Kurzinterview mit Pierre Jarawan.

Irgendwie beschäftigt mich das Buch von Pierre Jarawan „Am Ende blieben die Zedern“ sehr-Im positiven Sinne natürlich. Daher war es eine Herzensfreude, dass Pierre Jarawan mir ein paar Fragen beantwortete. Zuerst noch ein paar Zeilen zum Buch…

…Jede Zeile ist schon am Anfang, wie ein perfekt komponiertes Klavierstück. Die Zeilen bringen mir als Leserin einen besonderen Blick. Samir, der Protagonist und Ich-Erzähler in dem Buch sieht Pusteblumenschirmchen zu, die seine Schwester verstreut. Wie sehr ich das noch liebe, obwohl ich erwachsen bin, fegt es schnell durch meine Gedanken.

Die Eltern von Samir flohen vor seiner Geburt nach Deutschland.

Samir erzählt von dem Leben in einer Wohnung, seiner Familie und seinem Vater, der alles erklärt und genau zeigt. Schnell wird deutlich, was der Ich-Erzähler und Protagonist Samir für eine tiefe Verbundenheit zu seinem Vater hat. Jede Zeile trifft wunderbar, was es bedeutet geborgen zu sein, zeigt wie wertvoll ein Vater und die Familie ist. Der Vater erklärt viel, erzählt Geschichten. Weiter geht es hier 
13014983_226065441092889_1506148634_n

Nun zum Interview.

Gedankenlabyrintherin: Du bist sehr erfolgreich, wie ist dies für Dich? Hast Du damit gerechnet?

Pierre Jarawan: Wie erfolgreich das Buch derzeit ist, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe noch keine Verkaufszahlen. Was mich aber sehr freut, ist, wie gut das Buch bei den LeserInnen ankommt. Das ist das Wichtigste für mich. 

Gedankenlabyrintherin: Es wurde so weit ich weiß, in einigen Buchläden sehr gut verkauft, taucht in den Medien auf, wird sehr gut besprochen und ist auf Plattformen, wie LovelyBooks sehr beliebt.

Nun zur nächsten Frage.

Wie schreibst Du ein Buch (In der Nacht, am Tag, still usw.) und war es eine große Umstellung zum Poetry-Slam?

Pierre Jarawan: Ich hatte für „Am Ende bleiben die Zedern“ sehr strukturierte Arbeitsabläufe. Ich habe über mehrere Monate hinweg 8-9 Stunden am Tag daran geschrieben. Während dieser Zeit hatte ich aber immer auch einen Stift und einen Block neben dem Bett liegen, denn es gab viele Nächte in denen ich hochgeschreckt bin, weil mir eine spontane Idee kam, die ich mir sofort notieren wollte. Dem voran gingen die Recherche und das Strukturieren der Geschichte. Mir war es einfach wichtig, das Schreiben möglichst am Stück geschehen zu lassen, weil der Text für mich eine sehr spezielle Atmosphäre und Stimmung transportiert, die sich am besten erzeugen ließ, indem ich mich selbst so weit und so intensiv es ging, in diesen Text hineinbegebe. 

Gedankenlabyrintherin: Hast Du ab und zu Lampenfieber?

Pierre Jarawan: Als ich mit dem Auf-der-Bühne-stehen angefangen habe, war ich so aufgeregt, dass ich vorher nichts essen und hinterher nicht einschlafen konnte. Das wurde aber mit jedem Auftritt besser. Inzwischen (Mehr als 500 Auftritte später) bin ich nicht mehr aufgeregt, habe kein Lampenfieber mehr. Die Angst-Aufregung ist einer Vorfreude-Aufregung gewichen: Ich freue mich auf Lesungen und Auftritte, stehe gerne vor Publikum und unterhalte mich gerne mit den Gästen. 

Gedankenlabyrintherin: Dein Buch bewegt, reißt mit und gibt einen Einblick in die so herzliche Gastfreundschaft vieler Menschen. War es auch eine Intention von Dir dies zu vermitteln, da gerade aktuell vorschnell, falsch über Menschen die fliehen müssen oder mussten geurteilt wird?

