Kurzinterview mit Pierre Jarawan.

Irgendwie beschäftigt mich das Buch von Pierre Jarawan „Am Ende blieben die Zedern“ sehr-Im positiven Sinne natürlich. Daher war es eine Herzensfreude, dass Pierre Jarawan mir ein paar Fragen beantwortete. Zuerst noch ein paar Zeilen zum Buch…

…Jede Zeile ist schon am Anfang, wie ein perfekt komponiertes Klavierstück. Die Zeilen bringen mir als Leserin einen besonderen Blick. Samir, der Protagonist und Ich-Erzähler in dem Buch sieht Pusteblumenschirmchen zu, die seine Schwester verstreut. Wie sehr ich das noch liebe, obwohl ich erwachsen bin, fegt es schnell durch meine Gedanken.

Die Eltern von Samir flohen vor seiner Geburt nach Deutschland.

Samir erzählt von dem Leben in einer Wohnung, seiner Familie und seinem Vater, der alles erklärt und genau zeigt. Schnell wird deutlich, was der Ich-Erzähler und Protagonist Samir für eine tiefe Verbundenheit zu seinem Vater hat. Jede Zeile trifft wunderbar, was es bedeutet geborgen zu sein, zeigt wie wertvoll ein Vater und die Familie ist. Der Vater erklärt viel, erzählt Geschichten. Weiter geht es hier 
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Nun zum Interview.

Gedankenlabyrintherin: Du bist sehr erfolgreich, wie ist dies für Dich? Hast Du damit gerechnet?

Pierre Jarawan: Wie erfolgreich das Buch derzeit ist, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe noch keine Verkaufszahlen. Was mich aber sehr freut, ist, wie gut das Buch bei den LeserInnen ankommt. Das ist das Wichtigste für mich. 

Gedankenlabyrintherin: Es wurde so weit ich weiß, in einigen Buchläden sehr gut verkauft, taucht in den Medien auf, wird sehr gut besprochen und ist auf Plattformen, wie LovelyBooks sehr beliebt.

Nun zur nächsten Frage.

Wie schreibst Du ein Buch (In der Nacht, am Tag, still usw.) und war es eine große Umstellung zum Poetry-Slam?

Pierre Jarawan: Ich hatte für „Am Ende bleiben die Zedern“ sehr strukturierte Arbeitsabläufe. Ich habe über mehrere Monate hinweg 8-9 Stunden am Tag daran geschrieben. Während dieser Zeit hatte ich aber immer auch einen Stift und einen Block neben dem Bett liegen, denn es gab viele Nächte in denen ich hochgeschreckt bin, weil mir eine spontane Idee kam, die ich mir sofort notieren wollte. Dem voran gingen die Recherche und das Strukturieren der Geschichte. Mir war es einfach wichtig, das Schreiben möglichst am Stück geschehen zu lassen, weil der Text für mich eine sehr spezielle Atmosphäre und Stimmung transportiert, die sich am besten erzeugen ließ, indem ich mich selbst so weit und so intensiv es ging, in diesen Text hineinbegebe. 

Gedankenlabyrintherin: Hast Du ab und zu Lampenfieber?

Pierre Jarawan: Als ich mit dem Auf-der-Bühne-stehen angefangen habe, war ich so aufgeregt, dass ich vorher nichts essen und hinterher nicht einschlafen konnte. Das wurde aber mit jedem Auftritt besser. Inzwischen (Mehr als 500 Auftritte später) bin ich nicht mehr aufgeregt, habe kein Lampenfieber mehr. Die Angst-Aufregung ist einer Vorfreude-Aufregung gewichen: Ich freue mich auf Lesungen und Auftritte, stehe gerne vor Publikum und unterhalte mich gerne mit den Gästen. 

Gedankenlabyrintherin: Dein Buch bewegt, reißt mit und gibt einen Einblick in die so herzliche Gastfreundschaft vieler Menschen. War es auch eine Intention von Dir dies zu vermitteln, da gerade aktuell vorschnell, falsch über Menschen die fliehen müssen oder mussten geurteilt wird?

