Norbert Kron. Ein Zuhause in der Fremde. Was wir in Deutschland von der besten Schule für Einwandererer lernen können.

Ich glaube nicht, dass Diskriminierung und Ausgrenzung die richtige Antwort sind. Denn wenn man das Licht ausmacht, sind alle schwarz. Johnson Blay S.218

Norbert Kron schrieb mit „Ein Zuhause in der Fremde“ ein Buch, dass von der Bialik-Rogozin-Schule in Tel Aviv und der Unesco-Schule in Essen handelt. Beide sind Partnerschulen und besuchten sich gegenseitig. Als die Unesco Schule in Tel Aviv ist, gibt es ein buntes Treiben und bemalte Gesichter. Aber schnell ist beiden Schulen bzw. den Schülern klar, dass sie gar nicht unterschiedlich sind. Sie freunden sich an. Alle haben ein ähnliches Schicksal. All das verbindet, schweißt zusammen. Alle sind wie Geschwister.

Norbert Kron reiste nicht nur einfach mit. Er ist mittendrin und schon zu Beginn des Buches hinterfragt er. Bedeutet Integration Assimilation? Müssen Einwanderer die Indentität des Landes annehmen oder zeichnet sich eine offene Gesellschaft gerade durch ihr multikulturelles Klima aus? Genau, das packt mich. Norbert Kron schreibt nicht einfach etwas nieder. Er ist eines der recht wenigen Autoren, die genau hinterfragen, hinsehen, nachdenken. Etwas, das ich sehr schätze, da die Oberflächlichkeit vielen Menschen leider meist mehr liegt.

Ein Gedankensprung. Ich bin in der Fremde oft mehr Zuhause als in Berlin. Aber ich genieße Urlaub, arbeite etwas, schaue mir das wahre Leben der Länder an. Nie musste ich fliehen. Das Buch begleitete mich in Deutschland, in England , Östereich und Frankreich. Nun liegt es vor mir. Ich las es mehrmals. Über Paris dämmert es gerade. Ich schaue über die Stadt, die so vielfältig ist. Viele Menschen und unterschiedliche Nationen. Die Besitzer meines Lieblingscafé`s kommen aus Israel. Sie verloren Menschen bei dem Anschlag am 13. November 2015. Die Nachbarn kommen aus Afrika. Schräg gegenüber lebt ein Professor aus Italien, der jeden Tag zur gleichen Zeit mit seinem Hund aus dem Fenster sieht und Zeitung liest. Es ist so herrlich bunt. Genau das gibt mir Heimat. All diese Menschen haben eine Geschichte. Wir alle haben das. Nur oft hören wir uns andere Geschichten nicht an. Wir schauen auf die Welt, reisen selbstverständlich in ferne Länder. Das Wort Flucht und Integration lesen wir meistens nur. Aber deren genaue Bedeutung haben wir am eigenen Leib nicht erfahren. Es geht nur durch Geschichten. Wie schaffen wir ein Zuhause für Menschen, die fliehen mussten? Oft stelle ich mir die Frage. Wenn ich weiterdenke, denke ich, dass wir uns alle diese Fragen stellen und uns Geschichten erzählen lassen sollten.

Norbert Kron hat sich viele Geschichten erzählen lassen und sie festgehalten. Da ist zuerst die von Eli Nechama, der Schauspieler war und nun Schulleiter der Bialik-Rogozin-Schule in Tel Aviv ist. Er tut dies voller Leidenschaft und ganzem Herzen. Als Schulleiter ist er beliebt. Vor dem Beginn des Unterrichts wird er umarmt, zahlreich schüttelt man ihm die Hände. Alle lachen. Etwas, das in Deutschland nicht geschieht. Der Schulleiter ist meist in seinem Büro hinter einer Tür, die nur ungern geöffnet wird.

Berhe Gonetse geht auf die Schule, die weltweit ein Vorbild für Integration ist. Er hat eine Entführung erlebt. Norbert Kron spricht auch über die Schattenseiten. Schonungslos wird über die brachiale Gewalt beim Menschenhandel gesprochen oder über Traumata der Kinder. Aussprechen anstatt zu verschleiern. Die Wahrheit ist jedem zumutbar.

Johnson Blay ist auch ein Schüler so einer besonderen Schule. Er hat seine Familie schon vor Ewigkeiten verloren. Er weiß nicht, wo er sich so richtig Zuhause fühlen soll. Einen Pass hat er nicht. Aber er erinnert sich noch an die Schreie der Mutter als sie getötet wurde. Er ist 3 Jahre als er mit seinen älteren Brüdern Richtung Ghana flieht. Er wird während der Reisen zu einem Redner, der berührt.

Michelle Combi steht kurz vor ihrem Abitur. Sie hatte Angst um ihren Vater, der verhaftet wurde. Die Eltern, sind geschieden. Heute ist ihr davon nichts mehr anzumerken.

Es gibt noch weitere Geschichten und jede zeigt, dass Menschlichkeit zu Zufriedenheit oder etwas Glück führen kann.

In der Bialik-Rogozin-Schule ist alles anders. Die Lehrer7innen werden zu Freunden und haben Spaß an der Arbeit, setzen sich ein. Die Hauptfächer werden zur Nebensache . Kunst, Musik, das Reden, das gemeinsame Lachen, schaffen mehr Verbundenheit. Mehr Verbundenheit in der es egal ist, welche Hautfarbe oder Nationalität jemand hat. Ein Schule kann eben mehr sein als nur stupider Unterricht.

