Antoine Leiris. Meinen Hass bekommt ihr nicht.

Mein Buch des Jahres 2016.

Es war ein ganz normaler Abend für Antoine Leiris am 13. November. 2015. Er brachte seinen Sohn ins Bett und las dann. Erst spät unterbrachen ihn kurze SMS. „Alles in Ordnung“…“Seid Ihr in Sicherheit?“

Es war der Moment in dem Antoine Leiris geschockt war, sich erst einmal vergewisserte, dass sie, seine große Liebe wirklich auf dem Konzert war.

Ich höre nur mein Herz, das aus meiner Brust auszubrechen versucht. Die Wörter hallen im Kopf nach wie ein nie enden wollendes Echo. Eine Sekunde, lang wie ein Jahr. Ein Jahr der Stille, da auf meinem Sofa“

Es folgen zahlreiche Anrufe doch Helené seine Frau erreichen diese Anrufe nicht mehr. Die Geschwister kommen und Worte fehlen. Sie, seine Frau ist dort in Bactaclan.

Das Fenster zur Welt ist geschlossen. Und macht Platz für die Wirklichkeit. „

Vor über einem jahr am 13. November 2015 ergriff Paris abermals der Terror. Im Konzertsaal Le Bataclan fielen zahlreiche Schüsse. Bei diesen Anschlägen verlor Antoine Leiris seine Frau und die Mutter ihres gemeinsamen Sohnes Melvil. Sie wurde im Konzertsaal mit 89 weiteren Menschen erschossen. 3 Tage suchte Antoine Leiris nach seiner Frau und gibt die Hoffnung nicht auf. Doch dann kommt der Anruf. Sie ist tot. Ab diesem Moment scheint die Welt zu zerbrechen und Antoine mit.

Mit Vorsicht bringt er seinem Sohn bei, dass seine Mutter nicht zurückkehren kann. Nie wieder. Und da gibt es diese eine Geschichte mit dem Marienkäfer, der verhext wird. Dann hässlich und böse wird. Genau diese Seiten überblätterte Helené in dem Kinderbuch aber und las nur das wundervolle Ende vor. Das Ende in dem der Marienkäfer zu seiner Mutter zurückfliegt und diese so glücklich ist. Doch dies geschieht nicht mehr. Der Tod nahm das gute Ende einer Familiengeschichte. Nur Fotos bleiben und das Eine, so Besondere hängt ab diesem Tag neben einer herausgerissenen Seite des Kinderbuches mit dem Marienkäfer.

Als Melvil und Antoine Leiris trauern, läuft ein Lied. Ein Lied aus der Musikliste, die Helené für ihren Sohn zusammenstellte. Bourvil-Berceuse á Frédéric. Es ist so wunderschön und doch so traurig.

Eine Welt bricht für die kleine Familie zusammen. Alle Pläne waren anders und nun gibt es Gänge zum Bestattungsinstitut. Alles geschieht zu zweit anstatt zu dritt. 

Die Bilder und Videos sind heute noch ganz klar in unseren Erinnerungen. Die Welt schien abermals kurz anzuhalten. Anzuhalten sogar für uns, die nicht so nah dran waren.

Ich habe einen engen Freund in Paris und sofort kam die Angst um ihn hoch. Ich rief ihn an, sendete Mails. Er meldete sich schnell. Was für eine Erleichterung.

Wir redeten und für einen Moment kam die Frage WARUM? Warum tun sie das? Terroristen und IS-Anhänger wollen Angst verbreiten und jegliche Genüsse der westlichen Welt, wie sie sagen, unterbinden. Keine Feiern, keine Musik. Es ist der Wunsch nach Finsternis, trist. Der graue Nebel über einer Landschaft ist viel schöner, aber auch das wäre zuviel. Es geht um um eine Ideologie, die alle haben sollen. Wer dies nicht hat, wird ein Opfer sein. Sätze, die häufig von IS-Anhänger fallen. Erschreckend und die Taten grausam. Aber ist Wut richtig oder doch der eingeschaltete Verstand, wie von Antoine Leiris? Ich denke eindeutig der eingeschaltete Verstand. Sicher nicht immer einfach, aber doch so wichtig.

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Wir dürfen nicht auch noch hassen, wenn es andere Menschen schon so zahlreich tun. 

Antoine Leiris schrieb einen Brief bei Facebook. Die Worte darin bewegten so sehr. „Meinen Hass bekommt ihr nicht.“, blieb in sehr vielen Köpfen der Welt hängen. Dieser Brief ist auch im Buch und ich merke, wie meine Hände fest ein Kissen greifen. Ich presse die Lippen zusammen, will nicht weinen.

Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger misstraurisch beobachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel.

Ich weiß, dass sie jeden Tag bei uns sein wird und dass wir uns in jenem Paradies der freien Seelen wiederbegegnen weden, zu dem ihr niemals Zutritt haben werdet.

Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen der Welt.

Er ist gerade mal siebzehn Monate alt; er wird seinen Nachmittagssnack essen, dann werden wir wie jeden Tag zusammen spielen, und sein ganzes Leben lang wird dieser kleine Junge euch beleidigen, weil er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass bekommt ihr nicht. „

Das Buch ist ebenso gefühlvoll und eben nicht von der Angst einnehmend. Ich bewundere Antoine Leiris Stärke diese Worte zu finden, seine Geschichte zu erzählen. Plötzlich wurde er ein alleinerziehender Vater und seine große Liebe verlor er an Waffen, die längst weltweit verboten werden sollten.

Ich fühlte so mit ihm und auf jeder Seite wünsche ich ihm und seinen Lieben immer die Kraft aufzustehen und etwas Sonne und ein Lachen zu finden. Es war oft hart zu lesen, wie er den Alltag mit seinem Sohn meistert. Kuscheln, essen, spielen und doch geht es ihm nicht gut, der Sohn spürt dies. Innerlich zerbricht er oft. Nicht nur einmal weinte ich über den bedruckten Seiten. Aber Antoine Leiris richtet sich nach der Zeit von Melvil und jeden Tag steht er erneut auf. Menschen aus der ganzen Welt schreiben ihm, schicken Schecks, die Leiris nie einlöste und sie bekommen Einladungen zu verreisen, auch aus der ganzen Welt. Mütter aus der Krippe kochen Suppen und geben diese jeden Tag mit. Liebe Gesten, aber Melvile ist die Suppen nicht und egal wie schön alles ist, bringt es Hélene nicht zurück.

Kein Buch in diesem Jahr bewegte mich so sehr. Es macht nachdenklich und zeigt die unglaubliche Kraft eines Mannes mit seinem Sohn, die einen so wichtigen Menschen verloren, der ihre Familie komplett machte.

Antoine Leiris schreibt so ehrlich. Alles berührt und bewegt. Das Leben geht immer weiter. Selbst, wenn ein Leben endet.

Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist auch ein Buch, das zeigt, dass keine Waffen auf der Welt, benötigt werden, sondern die einzigen Waffen Worte sein sollten. Sie können Kriege und Terror besiegen. Wut und Hass braucht es auch nicht. Es ist den Menschen leider nur noch nicht bewusst.

 

Antoine Leiris | Meinen Hass bekommt ihr nicht | 2016 Blanvalet /Verlagsgruppe Random House GmbH | München | ISBN: 978-3-7645-0602-5 | 12 €