Pierre Jarawan: Nein, das wäre ja irgendwie auch Kalkül gewesen, und das entspricht nicht dem, was ich für mein Schreiben möchte. Zumal ich davon ausgehe, dass die Leute, die solche Vorurteile haben, mein Buch ohnehin nicht lesen würden. Ich wollte einfach den Libanon greifbar machen, und auch wenn das Land eine sehr düstere Seite hat, über die ich ja ebenfalls schreibe, sind Aspekte wie Lebensfreude, Gastfreundschaft, etc. ein fester Bestandteil libanesischer Mentalität. Ich schreibe also darüber, weil es notwendiger Teil der Geschichte ist. 

Gedankenlabyrintherin: Wenn du eine Prozentzahl nennen könntest- Wie viel von Dir selbst steckt in der Geschichte des Romans von Dir und warum?

Pierre Jaranwan: 100 Prozent. Anders geht es nicht. Wenn ich eine authentische Geschichte, mit authentischen Figuren und einer authentisch erzählten Welt erreichen möchte, dann muss ich 100 Prozent von mir einfließen lassen. Ich muss mich in jede Figur hineinversetzen, versuchen, diese Welt mit ihren Augen zu sehen, ich muss mich mitfreuen, ich muss mitleiden. Sonst berühre ich die Leser nicht. 

Ich gehe aber davon aus, dass du eigentlich wissen möchtest, wie viel Biografisches von mir in dem Buch steckt?

Gedankenlabyrintherin: Ja, da der Roman so authentisch ist. Daher die Prozentfrage.

Pierre Jarawan: Das kann ich unmöglich in Prozent beantworten. Ich habe mit Samir, dem Ich-Erzähler, nicht viel gemeinsam. Die Parallelen sind also eher emotionaler, als biografischer Natur. Er macht die Erfahrung, dass das Libanon-Bild, mit dem er aufwächst, nur die halbe Wahrheit ist, und dass es noch eine düstere Seite dieses Landes gibt. Dies zu entdecken ist ein schmerzhafter Prozess für ihn – das habe ich ähnlich so erfahren. Das ist also die eigentliche Parallele. 

Gedankenlabyrintherin: Glaubst Du, dass es generell gut ist seinen Spuren, seinen Wurzeln zu folgen und genau dahinter zu blicken? Wenn ja, warum?

Pierre Jarawan: Ich glaube, es ist wichtig, mit sich im Reinen zu sein. Ich persönlich hatte nie einen Identitätskonflikt. Ich habe das immer so gesehen: Wenn ich in Deutschland bin, bin ich hier zu Hause. Wenn ich im Libanon bin, dann bin ich dort daheim. Ich weiß aber auch, dass das nicht allen so geht, und dass viele Menschen, die zwischen „zwei Stühlen“ stehen, sich fragen, wo sie eigentlich hingehören. Für Samir ist die Suche nach seinen Wurzeln und dem Geheimnis seines Vaters überlebenswichtig. Sich über seine Wurzeln im Klaren zu sein oder klar zu werden, das halte ich auf jeden Fall für wichtig, ja. Vor allem, wenn man selbst das Gefühl hat, hin- und hergerissen zu sein.

Gedankenlabyrintherin: Die Verbundenheit zwischen Samir und seinem Vater ist wundervoll. Wunderschön mit Erinnerungen geschildert. Werden Väter vielleicht manchmal auf öffentlichen Plattformen oder in den Medien verkannt, da es oft heißt „Nur eine Mutter kann einem Kind wahre Liebe geben“?

Pierre Jarawan: Was ist denn „wahre Liebe“? Gibt es dann auch eine „unwahre“?

Gedankenlabyrintherin: Nein. In Beschreibungen in der Öffentlichkeit kommt es nur schon vor. Aber es stimmt Liebe ist wahr. Doch eine kleine Ausnahme-es sei denn sie ist gespielt.