Pierre Jarawan: Nein, das wäre ja irgendwie auch Kalkül gewesen, und das entspricht nicht dem, was ich für mein Schreiben möchte. Zumal ich davon ausgehe, dass die Leute, die solche Vorurteile haben, mein Buch ohnehin nicht lesen würden. Ich wollte einfach den Libanon greifbar machen, und auch wenn das Land eine sehr düstere Seite hat, über die ich ja ebenfalls schreibe, sind Aspekte wie Lebensfreude, Gastfreundschaft, etc. ein fester Bestandteil libanesischer Mentalität. Ich schreibe also darüber, weil es notwendiger Teil der Geschichte ist. 

Gedankenlabyrintherin: Wenn du eine Prozentzahl nennen könntest- Wie viel von Dir selbst steckt in der Geschichte des Romans von Dir und warum?

Pierre Jaranwan: 100 Prozent. Anders geht es nicht. Wenn ich eine authentische Geschichte, mit authentischen Figuren und einer authentisch erzählten Welt erreichen möchte, dann muss ich 100 Prozent von mir einfließen lassen. Ich muss mich in jede Figur hineinversetzen, versuchen, diese Welt mit ihren Augen zu sehen, ich muss mich mitfreuen, ich muss mitleiden. Sonst berühre ich die Leser nicht. 

Ich gehe aber davon aus, dass du eigentlich wissen möchtest, wie viel Biografisches von mir in dem Buch steckt?

Gedankenlabyrintherin: Ja, da der Roman so authentisch ist. Daher die Prozentfrage.

Pierre Jarawan: Das kann ich unmöglich in Prozent beantworten. Ich habe mit Samir, dem Ich-Erzähler, nicht viel gemeinsam. Die Parallelen sind also eher emotionaler, als biografischer Natur. Er macht die Erfahrung, dass das Libanon-Bild, mit dem er aufwächst, nur die halbe Wahrheit ist, und dass es noch eine düstere Seite dieses Landes gibt. Dies zu entdecken ist ein schmerzhafter Prozess für ihn – das habe ich ähnlich so erfahren. Das ist also die eigentliche Parallele. 

Gedankenlabyrintherin: Glaubst Du, dass es generell gut ist seinen Spuren, seinen Wurzeln zu folgen und genau dahinter zu blicken? Wenn ja, warum?

Pierre Jarawan: Ich glaube, es ist wichtig, mit sich im Reinen zu sein. Ich persönlich hatte nie einen Identitätskonflikt. Ich habe das immer so gesehen: Wenn ich in Deutschland bin, bin ich hier zu Hause. Wenn ich im Libanon bin, dann bin ich dort daheim. Ich weiß aber auch, dass das nicht allen so geht, und dass viele Menschen, die zwischen „zwei Stühlen“ stehen, sich fragen, wo sie eigentlich hingehören. Für Samir ist die Suche nach seinen Wurzeln und dem Geheimnis seines Vaters überlebenswichtig. Sich über seine Wurzeln im Klaren zu sein oder klar zu werden, das halte ich auf jeden Fall für wichtig, ja. Vor allem, wenn man selbst das Gefühl hat, hin- und hergerissen zu sein.

Gedankenlabyrintherin: Die Verbundenheit zwischen Samir und seinem Vater ist wundervoll. Wunderschön mit Erinnerungen geschildert. Werden Väter vielleicht manchmal auf öffentlichen Plattformen oder in den Medien verkannt, da es oft heißt „Nur eine Mutter kann einem Kind wahre Liebe geben“?

Pierre Jarawan: Was ist denn „wahre Liebe“? Gibt es dann auch eine „unwahre“?

Gedankenlabyrintherin: Nein. In Beschreibungen in der Öffentlichkeit kommt es nur schon vor. Aber es stimmt Liebe ist wahr. Doch eine kleine Ausnahme-es sei denn sie ist gespielt.

