Thomas Melle. Die Welt im Rücken.

Das ist kein Roman“, lese ich oft, wenn es um Thomas Melles Buch geht. Unnötige Aussagen. Es ist ein Buch, deren Inhalt zählt. „Über Melle wurde schon so viel geschrieben, gerade über das Buch“, sind ebenfalls Sätze, die ich oft höre. Aber es ist wichtig darüber zu schreiben. Denn psychische Erkrankungen sind immer noch gesellschaftlich schwierige Themen. Oft abgetan und unverstanden. Wer keine Krise hatte und den Sonnenschein täglich mit Kaffee zum Frühstück isst, kann es gewiss nicht besonders nachvollziehen, was es heißt seelisch in ein tiefes Loch zu fallen. Das Leben kann sich plötzlich durch ein Unglück, Kummer, schlimme Ereignisse, Traumata drastisch verändern.

Aber darüber sprechen, eben genau, wie es Thomas Melle in seinem Buch macht, ist so wahnsinnig wichtig für ein besseres Verständnis und die Empathie nicht falsch darüber zu urteilen.

Es ist bereits Wochen her, als ich in einer Lesung mit Thomas Melle sitze. Allein das Thema packt mich. Ich muss einmal den Autor sehen, dem ich so dankbar für diese Zeilen bin, obwohl ich kein Bi-polare Störung habe. Die Lesung ist sehr gut besucht und Thomas Melle sichtlich aufgeregt, aber er liest hervorragend und das anschließende Gespräch macht deutlich, was es heißt „Achterbahn“ zu fahren, wie auch Melle es in seinen Schilderungen der Krankheit beschreibt.

Thomas Melle schreibt in seinem Buch über seine bipolare Störung (auch manisch-depressiv genannt). Schon zu Beginn des Buches fühle ich, wie ehrlich und realistisch das Buch ist. Manisch-depressiv bin ich nicht. Aber den Abgrund zwei schwerer Depressionen, kenne ich. Es ist auf der Welt zu sein, aber gleichzeitig in einer Hölle aus einem immer abwärts fahrenden Fahrstuhl und keine Macht zu haben den Knopf nach oben zu drücken. Wenn die Seele schreit, ist das Leben, dem Tod sehr nah. Der Weg hinaus dauert Jahre und immer bleibt eine Spur zurück. Eine gewisse Melancholie; Vorsicht und Angst all das könnte mit der ganzen Wucht einer Depression wieder genommen werden. All das verändert. Auch dies beschreibt Melle in seinem Buch kurz und erzählt es bei der Lesung. Ein seelisches Tief und eben kein normaler Liebeskummer macht demütig, nachdenklich, wesentlich empathischer.

Unvergesslich-Der erste Satz des Buches ist der Beginn einer kompletten Leseabends-und Nacht bei mir.

Ich möchte Ihnen von einem Verlust berichten. Es geht um meine Bibliothek. Ich habe diese nicht mehr. Es gibt diese Bibliothek nicht mehr. Ich habe sie verloren.“

Nur kleine Sätze und doch machen sie den Schmerz, das Fallen, den Verlust spürbar. Melle sammelte Bücher, hatte eine gute Musiksammlung. Doch die Bibliothek fiel der manischen Phase zum Opfer und in der Depression fehlte sie Melle dann. Es ist ein auf und ab. Doch gesamt mehr ab. Eine Achterbahn, die niemand stoppen kann.

Der graue Himmel spiegelte sich matt im Lack. Im Kopf war glühender Matsch.“ S.23

Auf den folgenden Seiten beschreibt Thomas Melle genau, wie es ist, wenn die Seele schreit. Alles ist anders. Selbst die Freunde, die immer gleich sind, wirken plötzlich anders. Vertraute, aber doch so fremd. Das Gefühl unter Menschen zu sein und doch ganz allein. Die ganze Welt ändert sich.

Die ganze Welt ist plötzlich anders strukturiert als bisher angenommen. Die Prinzipien und Gesetze sind noch nicht durchschaut, aber schmerzlich spürbar.“ S.24

Ab dieser Seite nimmt uns Thomas Melle auf eine Reise mit, die nicht wie die Üblichen ist. Keine tolle Landschaft und kein Lachen auf bunten Wiesen. Keine unglaubhaften immer glücklichen Menschen. Das Buch lesen, heißt tiefer und weit über den Tellerrand einer menschlichen Seele zu blicken. So viel tiefer in einen Gemütszustand, der in eine kreative Hysterie fällt und dann in Dunkelheit ertrinkt, sich aber immer nach dem Licht sehnt und dahin kämpft.