Pierre Jarawan: Öffentliche Diskussionen sind ja meistens zugespitzt und überzeichnet. Und natürlich ist die Rolle der Mutter eine sehr bedeutende, auch wenn wir ihre Funktion und Position in der Gesellschaft betrachten, die Schwierigkeiten, die mit dem Muttersein verbunden sind, und so weiter. Mütter stehen einfach mehr im Fokus, als Väter, darum wird über sie naturgemäß mehr gesprochen. Wenn wir über Samirs Verhältnis zu seinem Vater sprechen, müssen wir immer im Hinterkopf behalten, dass arabische Gesellschaften tendenziell patriarchalischer sind, eine Fokussierung auf den Vater, speziell vonseiten des Sohnes, also gar nicht so sehr verwundert. 

Gedankenlabyrintherin: Du bist gerade auf Lesetour und viel unterwegs. Hast Du auch auf Lesungen schlechte Erfahrungen von Rassismus gemacht oder ist es durchweg friedlich und eine sehr stimmige Atmosphäre, wie in Berlin?

Pierre Jarawan: Bisher bin ich ausnahmslos offenen und interessierten Menschen bei den Lesungen begegnet. Für viele ist der Libanon ja eine große Unbekannte, über die sie kaum etwas wissen, und ich habe den Eindruck, die Besucher freuen sich darüber, während der Lesung mehr über das Land zu erfahren. Es werden viele Fragen gestellt, was zeigt, dass es offenbar ein großes Bedürfnis gibt, Zusammenhänge, die in den Medien oft undurchschaubar erscheinen, auf einer persönlichen Ebene erklärt zu bekommen. 

Gedankenlabyrintherin: In wenigen Sätzen, welche Spuren sollte „Am Ende bleiben die Zedern“hinterlassen?

Pierre Jarawan: Als Autor ist es mein Anspruch zu unterhalten. Die LeserInnen sollen sich mit dem Roman gut unterhalten fühlen. Wenn sie hinterher aber sagen: Ich habe ein tolles Buch gelesen, bei dem ich sogar das Gefühl habe, etwas Neues gelernt zu haben, dann wäre ich ziemlich begeistert. 

Gedankenlabyrintherin: Hast Du weitere Romanideen und können wir nun nach dem großartigen Einstieg auf einen neuen Roman hoffen oder uns freuen?

Pierre Jarawan: Ja, das Romanschreiben hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich auf jeden Fall sagen kann: Da wird noch mehr kommen. Es gibt auch schon eine Idee, aber es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen.

Gedankenlabyrintherin: Wir sind schon am Ende. Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg und Schreibkraft.

Pierre Jarawan: Danke! Dir ebenfalls viel Erfolg und alles Gute!

 

Weitere Rezensionen zu dem Buch gibt es auch bei Leserleben, Kleinbrinas Bücherblog und Masuko13

Pierre Jarawan | Am Ende bleiben die Zedern | 1. März 2016 | Berlin Verlag | 22 € | ISBN: 978-3827013026

Advertisements

Pierre Jarawan. Am Ende bleiben die Zedern. Die Flüchtlingsthematik in der Literatur 2.

»Alle Söhne lieben ihre Väter. Aber ich habe meinen verehrt. Weil er mich mitnahm in die Wunderwelten seiner Geschichten.«

Ich liebe den Zauber, den ein Buch haben kann ohne dass ich es schon gelesen habe. Der Titel „Am Ende bleiben die Zedern“ rief in mir unerklärbar ein Fernweh hervor, aber auch eine Nachdenklichkeit. Zu den Zedern fielen mir die großen, starken Nadelbäume ein. Ich sah auf das Buchcover und ja ein fernes Land und ein kleiner Junge der über eine Brücke läuft. Flieht er?, frage ich mich, Aktuell ist das Thema Flucht überall. Es ist wichtig darüber zu erzählen.

Mich überzeugt der Klappentext. Ich denke an Pierre Jarawan beim Poetry Slam. Unvergesslich seine Stimme und jeder Satz von ihm. Es ist schon etwas her. Aber gute Erinnerungen entflammen schnell immer wieder neu. Nun also sein Romandebüt.