Pierre Jarawan: Öffentliche Diskussionen sind ja meistens zugespitzt und überzeichnet. Und natürlich ist die Rolle der Mutter eine sehr bedeutende, auch wenn wir ihre Funktion und Position in der Gesellschaft betrachten, die Schwierigkeiten, die mit dem Muttersein verbunden sind, und so weiter. Mütter stehen einfach mehr im Fokus, als Väter, darum wird über sie naturgemäß mehr gesprochen. Wenn wir über Samirs Verhältnis zu seinem Vater sprechen, müssen wir immer im Hinterkopf behalten, dass arabische Gesellschaften tendenziell patriarchalischer sind, eine Fokussierung auf den Vater, speziell vonseiten des Sohnes, also gar nicht so sehr verwundert. 

Gedankenlabyrintherin: Du bist gerade auf Lesetour und viel unterwegs. Hast Du auch auf Lesungen schlechte Erfahrungen von Rassismus gemacht oder ist es durchweg friedlich und eine sehr stimmige Atmosphäre, wie in Berlin?

Pierre Jarawan: Bisher bin ich ausnahmslos offenen und interessierten Menschen bei den Lesungen begegnet. Für viele ist der Libanon ja eine große Unbekannte, über die sie kaum etwas wissen, und ich habe den Eindruck, die Besucher freuen sich darüber, während der Lesung mehr über das Land zu erfahren. Es werden viele Fragen gestellt, was zeigt, dass es offenbar ein großes Bedürfnis gibt, Zusammenhänge, die in den Medien oft undurchschaubar erscheinen, auf einer persönlichen Ebene erklärt zu bekommen. 

Gedankenlabyrintherin: In wenigen Sätzen, welche Spuren sollte „Am Ende bleiben die Zedern“hinterlassen?

Pierre Jarawan: Als Autor ist es mein Anspruch zu unterhalten. Die LeserInnen sollen sich mit dem Roman gut unterhalten fühlen. Wenn sie hinterher aber sagen: Ich habe ein tolles Buch gelesen, bei dem ich sogar das Gefühl habe, etwas Neues gelernt zu haben, dann wäre ich ziemlich begeistert. 

Gedankenlabyrintherin: Hast Du weitere Romanideen und können wir nun nach dem großartigen Einstieg auf einen neuen Roman hoffen oder uns freuen?

Pierre Jarawan: Ja, das Romanschreiben hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich auf jeden Fall sagen kann: Da wird noch mehr kommen. Es gibt auch schon eine Idee, aber es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen.

Gedankenlabyrintherin: Wir sind schon am Ende. Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg und Schreibkraft.

Pierre Jarawan: Danke! Dir ebenfalls viel Erfolg und alles Gute!

 

Weitere Rezensionen zu dem Buch gibt es auch bei Leserleben, Kleinbrinas Bücherblog und Masuko13

Pierre Jarawan | Am Ende bleiben die Zedern | 1. März 2016 | Berlin Verlag | 22 € | ISBN: 978-3827013026

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Jan Böttcher. Y.

Gerade fehlt mir wieder etwas die Zeit für ausführliche Rezensionen. Aber nie würde ich so ein wichtiges Buch vergessen oder gar nicht erwähnen. So viel Zeit muss einfach sein.

Jan Böttchers Buch „Y“ ist wieder einmal gelungen und bedingt ein gute Auseinandersetzung einer vorhanden ungleichen Liebe und Folgen von politischen, aber auch menschlichen Konflikten, aber auch dem Kosovokrieg.

Erzähler in dem Roman ist ein Autor aus Berlin, dessen Sohn Benji, Leka einen neuen Freund kennenlernt. Doch Leka verschwindet und es beginnt eine Suche. Der Erzähler trifft dann Lekas Vater Jacob, einen Gamedesigner. Jacob blickt schließlich zurück auf eine unglückliche Liebe.