Es ist schwer zu lesen, wie Melle sich verliert und den Boden noch dazu. Alles in seinem Leben läuft in dieser Zeit geplant ab, Wie ein Roboter auf dem Fließband. Melle schreibt weiter und entwickelt dabei schon eine Euphorie. Hysterisch will er seine Zeilen schreiben. In der manischen Phase entwickeln Betroffene eine unglaubliche Kraft für bestimmte Dinge, sind kreativ. Doch dies in einem erhöhten Maß. Dies ist für Mitmenschen schwierig. Trotz seines Schattens geht Melle weiter seinen Weg. Selbst als es seelisch immer schlechter wird. Er sitzt vorm TV, geht raus, geht auf Partys. Bier ist ein guter Begleiter für ihn. Alles beginnt mit Gefühlen, die wir alle haben nur all dies mal 10 oder 25 fach stärker. Es ist nicht intensiv, sondern unerträglich und damit schmerzlich. Es ist jener Schmerz für den Melle Worte findet. Jener Zustand, der für viele ein Tabu ist und doch überall ist. Vor dem Fall kommt die Ruhe vor dem Sturm, wie es beschrieben wird. Vor sich hin vegetieren, kaum etwas tun, weil es eigentlich auch nicht geht.

Doch damit nicht genug in dem tiefen Loch kann noch eine Falltür sein und diese öffnet sich und man liegt in Krankenhauslaken auf der Psychiateie, weil nichts mehr geht. Melles Freunde bringen ihn dort hin. Automatisch, denke ich daran, wie dies war und danach, wenn die ganze Welt wieder auf einen zu fallen scheint.

Thomas Melle ist es gelungen unglaublich wortgewandt, poetisch, schonungslos über ein sehr schwieriges Thema zu schreiben. In dem Buch von Mehle wird offen über alles gesprochen. Über Hochphasen ebenso über den tiefen Fall und das Absetzen von Tabletten. All die Gedankt und Erfahrung der Erkrankung werden detailreich geschildert. 

Was körperlich nicht sichtbar ist, ist schwer nachvollziehbar. Der Körper ist ja gesund Aber dies stimmt nicht ganz. Viele Menschen sehen dies so. Doch ist es zu oberflächlich betrachtet. Wenn die Psyche erkrankt, ist alles krank. Ausnahmslos jeder Zentimeter des Körpers. Ein gebrochenes Bein schmerzt so viel weniger. Hinzu kommt, dass der Schmerzt so groß ist, dass kaum etwas anderes spürbar ist. Man fühlt sich nicht. Sogar Selbstmordgedanken können hinzukommen. Auch darüber berichtet Melle.

Mehr möchte ich zu dem Inhalt nicht sagen. Aber das dieses Buch eines der wichtigsten Bücher des Jahres ist und es jeder lesen sollte. Definitiv ist es richtig, dass dieses Buch für den deutschen Buchpreis nominiert wurde. Es ist hohe Literatur über die Psyche einen Mannes, der immer weiter-geht.

Der nicht sichtbare Schmerz ist der Größte. Ein Mensch der psychisch erkrankt ist, ist immer noch ein Mensch. Nur seine Seele hat beschlossen nicht nur den Sonnenschein aufzunehmen. Neben dem morgendlichen Kaffee liegt immer etwas Melancholie und das viele Dinge nicht leicht wegzupacken sind.

Könnte man Seelenschmerz in Pakete packen und wegschicken. Die Welt wäre eine Post. © S.H.

Jeder kann Schicksalsschläge haben und damit eine Krise erleben. Der Grat zwischen Glück und einer Krise ist ein sehr schmaler.

Am Ende der Lesung mit Thomas Melle lasse ich mir mein Buch signieren und bedanke mich bei ihm für das Buch. Er ist gerührt und ich weiter so dankbar. Wir müssen auch über das schwer Vorstellbare reden. Damit es gesellschaftlich anerkannt ist und Vorurteile keinen Raum bekommen.

 

Danke, herzlich an Thomas Melle für jedes Wort und jede Zeile.