Der Beginn ist tragisch und in der Stille in der meine Augen nur auf das Buch fallen, ich lese, vermischt sich etwas Schmerz und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mir einmal mehr, wieder das richtige Buch in die Hände fiel. 

Jede Zeile ist schon am Anfang, wie ein perfekt komponiertes Klavierstück. Die Zeilen bringen mir als Leserin einen besonderen Blick. Samir, der Protagonist und Ich-Erzähler in dem Buch sieht Pusteblumenschirmchen zu, die seine Schwester verstreut. Wie sehr ich das noch liebe, obwohl ich erwachsen bin, fegt es schnell durch meine Gedanken.

Die Eltern von Samir flohen vor seiner Geburt nach Deutschland.

Samir erzählt von dem Leben in einer Wohnung, seiner Familie und seinem Vater, der alles erklärt und genau zeigt. Schnell wird deutlich, was der Ich-Erzähler und Protagonist Samir für eine tiefe Verbundenheit zu seinem Vater hat. Jede Zeile trifft wunderbar, was es bedeutet geborgen zu sein, zeigt wie wertvoll ein Vater und die Familie ist. Der Vater erklärt viel, erzählt Geschichten.

Ich sitze in meiner Wohnung und spüre, wie Pierre Jarawan es schafft zu verzaubern. Er schreibt ausgeprägt bildhaft und oft es ist so, dass selbst die beschriebene Musik hörbar ist. Irgendwie als hätte ich es mir neben Samir in einem Sessel bequem gemacht und schaue zu, folge ihm.

Mir fällt auf, dass Samir über das Leben in Deutschland schreibt, aber es ist, als würde es ein anderes Land sein. Ja, als wäre es die Heimat von seiner Familie, dem Libanon. Es geht temperamentvoll zu. Die Menschen haben sich nach der Flucht ein kleines Stück Heimat miteinander bewahrt. Sie tanzen, lachen, drehen sich. Ein Teil Glück, das geblieben ist. Samir und seine Familie sind in Deutschland aber nichts deutet darauf hin. So schreibt es auch wenig später Pierre Jarawan in einer Zeile.

Dann überall gutes Essen, Weinblätter, Oliven, Fladenbrot und Gewürze. Diesmal ist es, als seien die Düfte in meinen Räumen. Jede Zeile Jarawans ist ein Genuss und die Reise in ein Land, das Märchen füllte. Er schafft es Stimmungen, ebenso wie Gefühle und Länder mit Worten zu erfassen, dass es sogar ein bisschen unfassbar ist.

Irgendwie scheint für Samir und dessen Familie eine neue Heimat gefunden zu sein. Der Vater dreht sich, wie ein Satellit beim Feiern um die Gäste. Eine tolle Momentaufnahme, die trotzdem etwas Ruheloses hat. 

5107sJ+w1sL._SX313_BO1,204,203,200_

Samirs Vater ändert sich nachdem Bilder aus der Heimat gesehen wurden und was im Libanon geschieht. Der Vater geht darin auf über den Libanon/Beirut zu sprechen. Ich erfahre, dass das Land, das einzige arabische Land ohne Wüste ist. Aus den Erzählungen des Vaters ergibt sich oft Wissen, welches ich zu vor nicht so genau hatte oder an eine sehr entfernte Stelle, der Erinnerungen gelegt habe. Beim dem gemeinsamen Anschauen der Diabildern nimmt der Vater ein Bild und es wirkt, als habe er dies aus Versehen getan. Darauf ist ein Mann mit einer Zeder von einem rotem Kreis umschlossen, die auf einer Uniform ist. Der Vater ist auch in der gleichen Uniform daneben und strahlt. Beide Männer sind bewaffnet.

Für Samir ist dies unverständlich. Denn er ist zu jung. Aber Fragen, die er nicht stellt, weil sie vielleicht auch noch nicht deutlich genug sind, hat er in seinen Gedanken. Samir belauscht dann seine Eltern, die im Schlafzimmer leise, aber für ihn deutlich, sprechen. Es geht um jenes Bild und das die Mutter den Vater darum bittet, es nach vielen Jahren zu vernichten. Sie könnten tot sein, wenn es gefunden worden wäre. Samir lauscht den Worten, schleicht in das Wohnzimmer und nimmt das Dia an sich. Zu dem Zeitpunkt weiß er nicht, dass ihn dieses Bild und ein Moment danach noch sehr lange verfolgen werden.