Noch ein Gedankensprung. Zeit ist vergangen und endlich bin ich einmal in Tel Aviv. Ich spüre, wie in dem Buch Herzlichkeit. Herzlichkeit und man fühlt sich so willkommen. Etwas das in Berlin, Deutschland oft fehlt. Ein schönes Land. Mir kommt es hier offener und freier vor als in Berlin. Mich wundert es nicht, dass die beste Schule für Integration in Tel Aviv ist. Mein Apartment ist mit Blick auf das Meer. Wenn ich runter gehe, sind es nur wenige Meter zum Strand. Uns/mir fehlt es an nichts. Für mich nicht selbstverständlich. Denn ich weiß, dass die Welt auch hier in Israel Schatten hat. Auch diese Reise ist nicht nur dazu da, um zu tanzen, tauchen zu gehen, Urlaub zu machen. Ich will auch durch das Buch alles sehen. Nicht nur die heile Welt. Die heile Welt- Schon gegen Morgen sammeln sich Champagnerschlürfer am Strand vor dem Hotel auf den Sitzgelegenheiten. Sie trinken, obwohl es widerlich schmeckt. Die Champagnerschlürfer lassen den Champagner die Kehle runter laufen ohne vor Scham zu erbrechen. Sie bewegen sich nicht viel raus. Die Wahrheit wollen sie nicht sehen. Eine Flasche Champagner bzw. das Geld dafür würde ein armes Kind und seine Familie länger helfen. Für mich ist das in Wolken leben, obwohl der Boden da ist. Leben und Tel Aviv ist viel mehr als das.

Reichtum muss man nicht zeigen, sondern damit Gutes tun. Eines meiner Grundsätze. Tel Aviv ist wundervoll. Aber es gibt wie überall Schattenseiten. In Tel Aviv-Jaffa leben Menschen auf der Straße. Auch in dem Buch „Ein Zuhause in der Fremde von Norbert Kron wird dies geschildert. Die Armut ist wesentlich höher als in Deutschland. Diese Menschen leben am Rand. Jeder Fünfte ist arm. Viele Menschen liegen irgendwo, betteln. Schon in Flüchtlingsheimen in Berlin sieht man das Leid der Menschen. Flüchtlinge haben es in Israel sehr schwer und leben meist noch viel unwürdiger als hier. Umso wichtiger ist eine Schule wie die von Eli Nechama, die alle gleich und menschenwürdig und achtsam behandelt. Die Anzahl der Kinder, die in Israel Not erleiden, liegt bei 32 Prozent. Israel gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Kinder haben wenig und ihre Blicke sind traurig, obwohl sie lachen. Ich sehe in Israel Kinder, die nichts haben. Sie tragen Fetzen. Man kann manche Behausungen nicht einmal als Hütte bezeichnen. Manche Gebäude sind zwar Häuser, aber sie sind zerfallen. Kinder spielen mit einer alten Dose Fussball. Der Sand ist trocken und manche Lippen, sind aufgesprungen. Hier genau hier ist das echte Leben. Sie lachen trotzdem und sind fröhlich. Für sie ist die Armut selbstverständlich, sie sind mit wenig zufrieden, während für andere Menschen (nicht alle) das Leben in Reichtum selbstverständlich ist und sie nie genug bekommen. Absolut konträr. 

Ich stelle mir die Frage, ob diese spielenden Kinder jemals zur Schule gehen und bin daher noch mehr erleichtert, dass es Menschen, wie Eli Nechama gibt, die diesen Kindern etwas geben, was jeder benötigt. Die Schule wird ein Zuhause und schafft Sicherheit. Sicherheit, die sie draußen, in Armut mit einem wackelnden Dach nicht haben. Die Schule ist ein Ausgleich, wird zu einer Familie, die gewiss zahlreiche Kinder und Erwachsene durchatmen lässt. 1300 Schüler besuchen die Bialik-Rogozin-Schule. Um 7.30 Uhr wird sie geöffnet und bis 19.30 Uhr dürfen die Kinder bleiben, erhalten etwas zu essen. Eli Nechama und die Lehrer/innen der Schule, sind Held/innen. Ich habe das Glück Eli Nechama bei einer Veranstaltung zu sehen. Er erzählt und erzählt und irgendwie möchte man nicht, dass er aufhört. Er ist ein Geschichtenerzähler mit einem Herzen, das randvoll mit Wärme ist. Es ist so wundervoll einmal den Autor mit seinem Protagonisten zu sehen. Norbert Kron und Eli Nechama auch hier

Ich bin jede Nacht so erschöpft, dass ich in Ruhestand gehen will, und verliebe mich jeden Morgen von Neuem in die Schule. S.41

Es geht darum >>aufgeschlossen zu sein und sich anständig zu verhalten. Mit einem Wort: Es geht darum, ein Mensch zu sein. Das ist ein Wort, das wir zuhause immer gehört haben: Sei ein Mensch! Es spielt keine Rolle, was Du bist oder tust : Hab Würde und Respekt! Sei höflich und denk nicht immer an dich selbst, Te hié ben´adam: Sei ein Mensch. Eli Nechama S.44

Trotz diverser Schicksale gibt dieses Buch Hoffnung, schafft Beruhigung, weil es Möglichkeiten gibt Menschen glücklich zu machen. Nicht nur auf den vielen Bildern in dem Buch, sondern auch durch die Zeilen, ist es als würde man Kinderlachen hören. Norbert Kron schrieb nicht nur die Ereignisse und Geschichten vieler auf. Was jede Seite noch zusätzlich besonders macht, ist das er mit einer unglaublichen Leidenschaft, Empathie, Wortkraft, Verständnis, aber auch Schonlosigkeit schreibt. Nichts ist beim Schreiben wertvoller als jene 5 Sachen.

Das Buch und die Bialik-Rogozin-Schule schaffen Hoffnung, das Vorurteile gegenüber Flüchtlinge beseitigt werden können und Integration möglich ist. Es bringt zum Nachdenken, kurz Anhalten und hoffentlich zum Umdenken vieler Menschen, die mit Hass, Worte über ihre Lippen laufen lassen. Möge das Buch sehr erfolgreich sein und durch unzählige Hände und lesendes Augen gehen und mehr Bewusstsein schaffen, das eine gemeinsame, bunte Welt gar nicht schwer ist. Wir müssen mit Herzlichkeit handeln, hinsehen, uns nur gegenseitig nur annehmen, tanzen, Musik machen, reden, gemeinsam spielen und ganz wichtig-Wir müssen gemeinsam lachen.

