Pierre Jarawan. Am Ende bleiben die Zedern. Die Flüchtlingsthematik in der Literatur 2.

»Alle Söhne lieben ihre Väter. Aber ich habe meinen verehrt. Weil er mich mitnahm in die Wunderwelten seiner Geschichten.«

Ich liebe den Zauber, den ein Buch haben kann ohne dass ich es schon gelesen habe. Der Titel „Am Ende bleiben die Zedern“ rief in mir unerklärbar ein Fernweh hervor, aber auch eine Nachdenklichkeit. Zu den Zedern fielen mir die großen, starken Nadelbäume ein. Ich sah auf das Buchcover und ja ein fernes Land und ein kleiner Junge der über eine Brücke läuft. Flieht er?, frage ich mich, Aktuell ist das Thema Flucht überall. Es ist wichtig darüber zu erzählen.

Mich überzeugt der Klappentext. Ich denke an Pierre Jarawan beim Poetry Slam. Unvergesslich seine Stimme und jeder Satz von ihm. Es ist schon etwas her. Aber gute Erinnerungen entflammen schnell immer wieder neu. Nun also sein Romandebüt.

Der Beginn ist tragisch und in der Stille in der meine Augen nur auf das Buch fallen, ich lese, vermischt sich etwas Schmerz und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mir einmal mehr, wieder das richtige Buch in die Hände fiel. 

Jede Zeile ist schon am Anfang, wie ein perfekt komponiertes Klavierstück. Die Zeilen bringen mir als Leserin einen besonderen Blick. Samir, der Protagonist und Ich-Erzähler in dem Buch sieht Pusteblumenschirmchen zu, die seine Schwester verstreut. Wie sehr ich das noch liebe, obwohl ich erwachsen bin, fegt es schnell durch meine Gedanken.

Die Eltern von Samir flohen vor seiner Geburt nach Deutschland.

Samir erzählt von dem Leben in einer Wohnung, seiner Familie und seinem Vater, der alles erklärt und genau zeigt. Schnell wird deutlich, was der Ich-Erzähler und Protagonist Samir für eine tiefe Verbundenheit zu seinem Vater hat. Jede Zeile trifft wunderbar, was es bedeutet geborgen zu sein, zeigt wie wertvoll ein Vater und die Familie ist. Der Vater erklärt viel, erzählt Geschichten.

Ich sitze in meiner Wohnung und spüre, wie Pierre Jarawan es schafft zu verzaubern. Er schreibt ausgeprägt bildhaft und oft es ist so, dass selbst die beschriebene Musik hörbar ist. Irgendwie als hätte ich es mir neben Samir in einem Sessel bequem gemacht und schaue zu, folge ihm.

Mir fällt auf, dass Samir über das Leben in Deutschland schreibt, aber es ist, als würde es ein anderes Land sein. Ja, als wäre es die Heimat von seiner Familie, dem Libanon. Es geht temperamentvoll zu. Die Menschen haben sich nach der Flucht ein kleines Stück Heimat miteinander bewahrt. Sie tanzen, lachen, drehen sich. Ein Teil Glück, das geblieben ist. Samir und seine Familie sind in Deutschland aber nichts deutet darauf hin. So schreibt es auch wenig später Pierre Jarawan in einer Zeile.

Dann überall gutes Essen, Weinblätter, Oliven, Fladenbrot und Gewürze. Diesmal ist es, als seien die Düfte in meinen Räumen. Jede Zeile Jarawans ist ein Genuss und die Reise in ein Land, das Märchen füllte. Er schafft es Stimmungen, ebenso wie Gefühle und Länder mit Worten zu erfassen, dass es sogar ein bisschen unfassbar ist.

Irgendwie scheint für Samir und dessen Familie eine neue Heimat gefunden zu sein. Der Vater dreht sich, wie ein Satellit beim Feiern um die Gäste. Eine tolle Momentaufnahme, die trotzdem etwas Ruheloses hat. 

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Samirs Vater ändert sich nachdem Bilder aus der Heimat gesehen wurden und was im Libanon geschieht. Der Vater geht darin auf über den Libanon/Beirut zu sprechen. Ich erfahre, dass das Land, das einzige arabische Land ohne Wüste ist. Aus den Erzählungen des Vaters ergibt sich oft Wissen, welches ich zu vor nicht so genau hatte oder an eine sehr entfernte Stelle, der Erinnerungen gelegt habe. Beim dem gemeinsamen Anschauen der Diabildern nimmt der Vater ein Bild und es wirkt, als habe er dies aus Versehen getan. Darauf ist ein Mann mit einer Zeder von einem rotem Kreis umschlossen, die auf einer Uniform ist. Der Vater ist auch in der gleichen Uniform daneben und strahlt. Beide Männer sind bewaffnet.

Für Samir ist dies unverständlich. Denn er ist zu jung. Aber Fragen, die er nicht stellt, weil sie vielleicht auch noch nicht deutlich genug sind, hat er in seinen Gedanken. Samir belauscht dann seine Eltern, die im Schlafzimmer leise, aber für ihn deutlich, sprechen. Es geht um jenes Bild und das die Mutter den Vater darum bittet, es nach vielen Jahren zu vernichten. Sie könnten tot sein, wenn es gefunden worden wäre. Samir lauscht den Worten, schleicht in das Wohnzimmer und nimmt das Dia an sich. Zu dem Zeitpunkt weiß er nicht, dass ihn dieses Bild und ein Moment danach noch sehr lange verfolgen werden.