Die Beschreibungen der Gedanken von Samir und wie er die Veränderungen des Vaters geradezu analysiert, prägen sich ein. Jedes Detail der Veränderung scheint er zu merken. Nur seinem Vater ist dies erst nicht klar. In den Augen des Vaters liegt eine Sehnsucht. Durch die Erläuterungen Samirs wird deutlich, das Heimat eben nicht eine erst ähnlich geschaffene Umgebung ist. Heimat ist für Samirs Vater keine Umgebung bei der Gäste nicht überall, wie Könige behandelt werden und bei der sich hinter dem Tanz, dem guten Essen, den Freundschaften eine ganz andere, alltägliche Welt verbirgt. 

 

Der Vater verschwindet dann ohne eine Spur. Dies geschieht als Samir 8 Jahre alt ist. Erst 20 Jahre später reist Samir in den Libanon und begibt sich auf eine Suche von Anhaltspunkten und nach seinen Wurzeln.

Das Buch hat mit der Erzählung von Samir immer wieder Rückblicke. Samir ist ein Teenager, der viel und sich ausprobiert, eigentlich normal, aber immer wieder den Verlust seines Vaters fühlt. Hinzu kommen andere Schicksalsschläge, die ihn verändern und prägen.

Jene Rückblicke ergeben ein Ganzes. Mich erinnert dies ein wenig an einen guten Krimi. Die Lösung ist eigentlich da und doch können Teile mal einen Zweifel hervorbringen. Definitiv ist das richtige-ein sehr gutes Buch in meine Hände gefallen.

Es ist spannend und mal wieder ein Buch, wie eine Reise. Eine Lesereise, die mich neben dem Fernweh mehr nachdenken lässt, als sonst. Was bedeutet Heimat? Können wir je ankommen, wenn unser Herz ganz woanders lauter und stärker schlägt? Müssen wir nicht doch irgendwann gehen, weil wir eine Überzeugung und die Sehnsucht nach unser echten Heimat stillen müssen?

Fragen, die nur jeder für sich selbst beantworten kann und vielleicht gehe ich doch eine Tages nach England, denke ich beim Lesen.

Heimat und das Gefühl von Sicherheit kann aber auch ein Mensch geben. Selbst, wenn man die Einsamkeit liebt. Es sind die Zeilen über Samirs Vater und deren Verbundenheit, die mich fesseln, mitfühlen, mal leiden, dann mal wieder lachen lassen. Automatisch denke ich an meinem Vater, der mir unendlich viel bedeutet.

Die Reise in den Libanon und die damit verbundene Suche nach seinem Vater ändert bei Samir viel.

Der Libanon ist anders als Deutschland, doch wie ich lese mit so vielen tollen Seiten, Landschaften und auch Lebensfreude. Vielleicht müssen wir genauer hinsehen, um dies zu erkennen. Denn manchmal sind wir selbst ganz woanders Zuhause. Länder haben trotz Unruhen ihre Schönheit und die guten Menschen nicht verloren.

Wir lieben nicht nur Menschen, sondern auch Länder.

Das Buch erzählt aber auch von der Politik und den Machenschaften des Libanons. Dies sind die Schattenseiten und sie sind sehr dunkel, erschreckend, tragisch. Der Bürgerkrieg tobt und ich konzentriere mich zusätzlich darauf, lese sogar ein-zweimal etwas nach. Die Menschen haben normale Wünsche nach einem guten Leben mit der Familie und doch werden sie von Konflikten bedroht, die auch sie verändern. Manchmal bin ich hin-und hergerissen zwischen verstehen und dem Gedanken, dass ich froh bin vieles nicht zu kennen, Krieg nicht erlebt zu haben und dass es so bleiben möge.