Das Buch „Ein Zuhause in der Fremde“ ist nicht nur ein Buch, das Geschichten von zwei Schulen und Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen erzählt, die fliehen mussten, helfen zu integrieren oder ein Zuhause für andere schaffen. Es ist auch ein Buch, dass durch die Geschichten, Ideen und das Hinterfragen von Norbert Kron eine gute Auseinandersetzung mit der Thematik Integration an Schulen und was möglich ist oder auch woanders fehlt, liefert. Dies tut er ohne anzuklagen und genau das schafft Offenheit für das Buch, denke ich. Gerade auch für Lehrer/innen. Das Buch gibt Antworten und ist vor allem eines der besten und aktuellsten Beispiele dafür, das Integration machbar ist und eben keine Assimilation bedeutet. Es kann etwas ändern und lehren. Alles ist möglich, wenn wir es mit Leidenschaft, ganzem Herzen und einem Lachen tun. Multikulturell leben, sollte längst alltäglich sein.

Am Ende des Buches gibt es 12 Thesen, die zusammenfassen, was sich an deutschen Schulen ändern muss. Eigentlich sollten sind sie logisch und sollten selbstverständlich sein. Aber leider ist dies nicht so. damit sind die Thesen so passend, so nötig und ja, sie alle sind umsetzbar. Ich finde, sie sind keine Illusion oder eine fixe Idee, sondern Antworten auf all die Fragen guter Integrationen und sollten längst zum Lehrplan in Deutschland und der Welt gehören.

Für mich persönlich ist dieses Buch pures Herzlachen mit gelegentlichen Freudensprüngen. Ich bin mit jeder Zeile mitgereist und spürte die Freude, die Warmherzigkeit, die Nachdenklichkeit. Norbert Kron schaffte ein Buch voller Menschlichkeit, Hoffnung, Verbundenheit und Möglichkeiten eines gemeinsamen Lebens, das bunt und fröhlich ist. Möge es viel bewegen. Aber am meisten spürte ich beim Lesen des Buches „Ein Zuhause in der Fremde“, dass es keine Unterschiede gibt. Wir alle können gemeinsam lachen, weinen, gemeinsam tanzen. Die Fremde kann wirklich ein Zuhause werden oder sein. Es muss dennoch viel geschehen. Aber wir müssen auch wissen: Nur wir selbst schaffen Unterschiede in einer Welt, die schon immer gemeinsam funktionierte und schon immer bunt war.

Die 12 Thesen:

1. Eine Schule für Einwandererkinder muss mehr als eine Schule sein: ein echtes Zuhause in der Fremde.

2. Jedes Kind besitzt eine individuelle Exzellenz, deren Förderung genauso wichtig ist wie der Schulabschluss.

3. Kulturelle und musische Unterrichtselemente wie Tanz, Show, Musik – aber auch Sport – helfen bei der Integration mehr als klassischer Unterricht.

4. Die Schule muss den Kindern klare Regeln vermitteln, die die Grundwerte und Verhaltensstandards der deutschen Gesellschaft widerspiegeln.

5. Alle Schüler müssen in fortgeschrittenem Alter eine Holocaust-Gedenkstätte besuchen.

6. Die Lehrer müssen Einwandererkindern eine stärkere emotionale Identifikation mit Deutschland ermöglichen.

7. Auch die Eltern sollen an den Schulen Sprach- und Wertebildungsangebote erhalten.

8. Die Lehrer sollen den Kindern die kulturellen Wurzeln ihrer Herkunftsländer vermitteln und selbst Grundkenntnisse ihrer Sprachen erwerben.

9. Ehrenamtliche Helfer und private Geldgeber müssen viel stärker in die Arbeit der Schulen mit einbezogen werden.

10. Die Heterogenität der Schülerklientel, die von Seiten der Politik garantiert werden muss, ist das A und O für Integrationsarbeit.

11. Schulen sollen sich mit den Leistungen ihrer Einwandererkinder viel selbstbewusster in der Öffentlichkeit zeigen.

12. Hinter allem steht das Prinzip: „Sei ein Mensch. Ein Mensch zu sein ist wichtiger als Mathematik.“ (Eli Nechama)

 

Norbert Kron | Ein Zuhause in der Fremde | Was wir in Deutschland von der besten Schule für Einwanderer lernen können | Gütersloher Verlagshaus | 27.03.2017 | ISBN: 978-3-579-08673-6 | 19.99 €

Advertisements

Friedemann Karig.Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie.

Eine Beziehung nach der gesellschaftlichen Norm leben, geht für mich nicht. Doch Vorsicht viele sagen, sie sind offen, wollen ausleben und ganz schnell befindet man sich in einem eheähnlichem Zustand, kein Sex, kein Ausleben, kein Begehren, Lügen, verletzten. Streit kommt noch hinzu. Das geschieht leider. Denn polyamourös leben, ist nicht so einfach. Manche handeln auch aus schlechten Erfahrungen dauerhaft negativ. So bekommt die Offenheit erst gar keine Chance. Psychologisch ein kleiner Alptraum. Doch auch hier gilt: Jede Seite macht Fehler. Schlimm, wenn eine Seite oder gar beide nicht schaffen absolut ehrlich zu sein. Aber das ist nötig. Manchmal wird dann noch gedacht man habe sich verliebt. Dabei ist es einfach vorbei. Die Gefühle sind fort. Die fehlende Ehrlichkeit und das Vertrauen töten alles und tun weh. Es ist traurig, wenn es so endet. Man hätte ja wirklich Spaß haben können. Doch so ist es nun mal. Aber alles ist möglich. Positiv denken längst winkt eine neue Affäre oder mehr und damit mehr Achtung, Respekt und vieles mehr. Aber geht das überhaupt so offen zu leben? Ja, absolut. 

Wo bleibt die Liebe wird dann häufig gefragt? Ganz einfach bei dem oder der, die Freiheit, Ehrlichkeit und Warmherzigkeit, Abwechslung, keine Kälte gibt und die/den man schon länger als nur ein paar Monate kennt. Daher liebe ich das Buch von Friedemann Karig. Es sagt genau das und noch so viel mehr. Polygamie basiert auf Vertrauen.

