | Widerrechtliche Inbesitznahme | Luchterhand Literaturverlag München | 220 Seiten | 18.99 € | ISBN: 978-3-630-87469-2

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