Für Samir ist die Reise in den Libanon anders als erwartet, es geschieht etwas, das er nicht ahnt. Am Ende löst sich auf, warum der Vater verschwunden ist. 

Pierre Jarawan hat mit „Am Ende bleiben die Zedern“ ein Buch mit einer unvergesslichen poetischen, einprägenden, bildhaften, ausdrucksstarken Sprache geschrieben, dass es schwer ist, am Ende der Rezension, die richtigen Worte zu finden.

___________________________________________________________

Der Autor schafft es auf eine ganz besondere Art und Weise über Flucht, Heimat, Verlust, aber auch Identität, Gesellschaft, Politik und Konflikte zu sprechen.

Beeindruckend, sprachgewaltig, überzeugend, bereichernd. Es ist besser als grandios und eine Stufe höher als meisterhaft.

______________________________________________________________

Um ab und zu solche Leseschätze zu finden, lese ich viel, immer weiter, liebe es zwischen Buchseiten zu verschwinden. Literatur ist das Beste, was es gibt und Pierre Jarawan gehört mit seinem Debüt definitiv für mich zu den schönsten , bewegendsten, nachhaltigsten Büchern zur Flüchtlingsthematik, dem Ankommen und der Wichtigkeit von Heimat.

 

Pierre Jarawan | Am Ende bleiben die Zedern | 1. März 2016 | Berlin Verlag | 22 € | ISBN: 978-3827013026

Zeruya Shalev. Schmerz.

Zeruya Shalev ist bekannt für ihre Art schreibend alles nachfühlbar zu machen.

Ihr neues Buch heißt „Schmerz“. Schonungslos wie ein Brandmal wirkt der Titel. Schmerz hat tausend Sprachen und Orte zu bleiben.

42760159zZeruya Shalev. Schmerz. Berlin Verlag. 368 S. 24 €. ISBN: 978-3827011855

Übersetzung Mirijam Pressler

Schon auf der ersten Seite ist „er“, der Schmerz spürbar und prägt sich ein, wie ein schmerzvolles Bild, das wir einfach nicht vergessen können.

Iris die Protagonistin wird überraschend von ihrem Mann Mickey mit dem sie seit langem das Bett nicht mehr teilt, erinnert, dass der Schmerz an einem bestimmten Tag geboren wurde. Dem Tag als sie mit anderen Menschen einem Terroranschlag in Israel zum Opfer fiel. Sie überlebte, aber all die Wunden, anschließenden Narben, der Schmerz, blieben. Über Mickeys Unvorsicht der Frage, welcher Tag sei, bin ich erschüttert, auch wenn unpassende Dinge leider passieren. Aber es gibt Momente, da wäre Schweigen, mitten im Satz anhalten, gut. Mickey spürt das Stoppschild zu spät, und wie eine haltlose Fahrt kehrt der Schmerz bei Iris zurück und wird deutlich wie ein frische Wunde, die vor Sekunden gerissen wurde.

Knappe zwei Seiten, und ich bin gefangen, bewegt. Wie viel Schmerz trägt das Buch in sich? Ich bin unsicher, ob ich es fast in einem Zug lesen kann, obwohl ein freier Tag die Zeit dafür hergeben würde.

Iris und Mickey gehen in eine Klinik. Der erste Arzt trifft die Stelle des Schmerzes, weiß aber nur einen anderen Arzt und Spezialisten für Schmerzen zu rufen. Und es kommt ein Moment, der mich etwas zweifeln lässt, ob das Buch in Kitsch verfällt, was es dann aber generell nicht tut. Denn der Arzt ist Iris‘ Jugendliebe Eitan, der Mann, den sie vor dem Anschlag liebte, der seine Mutter zu Grabe trug und sie dann verließ, weil er es nicht mehr konnte, leben, der alles hinter sich lassen wollte.
Viele werden an dieser Stelle den Kopf schütteln, und so war es auch bei der Lesung im Rahmen des internationalen Literaturfestivals Berlins. Die Zeilen wurden gelesen und ein Raunen ging durch den Saal. Gedankentiefe, der Blick dahinter fehlt… mal wieder. Eitan war 18 Jahre. Nichts hält in diesem Alter, alles, was fest ist, ist meist der Gedanke von Freiheit, möglichst keine Schwere zu haben. Leben, denn das Erwachsensein naht, wie ein rasender Zug.
Den Rücken stärken ist gut, so wichtig, aber nicht um jeden Preis. Eitan flieht und rettet sich selbst. Meinen Respekt über diese Romanfigur in jungen Jahren.