Dabei geht es überhaupt nicht darum durch Betten zu hüpfen, was viele leider in Vorurteilen denken, sondern sich und andere frei lassen. Manchmal gibt es dann sogar mehr Treue, Vertrauen, gute Gespräche und natürlich auch guten Sex mit dem Partner.

Ich liebe Literatur zum Thema Polyamourie. Michael Nast mit „Generation beziehungsunfähig“ war ein Sachbuchalptraum. Der Autor lästerte über andere und stellte sich selbst gut da. Zusätzlich ist das Buch, wer genau liest, verachtend gegenüber Frauen.

Ganz anders nun das Buch von Friedemann Karig. „Wie wir Leben. Vom Ende der Monogamie. Schon am Anfang eine Kurzgeschichte. Sie trifft auf ihn und sie verbringen eine heiße Nacht. Anstatt sie zu vergessen, sucht er sie. Sie bekommen ein Kind, leben aber in einer offenen Beziehung.

Die Monogamie ist ein Desaster“ S.11

Fast jede zweite Ehe wird in Deutschland geschieden. Eine durchschnittliche Beziehung dauert im Schnitt 4 Jahre. Gründe sind meistens Affären, ein monogamer Alltag, Lügen, , betrügen, verletzen, verlassen. Die Hälfte der Menschen sieht ihre sexuellen Wünsche nicht erfüllt. Die Monogamie ist also ein trauriges Spiel, dass zu viele mitspielen.

Doch was ist genau die Lösung? Darüber macht sich Karig wirklich Gedanken. „Wilde Ehe“, „Freie Liebe“, sind längst keine Begriffe und nahezu unschön, unpassend.

Freiheit ist also eine Lösung, aber auch diese hat Tücken verlangen wir uns doch sehr viel ab und unseren Partnern auch. Das Schlimme an der Freiheit ist, dass wir sie kaum so ausleben, wie wir es sollten. Und dann halte ich bei einem Satz Inne.

Vielleicht ist es also Zeit, neu darüber zu denken. „Mehr Freiheit, weniger Angst zu wagen?“ S.12

Genau das ist es. Einfach poly leben. Es wird auch Schwierigkeiten geben, wie oben beschrieben, aber es kann auch wunderbar sein. Etwas unterdrücken ist selten gut. Nichts muss immer gleich eine Definition haben. Es ist oder kann dennoch Liebe sein. Vielleicht sogar eine größere, längere, Erfülltere, Lustvollere.

Dann folgen Geschichten. Denn nichts erzählt die Wahrheit besser als das Erlebte.

Paul und Jelena treffen sich, er sucht sie und sie haben einen tollen Sommer. Doch Jelena fängt etwas mit einem Fitnesstrainer und DJ an. Beide weinen, als sie es Paul erzählt. Aber sie tun sich wieder zusammen. Genau das ist so wunderbar. Nicht das große Drama. So möchte ich leben und tue es auch gerade. Aber es geht nicht immer. Manche lügen, können nicht ausleben, was sie wollen. Das schafft Unruhe, viel Misstrauen und nimmt jegliche Leichtigkeit. Es folgen Gespräche, was man besser machen könnte. Reden und immer wieder reden. Aber ich weiß aus Erfahrung Menschen ändern sich nicht. Dennoch versuchen. Auch eine Kokosnuss muss erst mühsam aufgebrochen werde, um etwas Tolles zu bekommen. Wenn nichts geht, dann bleibt nur Beine in die Hand und weg. Vielleicht ändert sich irgendwann einmal etwas oder es war eine Erfahrung. Denn das Leben ist viel zu schön, um zu verzichten. Freiheit, Menschen, Gefühle, Sex sind nicht dazu da sie in eine zugeschlossene Schublade zu packen. Und es gibt Menschen, die können genau all das ausleben, wenn auch nur wenige.

Die Geschichten packen mich sehr. Da ist ein Paar, was ganz konservativ in einem Reihenhaus zusammenlebt und doch ab und zu etwas Besonderes mit jemand anderen auslebt. Dann gibt es in einer Geschichte Livia und Thomas, die sich lieben. Hier und da gibt es mal Knutschereien. Livia hat öfters etwas mit anderen Männer und Thomas hat die selbe Freiheit. Doch er nutzt diese nicht so. Eifersüchtig ist er nicht. Mich berührt diese Geschichte am Meisten. Denn beide sind ehrlich zueinander. Es gibt kein sich „in Gedanken das Schlimmste ausmalen“ Sie erzählen sich spätesten nach Tagen alles. Livia muss nicht alles erzählen oder nicht bis ins Detail, auch wenn es Thomas manchmal auch etwas antörnt. Er weiß, dass sie öfters zu einem Mann in die Eifel fährt (Der Wanderfreund) und sie gehen auch tatsächlich wandern. Wandern mit Bonus. Livia und Thomas bekommen ein Kind ziehen sich etwas zurück, heiraten und doch ist alles offen. Das ist Leben, das ist Freiheit ohne Angst und all das funktioniert nur mit Ehrlichkeit. Ehrlichkeit verschafft Freiheit und damit viel, viel Lockerheit. 

Egal, ob hetero-, schwul-, lesbisch-, transsexuell Polyamourie bedeutet eine moderne Liebe. Ehe und Normbeziehungen sind längst überholt. Dennoch leben und leben lassen. Aber Friedemann Karig macht mit seinem Buch deutlich, was möglich ist und es ist gar nicht so schlecht den goldenen Käfig nicht zu haben oder auszubrechen. Die gesellschaftliche Norm zu Beziehungen ist dazu da aus ihr ausbrechen.

Ich wünsche mir nach dem Lesen des Buches, dass viele Menschen es lesen. Vor allem die, die offen, polyamourös leben möchten und es doch nicht schaffen, da sie Angst haben, sich schämen. Möge es ihnen Kraft geben endlich einfach sie zu sein. Denn diese Menschen sind wundervoller als sie denken und wissen. Ich sein-macht um so Vieles glücklicher.