Die Beschreibungen der Gedanken von Samir und wie er die Veränderungen des Vaters geradezu analysiert, prägen sich ein. Jedes Detail der Veränderung scheint er zu merken. Nur seinem Vater ist dies erst nicht klar. In den Augen des Vaters liegt eine Sehnsucht. Durch die Erläuterungen Samirs wird deutlich, das Heimat eben nicht eine erst ähnlich geschaffene Umgebung ist. Heimat ist für Samirs Vater keine Umgebung bei der Gäste nicht überall, wie Könige behandelt werden und bei der sich hinter dem Tanz, dem guten Essen, den Freundschaften eine ganz andere, alltägliche Welt verbirgt. 

 

Der Vater verschwindet dann ohne eine Spur. Dies geschieht als Samir 8 Jahre alt ist. Erst 20 Jahre später reist Samir in den Libanon und begibt sich auf eine Suche von Anhaltspunkten und nach seinen Wurzeln.

Das Buch hat mit der Erzählung von Samir immer wieder Rückblicke. Samir ist ein Teenager, der viel und sich ausprobiert, eigentlich normal, aber immer wieder den Verlust seines Vaters fühlt. Hinzu kommen andere Schicksalsschläge, die ihn verändern und prägen.

Jene Rückblicke ergeben ein Ganzes. Mich erinnert dies ein wenig an einen guten Krimi. Die Lösung ist eigentlich da und doch können Teile mal einen Zweifel hervorbringen. Definitiv ist das richtige-ein sehr gutes Buch in meine Hände gefallen.

Es ist spannend und mal wieder ein Buch, wie eine Reise. Eine Lesereise, die mich neben dem Fernweh mehr nachdenken lässt, als sonst. Was bedeutet Heimat? Können wir je ankommen, wenn unser Herz ganz woanders lauter und stärker schlägt? Müssen wir nicht doch irgendwann gehen, weil wir eine Überzeugung und die Sehnsucht nach unser echten Heimat stillen müssen?

Fragen, die nur jeder für sich selbst beantworten kann und vielleicht gehe ich doch eine Tages nach England, denke ich beim Lesen.

Heimat und das Gefühl von Sicherheit kann aber auch ein Mensch geben. Selbst, wenn man die Einsamkeit liebt. Es sind die Zeilen über Samirs Vater und deren Verbundenheit, die mich fesseln, mitfühlen, mal leiden, dann mal wieder lachen lassen. Automatisch denke ich an meinem Vater, der mir unendlich viel bedeutet.

Die Reise in den Libanon und die damit verbundene Suche nach seinem Vater ändert bei Samir viel.

Der Libanon ist anders als Deutschland, doch wie ich lese mit so vielen tollen Seiten, Landschaften und auch Lebensfreude. Vielleicht müssen wir genauer hinsehen, um dies zu erkennen. Denn manchmal sind wir selbst ganz woanders Zuhause. Länder haben trotz Unruhen ihre Schönheit und die guten Menschen nicht verloren.

Wir lieben nicht nur Menschen, sondern auch Länder.

Das Buch erzählt aber auch von der Politik und den Machenschaften des Libanons. Dies sind die Schattenseiten und sie sind sehr dunkel, erschreckend, tragisch. Der Bürgerkrieg tobt und ich konzentriere mich zusätzlich darauf, lese sogar ein-zweimal etwas nach. Die Menschen haben normale Wünsche nach einem guten Leben mit der Familie und doch werden sie von Konflikten bedroht, die auch sie verändern. Manchmal bin ich hin-und hergerissen zwischen verstehen und dem Gedanken, dass ich froh bin vieles nicht zu kennen, Krieg nicht erlebt zu haben und dass es so bleiben möge.

Für Samir ist die Reise in den Libanon anders als erwartet, es geschieht etwas, das er nicht ahnt. Am Ende löst sich auf, warum der Vater verschwunden ist. 

Pierre Jarawan hat mit „Am Ende bleiben die Zedern“ ein Buch mit einer unvergesslichen poetischen, einprägenden, bildhaften, ausdrucksstarken Sprache geschrieben, dass es schwer ist, am Ende der Rezension, die richtigen Worte zu finden.

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Der Autor schafft es auf eine ganz besondere Art und Weise über Flucht, Heimat, Verlust, aber auch Identität, Gesellschaft, Politik und Konflikte zu sprechen.

Beeindruckend, sprachgewaltig, überzeugend, bereichernd. Es ist besser als grandios und eine Stufe höher als meisterhaft.

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Um ab und zu solche Leseschätze zu finden, lese ich viel, immer weiter, liebe es zwischen Buchseiten zu verschwinden. Literatur ist das Beste, was es gibt und Pierre Jarawan gehört mit seinem Debüt definitiv für mich zu den schönsten , bewegendsten, nachhaltigsten Büchern zur Flüchtlingsthematik, dem Ankommen und der Wichtigkeit von Heimat.

 

Pierre Jarawan | Am Ende bleiben die Zedern | 1. März 2016 | Berlin Verlag | 22 € | ISBN: 978-3827013026

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