 

Thomas Melle | Die Welt im Rücken | Berlin 26. August 2016 | Rowohlt Berlin | 352 Seiten | 19.95 €

 

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Der wichtige Blick hinter ALLES. Oberflächlichkeitsurfer-Ein Gedicht.

Ich möchte den Blog wahrlich hauptsächlich für Bücher nutzen, aber auch für Gedanken, Gedichte von mir. Die letzte Woche war sehr reich an Literatur, aber auch an Gedanken. Mir begegnen jeden Tag Menschen und ich genieße das, da ich sonst recht still bin und nur einen engen von mir sehr geschätzten Freundeskreis seit Jahren pflege. Doch blicke ich mal hinaus ist manches schön und manches nicht. Gerade in der letzten Woche merkte ich Oberflächlichkeit, die irgendwie im Alltag oder zwischen Büchern und Texten lief. Innerlich schüttelte ich mehr als zweimal meinen Kopf. Es wird nicht gefragt was war? Es werden verurteilende Worte gesagt, die unangemessen und einem Menschen nicht entsprechen. Früher habe ich noch Einspruch erhoben, wenn es Freunde oder mich traf über die Verurteilungen getätigt wurden und Erklärungen gegeben, die dann in gnadenlose Sinnlosigkeit verliefen. Heute schreibe ich und es ist tausendmal besser als verschwendete Worte. Die besten Ohren hören nicht, wenn sie nicht wollen. Ich habe gesehen, wie für viele eine aufgebaute Welt zusammenbrach. Plötzlich schrie die Seele oder eine Krankheit nahm alles fort, wie die Ebbe das Wasser. Für mich bedeuteten diese zwei Einschnitte Jahre, einen erst aufgegebenen Traum und immer noch ein nicht ganz funktionieren. Doch, egal ob in meinem Freundeskreis oder ich selbst es wurde, oft geurteilt ohne zu fragen. Wenn Schicksale, eine Krankheit wie Lupus, Krebs oder auch eine Depression, die unweigerlich dann oft hinzukommt, plötzlich wie ein scharfes Messer ins Leben einen Schnitt machen, dann gibt es die Rundumfunktion nicht mehr. Ich habe Worte gehasst wie „Ach du bist einige Tage zu Hause, da hast du es ja gut.“ Genau über diese Oberflächlichkeitssurfer, oder wie Andreas Altmann sie gern nennt „Dunkelbirnen“, die, die nicht wissen, wie es ist wirklich wieder aufzustehen. Genau über sie, habe ich ein Gedicht verfasst. Denn sie sehen nicht, obwohl sie nicht blind sind. Es mögen harte Begriffe sein, aber sie sind nicht niederschlagend gemeint, aber doch dazu da einmal gesamt! zu betrachten.

Mich rettet das Schreiben und Lesen oft, wenn ich nicht laufen kann, die Gelenke wie eingefroren sind und das ganze Immunsystem zusammenkracht. Manche rettet das Malen, das Reden. Aber vor allem das Mitdenken, tiefer Denken anderer. Mitleid will keiner nur einen kleinen Blick dahinter.

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Oberflächlichkeitssurfer

Surfen auf der kleinen Welle

Ohne Brett auf dem Wasser

Sondern vor dem Kopf

Mit innerlich geschlossen Knopf

Über dem Wasser Unten alles flach

Alles ganz seicht

Ob flach schwimmen reicht?

Ihr Wissen das Nicht-Wissen

Und doch schnell urteilen

Die Tiefe kennen sie nicht

Das gelebte Sonnenscheinkindgesicht

Wenn andere scheitern

Nicht hinterfragen

Nur perfekt funktionieren

Doch Unwissen kann nicht imponieren

Die kleine Welle

Nur seichtes Gebiet hat

Das tiefe Wasser die große Welle

Ohne eingeschränkte Zelle

Auf den großen Wellen

Schmecken wie das Meer wirklich ist

Mal sehen ist jemand seelentot oder krank

Nichts passt in einen Schubladenschrank

Für viele ein gerader Gedankenkanal

Ohne Zwischenwege

Eine Frage kommt bei Gedankentiefe heraus

Sterben Obeflächkeitssurfer jemals aus?

S.Hö 15.09.2014

Diese Zeilen widme ich zwei Herzensmenschen, die selbst kämpfen und mich doch in meiner Zeit der Krankheit lang begleiteten, es noch oft tun und denen, die auch meine wahren Freunde sind.