Es ist ein großartiges Buch, was mich bestärkt nie anders zu leben. Denn nichts ist schlimmer als ein monotoner gemeinsamer Alltag in dem das Schönste die Liebe und das Verlangen Tote sind.

Friedemann Karig | Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie | Blumenbar Verlag | ISBN: 978-3-351-05038-2 | 20 €

Norbert Kron. Paare, Paarungen

Dass ich einmal ein Hörbuch mit Überzeugung empfehlen würde, hätte ich bis vor Kurzem nicht gedacht.
Hörbücher sind für mich etwas schwierig. Es fehlt der Duft des gerade erst neu geöffneten Buches, das Rascheln der Seiten und wie die Finger gelegentlich die Ecken umspielen und den Buchrand streicheln. Hinzu kommt, dass es weniger still ist. Nebenbei Klavierklänge, andere Klassik hören, ist zu viel an Ton. Ich meide es also. Aber nun kam es einmal anders.

Norbert Kron schätze ich sehr. Und genau er brachte nun ein Hörbuch heraus, keine gedruckte Variante dazu. Seine Bücher fallen auf. Stets sind die Zeilen nahezu perfekt formuliert, nie oberflächlich, gekonnt erotisch und immer mit einer guten Portion fundiertem Wissen. Denn nichts ist schlimmer als dahin geworfene Sätze, nie in die Tiefe zu gehen, wenn doch der Grund viel mehr Schätze verbirgt, und nichts ist schlimmer als Beschreibungen und Aussagen, die sich genau betrachtet in Unwissen auflösen.

Das Cover des Hörbuches gefiel mir nicht. Dazu später etwas mehr. Aber es siegte natürlich wegen des Autors die Neugier. Ich lud das Hörbuch und stellte mir während der wenigen Sekunden vor, wie ich im Lesesessel sitze und ein neues Buch lese. Meine Freude, wieder Zeilen von Norbert Kron zu hören, war groß, aber seine neuen Zeilen zu lesen, wäre in Luftsprünge ausgegangen.

„Sag nicht, schöne Frau, du hättest immer nur deinen Mann begehrt – und du, starker Mann, willst du behaupten, du hättest dich nie nach anderen Frauen umgesehen?“

Mit dieser Frage beginnt das Hörbuch und öffnet gleich viele Türen und zahlreiche Gedanken. Fragen und Gedankenanregungen folgen. Ich dachte viel beim Hören nach und erkannte mich oft darin. Die passenden Sätze zur offenen Lebensweise.

15401332_353777781654987_97095554_n

Das Hörbuch ist in Kapitel geteilt. Kapitel, die es in sich haben. Automatisch fliegen die Gedanken, kreisen, fallen mal zu Boden oder werden anregt, stärker, und manche Gedanken werden frei. Norbert Krons Zeilen bewegen etwas. Plötzlich wird die zwischenmenschliche Verbindung betrachtet, wie viel Freiheit ist nötig, wer benötigt mehr Raum, und gibt es Rollenmuster in der Verbindung und beim Sex? Ist Fremdgehen nötig oder doch nur die Freiheit dazu?

Die eine Geschichte „Ein Seitensprung auf Sylt“ prickelt und zeigt doch die Unsicherheit beim Fremdgehen. Es ist heimlich. Die Lust da und doch etwas hemmt. Fremdgehen ist die Flucht aus dem goldenen Käfig, die Lösung, weil Worte und Ehrlichkeit und Sex im Zusammensein nicht mehr so funktionieren. Der bittere Beigeschmack liegt gleich mit der Affaire mit im Bett. So ist es bei „Ein Seitensprung auf Sylt“.
Es geht um Niels und Kristin, die nach Sylt gefahren sind, um eine schöne, lustvolle Zeit zu haben. Doch es ist schon am Anfang etwas kompliziert. Sie gehen raus und sehen ein Brautpaar. Fast schon ein Omen, wie es auch Kristin denkt. Doch sie werden später Zeugen, wie diese Hochzeit einen verzweifelten Bräutigam auf einer Treppe sitzend und eine schwerverletzte Frau am Ende zurücklässt. Dies ändert etwas.

Nicht immer funktioniert das Abschalten oder endlose Lust. Manchmal sagt das Schicksal auch etwas anderes, wenn auch Trauriges, und es wird klarer, dass eben jener Betrug nicht nötig ist und der Weg nach Hause wieder Glück hervorrufen kann. Die Geschichte ist beeindruckend und erinnerte mich an ein Buch von Norbert Kron und an einen Film. Jeder Augenblick kann eine Spur haben, die etwas in uns und damit auch unser Umfeld ändert.

Danach folgt wieder ein Kapitel mit schon fast weisen Worten, und die Gedanken, selbst der Verstand pulsieren.

Aber was ist, wenn es mehr Freiheit gibt?

Es wäre gewiss leichter. Das liebe ich an Norbert Krons Büchern. Sie sind frei, offen und nicht stereotypisch. Die Protagonistinnen und Protagonisten leben nicht nach der gesellschaftlichen Normbeziehung. Mit mehr Freiheit gibt es das Wort Fremdgehen nicht mehr. Vielleicht regt ein offener Seitensprung auch das Liebesleben wieder an. Menschen legen sich zu oft freiwillig in eheähnlichen Ketten. Das kann sehr viel nehmen, und es ist auch wichtig, sich sexuell auszuleben, sich Wünsche zu erfüllen und sie nicht immer nur in Träumen oder heimlich bei der Selbstbefriedigung oder noch schlimmer beim Akt in der Vorstellung, im Kopfkino ablaufen zu lassen, sind meine Gedanken.

Die Kapitel des Hörbuches können also auch dazu führen, dass andere sich mehr öffnen. Ein schöne Vorstellung.