Arjeta und Jacob sind die Protagonisten neben dem Erzähler und den Kindern Benji und Leka. Sie hatten sich aus den Augen verloren, sehen sich wieder und beginnen eine Beziehung miteinander. Arjeta bekommt ein Kind von Jacob. Doch alles wird von den Konflikten im Kosovo überschattet. Auch als der Krieg ein Ende findet, bedeutet dies für beide einen Schatten. Denn Arjetas Vater möchte zurück in den Kosovo und die Familie schließt sich an. Jacob folgt Arjeta nach Pristhina. Doch es ist anders als erwartet. Er fühlt die Fremde nahezu auch körperlich. Jan Böttcher beschreibt genau und damit nachvollziehbar, ja nachfühlbar- die Zerrissenheit, aber auch die Sehnsucht wieder zurückzukehren. Die Ehrlichkeit wandert auch nicht überall und so geraten Arjeta und Jacob in Zerrissenheit. Die Familie von Arjeta versucht ein Hotel zu führen, ist Jacob nicht zu getan und er entscheidet sich für das Gehen, hinterlässt seinen Sohn Leka, bemüht sich aber.

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Sehnsucht treibt an. Sie treibt an, wenn ihr nachgehen, um die Lücken wieder zu schließen. Wir gehen ihr nach, auch wenn es bedeutet Menschen hinter sich zu lassen.

Erst später reist Leka als Teenager illegal nach Berlin und begegnet, wie schon erwähnt Benji. Beide freunden sich an und dies führt dazu, Spuren zu suchen. Aber auch wieder dazu in den Kosovo zu reisen.

Das Buch von Jan Böttcher ist keine leichte Kost. Ich musste mich mit viel Ruhe darauf einlassen und die jeweiligen Erzählweisen, die wechseln, auf mich wirken lassen. Gelegentlich fehlt vielleicht auch ein zusätzliche Detail zu dem Kriegsgeschehen oder dem Erzähler. Ich habe auch ein wenig die poetische, so markante Sprache von Jan Böttcher vermisst. Aber es lohnt sich dennoch.

Traurig, mitreißend wird wieder einmal deutlich, welche Wunden Konflikte, Kriege, Korruptionen haben. Es entfernt Menschen, die doch so sehr lieben voneinander und bringt das Innere aus dem Gleichgewicht.

Vielleicht vermag die Geschichte etwas undurchsichtig für einige Leser und Leserinnen sein. Vielleicht ist mir auch einiges entgangen. Aber auch hier, wie gesagt, braucht es Zeit sich einzulassen und die wahre Tiefe steckt oft in der Interpretation, unseren nachfolgenden Gedanken und natürlich zwischen den Zeilen.  

Viel ist in Vergessenheit geraten. Der Kosovokrieg scheint der Vergangenheit anzugehören. Vergessen, wie Slobodan Milosevic handelte. Es wirkt als wäre vergessen, das er anfing KZ´s zu bauen und den Vertrag von Rambouillet (Friedensvertrag zwischen der Bundesrepublik Jugoslawien und den Führenden der Kosovo-Albaner) nicht unterzeichnete. Die NATO wollte die serbische Armee, die unter Milosevic stand zum Rückzug aus dem Kosovo bringen und weitere Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhindern. Viele Menschen flohen zu Zeiten des Krieges, aber fast eine Million kehrte wieder zurück. Auch mit diesem Hintergrund ist das Buch zu lesen und fügt sich damit passend in das Thema. 

Jan Böttcher hat damit weitere Literatur geschaffen, die stets notwendig ist. Wir dürfen nicht vergessen-Auch den Kosovokrieg nicht. 

Das Buch ist nun geschlossen.

Y-Ein Buchstabe mehr nicht. You, dachte ich zuerst. Nun schaue ich noch einmal auf das Cover, weiß mehr. Y steht eher für ein Computerspiel und ein Level, welches einen recht großen Raum in dem Roman hat und Geld einbringt, wenn auch nicht immer fair.

Liebe hinterlässt Spuren, wie jeder Konflikt auch. Nur alles muss gegenseitig sein und auch in einem anderem Land bestehen. Liebe kann niemand für Geld eintauschen.

 

Ein sehr guter, empfehlenswerter Roman, der erst nach genauen Blicken, nach fliegenden Gedanken seine völlige Tiefe und Bedeutung entfaltet. Kein Krieg sollte vergessen werden. Jeder Krieg hinterlässt Spuren. Gut, dass Bücher diese einfangen, gar festhalten können.

Danke Jan Böttcher.

Jan Böttcher | Y | Aufbau Verlag | 12. Februar 2016 | 255 S. |  19,95 € | ISBN: 978-3351036409