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Iris, nun verheiratet, zwei Kinder hat ihn nie vergessen und folgt ihm, stellt ihre Ehe, ja sogar ihr Leben in Frage und zusätzlich bereiten ihre beiden Kinder, welche schon aus dem Grünsten raus sind, Schwierigkeiten. Gerade Alma geht mit den Folgen des Anschlages eigenwillig um. Es ist also neben dem unfassbaren Schmerz, den Iris erleiden muss, auch ein Roman, der tief in eine Familie blickt.
Immer wieder gibt es den Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wieder und wieder wird der Schmerz deutlich und hinterlässt eine schwarzbittere Spur. Der Schmerz ist wie ein Schatten, der sich auch ohne Sonne und Licht an Iris heftet, sich durch das Buch zieht, wie ein schwarzer Faden mit Dornen.

Zeruya Shalev beschreibt poetisch dieses störende Gefühl und trifft genau den Ton, der nah am nicht mehr Aushalten ist, aber durch diese Offenheit der Beschreibung dessen doch wieder bereichernd ist. Sprachlich war Zeruya Shalev schon immer eine Meisterin darin, Gefühl ganz nahkommend zu beschreiben.

Beim Lesen wird deutlich, dass Iris trotz all der vielen Jahre nicht loslassen kann. Kreise drehen sich, und für mich wirkt dies neben der symbiotischen Beziehung zwischen ihr und Eithan etwas überzogen.  Es ist Symbiose, ein Wort, welche die Verbindung der beiden sehr gut beschreibt. Ich lese es, und es ist eher abschreckend. Liebe, Verbundenheit braucht Luft, Freiheit, einfach dieses Zwischenfeld, dass überhaupt Gefühl, Begehren zulässt und das eigne Selbst erhält. Vieles wirkt abhängig, die Beziehungen und auch ein Teil des Schmerzes.

Niemand schafft es aber wie Zeruya Shalev über körperlichen und seelischen Schmerz so zu schreiben, dass er nachfühlbar ist. Wer beide Schmerzformen kennt, wird sich verstanden fühlen, auch, wenn die Ursachen meist andere waren.

Als ich das Buch ausgelesen habe, bleibt etwas zurück. Durch meinen Körper fuhr oft ein Schmerz.
Dieser Roman tut weh. So richtig. Hier werden Punkte angesprochen von denen viele LeserInnen vielleicht noch gar nichts wussten.

Der Titel leuchtet mich noch einmal an. Ein Buch, dass mich lange über diese Rezension nachdenken ließ. Denn es hat unterschiedliche Seiten, viele emphatische, gefühlvolle, schmerzhafte und andere erschreckende, abgründige, abhängige, nicht loslassende Seiten.
Am Ende fehlt mir auch mehr der Blick auf Israel, die Konflikte und Zerrissenheit des Landes. All das wird nur nebenbei, aber immer wie unter einem grauen Schleier verborgen, beschrieben.
Zeruya Shalev hat selbst einen Terroranschlag erleben müssen. Mutig, diesen Roman zu schreiben, der mich etwas unklar, gegensätzlich in der Meinung zurück ließ, aber deshalb nicht weniger lesenswert ist. Sicher reicht der Roman nicht an „Liebesleben“ heran, aber er ist notwendig.
Denn jede Zeile, die tief geht und zeigt was Schmerz, egal ob seelisch oder körperlich auslöst, könnte mehr Verständnis für Folgen und gegen den furchtbar wütenden Terror, bösen Taten bringen.

Ein aufwühlender, auffallend guter Roman, der hoffentlich noch viele Wellen, Diskussionen auslösen wird.