Etwas später folgt „Das Rollenspiel oder eine erotische Nacht in Cannes“ Schon der Beginn ließ mich leichter atmen. Es war irgendwie anziehend. Ich lauschte so gespannt weiter, wurde schon positiv unruhig. Eine kleine Hörsucht überfiel mich. Es geht um einen Mann, der Schauspieler ist, eine Affaire mit einer Frau hat, die aber nicht seinen Vorstellungen entspricht. Dann sieht er bei einer Begehung eines besonderen Lofts eine Frau wieder, die er schon einmal sah und aus der Vergangenheit kennt. Damals lief vieles schief, und er hakte es mit dem Gedanken ab, bei ihr versagt zu haben, sie nicht befriedigt zu haben. Doch diese Frau lädt ihn ein, und er wird überrascht. Denn guter Sex existiert, wenn Phantasien ausgelebt werden. Phantasien, die über Stellungswechsel und der Lust an unterschiedlichen Orten hinaus gehen. Es kann daran sein, die Rolle aus dem Alltag abzugeben und ein Spiel zu beginnen, das einen dominanteren Part erfordert. Für manche ist dies ein Tabuthema. Aber Lust und Befriedung sind bei jedem unterschiedlich. Unterwerfung hat unfreiwillig etwas sehr Schlimmes. Freiwillig, gerade beim Sex kann es genau alles abrunden und die Lust und damit auch den Orgasmus steigern oder nur dadurch erst möglich sein die pure Erregung zu empfinden. Es gibt zu wenig gelungene Geschichten darüber. Norbert Kron schaffte es aber auch dies einzubringen.

Diese Geschichte ist definitiv das Beste, was ich an Erotik je gehört oder gelesen habe. Eine Lieblingsgeschichte. Manchen wird sie vielleicht nicht gefallen, aber jeder hat andere Vorlieben und die sollten akzeptiert und nicht negativ kritisiert werden. Außerdem kann es für einige, die dies nicht kennen, ja auch eine Anregung für Neues beim Sex sein.

Gut erotisch schreiben zu können, ist auch ein besonderes Handwerk in der Literatur. Viele schreiben abgedroschen, billig, zu pornografisch. Oft gehen Ausdruck und ausfüllende, bildhafte Beschreibungen verloren. Der Raum für die eigene Selbstphantasie fehlt oft. Aber Norbert Kron beherrscht auch dieses Handwerk. Er schreibt niveauvoll, mit schon eindrucksvollen Kenntnissen über Frauen. Nie ist es überzogen oder schmal im Inhalt.

Was Erotik betrifft… Nun, die schönste Erotik in Worten ist die, die noch nachwirkt, lächeln lässt. Norbert Kron schreibt über das Fremdgehen, die Freiheit, das Ausleben. Rollenverteilungen zwischen Mann und Frau und gleichzeitig dazu über Lust.

Es ist sehr interessant, wie Norbert Kron, die unterschiedlichen Verbindungen zwischen Mann und Frau, die Wünsche, die Liebe und das Begehren zusammenfügen kann. Ein Gefühl bleibt nicht immer gleich. Der Sex in einer Beziehung und Ehe lässt irgendwann nach. Manchmal folgt Betrug.

Alle Themen zusammen ergeben etwas Lückenloses. Eine perfekte Mischung wie ein sehr guter afrikanischer Wein und ein schöner Mann oder Frau, die fließende Worte und einen lustvollen Abend mit sich bringen. Also genial.

Einzige kleine Kritik ist das Cover. Es gibt den Inhalt des Buches nicht wieder, da es etwas zu viel ist, zu knallig, etwas einfach. Nur der Mann mit dem Hemd und der Krawatte wirkt interessant. Rote, nicht gerade gut lackierte Fingernägel und die Hand auf der Brust an der Krawatte wirkt unfrei. Nicht sexy. Die Frau hat die Zügel in der Hand. Dabei sollte es darum gehen, auf Augenhöhe zu sein, eine Gleichberechtigung. Aber in der gemeinsamen Lust kann das anders sein. Es prickelt beim Cover nicht. Dafür aber umso mehr beim Hören.

Persönlich wäre es mir lieber gewesen, wenn der Autor selbst dies eingelesen hätte. Norbert Kron hat für mich einen deutlich besseren, schönen Stimmenklang als der Sprecher. Dennoch, diese Punkte tun dem genialen Hörbuch keinen Abbruch.

Ich weiche also etwas von meiner Hörbuchphobie ab. Die Luftsprünge gab es also trotzdem. Ein Hörbuch von Norbert Kron ist eindeutig ein großer Gewinn, und ich verzichte dann und nur dann gern einmal auf klassische Hintergrundmusik von Einaudi, Brahms oder öfters auch Vivaldi.

Das Hörbuch macht nachdenklich, es regt an, kribbelt, prickelt und macht glücklich. Ich kann es nur absolut empfehlen. Ein großer literarischer, gedankentiefer und stilvoll erotischer Genuss.

Es ist ungewohnt, dies jetzt zu schreiben, aber unbedingt downloaden und anhören. 

Zum Download: Norbert Kron. Paare, Paarungen

P:S Das Schönste in der Literatur sind die Zeilen, in denen wir uns wiedererkennen. Der Autor, der etwas schreibt, das etwas von uns hat. Etwas, das ganz tief geht und wir fast ohnmächtig werden, wenn wir Seiten lesen und alles passt. Als hätte jemand unsere Erinnerungen aufgeschrieben, ohne dass wir sie je an den Autor preisgaben und doch tut es so gut, sie zu lesen. Mir geht dies mit Haruki Murakami, Edith Sitwell, Milan Kundera so… Aber ganz besonders auch mit Norbert Kron. Hier ein weiteres Buch von ihm. Der Begleiter. Ich habe es verschlungen und was liebte ich die Protagonistin Liss. Allein dafür, wie sie war.

„Frauen gehen klüger fremd als Männer“: In der Reihe „Don’t Forget, Dance“, die ich sehr empfehlen kann, stellt Norbert Kron am Sonntag, 11.12 2016., sein erstes Hörbuch „Paare, Paarungen“ vor und diskutiert mit Ute Gliewa, die Herausgeberin der erotischen Zeitschrift „Separee“und Headhunterin Katharina Wilken über „Die Wahrheit der Geschlechterrollen in Liebe und Beruf“.

