Jan Böttcher. Y.

Gerade fehlt mir wieder etwas die Zeit für ausführliche Rezensionen. Aber nie würde ich so ein wichtiges Buch vergessen oder gar nicht erwähnen. So viel Zeit muss einfach sein.

Jan Böttchers Buch „Y“ ist wieder einmal gelungen und bedingt ein gute Auseinandersetzung einer vorhanden ungleichen Liebe und Folgen von politischen, aber auch menschlichen Konflikten, aber auch dem Kosovokrieg.

Erzähler in dem Roman ist ein Autor aus Berlin, dessen Sohn Benji, Leka einen neuen Freund kennenlernt. Doch Leka verschwindet und es beginnt eine Suche. Der Erzähler trifft dann Lekas Vater Jacob, einen Gamedesigner. Jacob blickt schließlich zurück auf eine unglückliche Liebe.

Arjeta und Jacob sind die Protagonisten neben dem Erzähler und den Kindern Benji und Leka. Sie hatten sich aus den Augen verloren, sehen sich wieder und beginnen eine Beziehung miteinander. Arjeta bekommt ein Kind von Jacob. Doch alles wird von den Konflikten im Kosovo überschattet. Auch als der Krieg ein Ende findet, bedeutet dies für beide einen Schatten. Denn Arjetas Vater möchte zurück in den Kosovo und die Familie schließt sich an. Jacob folgt Arjeta nach Pristhina. Doch es ist anders als erwartet. Er fühlt die Fremde nahezu auch körperlich. Jan Böttcher beschreibt genau und damit nachvollziehbar, ja nachfühlbar- die Zerrissenheit, aber auch die Sehnsucht wieder zurückzukehren. Die Ehrlichkeit wandert auch nicht überall und so geraten Arjeta und Jacob in Zerrissenheit. Die Familie von Arjeta versucht ein Hotel zu führen, ist Jacob nicht zu getan und er entscheidet sich für das Gehen, hinterlässt seinen Sohn Leka, bemüht sich aber.

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Sehnsucht treibt an. Sie treibt an, wenn ihr nachgehen, um die Lücken wieder zu schließen. Wir gehen ihr nach, auch wenn es bedeutet Menschen hinter sich zu lassen.

Erst später reist Leka als Teenager illegal nach Berlin und begegnet, wie schon erwähnt Benji. Beide freunden sich an und dies führt dazu, Spuren zu suchen. Aber auch wieder dazu in den Kosovo zu reisen.

Das Buch von Jan Böttcher ist keine leichte Kost. Ich musste mich mit viel Ruhe darauf einlassen und die jeweiligen Erzählweisen, die wechseln, auf mich wirken lassen. Gelegentlich fehlt vielleicht auch ein zusätzliche Detail zu dem Kriegsgeschehen oder dem Erzähler. Ich habe auch ein wenig die poetische, so markante Sprache von Jan Böttcher vermisst. Aber es lohnt sich dennoch.

Traurig, mitreißend wird wieder einmal deutlich, welche Wunden Konflikte, Kriege, Korruptionen haben. Es entfernt Menschen, die doch so sehr lieben voneinander und bringt das Innere aus dem Gleichgewicht.

Vielleicht vermag die Geschichte etwas undurchsichtig für einige Leser und Leserinnen sein. Vielleicht ist mir auch einiges entgangen. Aber auch hier, wie gesagt, braucht es Zeit sich einzulassen und die wahre Tiefe steckt oft in der Interpretation, unseren nachfolgenden Gedanken und natürlich zwischen den Zeilen.  

Viel ist in Vergessenheit geraten. Der Kosovokrieg scheint der Vergangenheit anzugehören. Vergessen, wie Slobodan Milosevic handelte. Es wirkt als wäre vergessen, das er anfing KZ´s zu bauen und den Vertrag von Rambouillet (Friedensvertrag zwischen der Bundesrepublik Jugoslawien und den Führenden der Kosovo-Albaner) nicht unterzeichnete. Die NATO wollte die serbische Armee, die unter Milosevic stand zum Rückzug aus dem Kosovo bringen und weitere Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhindern. Viele Menschen flohen zu Zeiten des Krieges, aber fast eine Million kehrte wieder zurück. Auch mit diesem Hintergrund ist das Buch zu lesen und fügt sich damit passend in das Thema. 

Jan Böttcher hat damit weitere Literatur geschaffen, die stets notwendig ist. Wir dürfen nicht vergessen-Auch den Kosovokrieg nicht. 

Das Buch ist nun geschlossen.

Y-Ein Buchstabe mehr nicht. You, dachte ich zuerst. Nun schaue ich noch einmal auf das Cover, weiß mehr. Y steht eher für ein Computerspiel und ein Level, welches einen recht großen Raum in dem Roman hat und Geld einbringt, wenn auch nicht immer fair.

Liebe hinterlässt Spuren, wie jeder Konflikt auch. Nur alles muss gegenseitig sein und auch in einem anderem Land bestehen. Liebe kann niemand für Geld eintauschen.

 

Ein sehr guter, empfehlenswerter Roman, der erst nach genauen Blicken, nach fliegenden Gedanken seine völlige Tiefe und Bedeutung entfaltet. Kein Krieg sollte vergessen werden. Jeder Krieg hinterlässt Spuren. Gut, dass Bücher diese einfangen, gar festhalten können.

Danke Jan Böttcher.

Jan Böttcher | Y | Aufbau Verlag | 12. Februar 2016 | 255 S. |  19,95 € | ISBN: 978-3351036409