„janinebeangallery“, Torstraße 154, 10115 Berlin. Beginn 19 Uhr.

Antoine Leiris. Meinen Hass bekommt ihr nicht.

Mein Buch des Jahres 2016.

Es war ein ganz normaler Abend für Antoine Leiris am 13. November. 2015. Er brachte seinen Sohn ins Bett und las dann. Erst spät unterbrachen ihn kurze SMS. „Alles in Ordnung“…“Seid Ihr in Sicherheit?“

Es war der Moment in dem Antoine Leiris geschockt war, sich erst einmal vergewisserte, dass sie, seine große Liebe wirklich auf dem Konzert war.

Ich höre nur mein Herz, das aus meiner Brust auszubrechen versucht. Die Wörter hallen im Kopf nach wie ein nie enden wollendes Echo. Eine Sekunde, lang wie ein Jahr. Ein Jahr der Stille, da auf meinem Sofa“

Es folgen zahlreiche Anrufe doch Helené seine Frau erreichen diese Anrufe nicht mehr. Die Geschwister kommen und Worte fehlen. Sie, seine Frau ist dort in Bactaclan.

Das Fenster zur Welt ist geschlossen. Und macht Platz für die Wirklichkeit. „

Vor über einem jahr am 13. November 2015 ergriff Paris abermals der Terror. Im Konzertsaal Le Bataclan fielen zahlreiche Schüsse. Bei diesen Anschlägen verlor Antoine Leiris seine Frau und die Mutter ihres gemeinsamen Sohnes Melvil. Sie wurde im Konzertsaal mit 89 weiteren Menschen erschossen. 3 Tage suchte Antoine Leiris nach seiner Frau und gibt die Hoffnung nicht auf. Doch dann kommt der Anruf. Sie ist tot. Ab diesem Moment scheint die Welt zu zerbrechen und Antoine mit.

Mit Vorsicht bringt er seinem Sohn bei, dass seine Mutter nicht zurückkehren kann. Nie wieder. Und da gibt es diese eine Geschichte mit dem Marienkäfer, der verhext wird. Dann hässlich und böse wird. Genau diese Seiten überblätterte Helené in dem Kinderbuch aber und las nur das wundervolle Ende vor. Das Ende in dem der Marienkäfer zu seiner Mutter zurückfliegt und diese so glücklich ist. Doch dies geschieht nicht mehr. Der Tod nahm das gute Ende einer Familiengeschichte. Nur Fotos bleiben und das Eine, so Besondere hängt ab diesem Tag neben einer herausgerissenen Seite des Kinderbuches mit dem Marienkäfer.

Als Melvil und Antoine Leiris trauern, läuft ein Lied. Ein Lied aus der Musikliste, die Helené für ihren Sohn zusammenstellte. Bourvil-Berceuse á Frédéric. Es ist so wunderschön und doch so traurig.

Eine Welt bricht für die kleine Familie zusammen. Alle Pläne waren anders und nun gibt es Gänge zum Bestattungsinstitut. Alles geschieht zu zweit anstatt zu dritt. 

Die Bilder und Videos sind heute noch ganz klar in unseren Erinnerungen. Die Welt schien abermals kurz anzuhalten. Anzuhalten sogar für uns, die nicht so nah dran waren.

Ich habe einen engen Freund in Paris und sofort kam die Angst um ihn hoch. Ich rief ihn an, sendete Mails. Er meldete sich schnell. Was für eine Erleichterung.

Wir redeten und für einen Moment kam die Frage WARUM? Warum tun sie das? Terroristen und IS-Anhänger wollen Angst verbreiten und jegliche Genüsse der westlichen Welt, wie sie sagen, unterbinden. Keine Feiern, keine Musik. Es ist der Wunsch nach Finsternis, trist. Der graue Nebel über einer Landschaft ist viel schöner, aber auch das wäre zuviel. Es geht um um eine Ideologie, die alle haben sollen. Wer dies nicht hat, wird ein Opfer sein. Sätze, die häufig von IS-Anhänger fallen. Erschreckend und die Taten grausam. Aber ist Wut richtig oder doch der eingeschaltete Verstand, wie von Antoine Leiris? Ich denke eindeutig der eingeschaltete Verstand. Sicher nicht immer einfach, aber doch so wichtig.

15349828_350062008693231_343247326122524215_n

Wir dürfen nicht auch noch hassen, wenn es andere Menschen schon so zahlreich tun. 

Antoine Leiris schrieb einen Brief bei Facebook. Die Worte darin bewegten so sehr. „Meinen Hass bekommt ihr nicht.“, blieb in sehr vielen Köpfen der Welt hängen. Dieser Brief ist auch im Buch und ich merke, wie meine Hände fest ein Kissen greifen. Ich presse die Lippen zusammen, will nicht weinen.

Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger misstraurisch beobachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel.

Ich weiß, dass sie jeden Tag bei uns sein wird und dass wir uns in jenem Paradies der freien Seelen wiederbegegnen weden, zu dem ihr niemals Zutritt haben werdet.

Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen der Welt.

Er ist gerade mal siebzehn Monate alt; er wird seinen Nachmittagssnack essen, dann werden wir wie jeden Tag zusammen spielen, und sein ganzes Leben lang wird dieser kleine Junge euch beleidigen, weil er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass bekommt ihr nicht. „

Das Buch ist ebenso gefühlvoll und eben nicht von der Angst einnehmend. Ich bewundere Antoine Leiris Stärke diese Worte zu finden, seine Geschichte zu erzählen. Plötzlich wurde er ein alleinerziehender Vater und seine große Liebe verlor er an Waffen, die längst weltweit verboten werden sollten.

Ich fühlte so mit ihm und auf jeder Seite wünsche ich ihm und seinen Lieben immer die Kraft aufzustehen und etwas Sonne und ein Lachen zu finden. Es war oft hart zu lesen, wie er den Alltag mit seinem Sohn meistert. Kuscheln, essen, spielen und doch geht es ihm nicht gut, der Sohn spürt dies. Innerlich zerbricht er oft. Nicht nur einmal weinte ich über den bedruckten Seiten. Aber Antoine Leiris richtet sich nach der Zeit von Melvil und jeden Tag steht er erneut auf. Menschen aus der ganzen Welt schreiben ihm, schicken Schecks, die Leiris nie einlöste und sie bekommen Einladungen zu verreisen, auch aus der ganzen Welt. Mütter aus der Krippe kochen Suppen und geben diese jeden Tag mit. Liebe Gesten, aber Melvile ist die Suppen nicht und egal wie schön alles ist, bringt es Hélene nicht zurück.

Kein Buch in diesem Jahr bewegte mich so sehr. Es macht nachdenklich und zeigt die unglaubliche Kraft eines Mannes mit seinem Sohn, die einen so wichtigen Menschen verloren, der ihre Familie komplett machte.

Antoine Leiris schreibt so ehrlich. Alles berührt und bewegt. Das Leben geht immer weiter. Selbst, wenn ein Leben endet.

Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist auch ein Buch, das zeigt, dass keine Waffen auf der Welt, benötigt werden, sondern die einzigen Waffen Worte sein sollten. Sie können Kriege und Terror besiegen. Wut und Hass braucht es auch nicht. Es ist den Menschen leider nur noch nicht bewusst.

 

Antoine Leiris | Meinen Hass bekommt ihr nicht | 2016 Blanvalet /Verlagsgruppe Random House GmbH | München | ISBN: 978-3-7645-0602-5 | 12 €

 

Thomas Melle. Die Welt im Rücken.

Das ist kein Roman“, lese ich oft, wenn es um Thomas Melles Buch geht. Unnötige Aussagen. Es ist ein Buch, deren Inhalt zählt. „Über Melle wurde schon so viel geschrieben, gerade über das Buch“, sind ebenfalls Sätze, die ich oft höre. Aber es ist wichtig darüber zu schreiben. Denn psychische Erkrankungen sind immer noch gesellschaftlich schwierige Themen. Oft abgetan und unverstanden. Wer keine Krise hatte und den Sonnenschein täglich mit Kaffee zum Frühstück isst, kann es gewiss nicht besonders nachvollziehen, was es heißt seelisch in ein tiefes Loch zu fallen. Das Leben kann sich plötzlich durch ein Unglück, Kummer, schlimme Ereignisse, Traumata drastisch verändern.

Aber darüber sprechen, eben genau, wie es Thomas Melle in seinem Buch macht, ist so wahnsinnig wichtig für ein besseres Verständnis und die Empathie nicht falsch darüber zu urteilen.

Es ist bereits Wochen her, als ich in einer Lesung mit Thomas Melle sitze. Allein das Thema packt mich. Ich muss einmal den Autor sehen, dem ich so dankbar für diese Zeilen bin, obwohl ich kein Bi-polare Störung habe. Die Lesung ist sehr gut besucht und Thomas Melle sichtlich aufgeregt, aber er liest hervorragend und das anschließende Gespräch macht deutlich, was es heißt „Achterbahn“ zu fahren, wie auch Melle es in seinen Schilderungen der Krankheit beschreibt.

Thomas Melle schreibt in seinem Buch über seine bipolare Störung (auch manisch-depressiv genannt). Schon zu Beginn des Buches fühle ich, wie ehrlich und realistisch das Buch ist. Manisch-depressiv bin ich nicht. Aber den Abgrund zwei schwerer Depressionen, kenne ich. Es ist auf der Welt zu sein, aber gleichzeitig in einer Hölle aus einem immer abwärts fahrenden Fahrstuhl und keine Macht zu haben den Knopf nach oben zu drücken. Wenn die Seele schreit, ist das Leben, dem Tod sehr nah. Der Weg hinaus dauert Jahre und immer bleibt eine Spur zurück. Eine gewisse Melancholie; Vorsicht und Angst all das könnte mit der ganzen Wucht einer Depression wieder genommen werden. All das verändert. Auch dies beschreibt Melle in seinem Buch kurz und erzählt es bei der Lesung. Ein seelisches Tief und eben kein normaler Liebeskummer macht demütig, nachdenklich, wesentlich empathischer.

Unvergesslich-Der erste Satz des Buches ist der Beginn einer kompletten Leseabends-und Nacht bei mir.

Ich möchte Ihnen von einem Verlust berichten. Es geht um meine Bibliothek. Ich habe diese nicht mehr. Es gibt diese Bibliothek nicht mehr. Ich habe sie verloren.“

Nur kleine Sätze und doch machen sie den Schmerz, das Fallen, den Verlust spürbar. Melle sammelte Bücher, hatte eine gute Musiksammlung. Doch die Bibliothek fiel der manischen Phase zum Opfer und in der Depression fehlte sie Melle dann. Es ist ein auf und ab. Doch gesamt mehr ab. Eine Achterbahn, die niemand stoppen kann.

Der graue Himmel spiegelte sich matt im Lack. Im Kopf war glühender Matsch.“ S.23

Auf den folgenden Seiten beschreibt Thomas Melle genau, wie es ist, wenn die Seele schreit. Alles ist anders. Selbst die Freunde, die immer gleich sind, wirken plötzlich anders. Vertraute, aber doch so fremd. Das Gefühl unter Menschen zu sein und doch ganz allein. Die ganze Welt ändert sich.

Die ganze Welt ist plötzlich anders strukturiert als bisher angenommen. Die Prinzipien und Gesetze sind noch nicht durchschaut, aber schmerzlich spürbar.“ S.24

Ab dieser Seite nimmt uns Thomas Melle auf eine Reise mit, die nicht wie die Üblichen ist. Keine tolle Landschaft und kein Lachen auf bunten Wiesen. Keine unglaubhaften immer glücklichen Menschen. Das Buch lesen, heißt tiefer und weit über den Tellerrand einer menschlichen Seele zu blicken. So viel tiefer in einen Gemütszustand, der in eine kreative Hysterie fällt und dann in Dunkelheit ertrinkt, sich aber immer nach dem Licht sehnt und dahin kämpft.

Es ist schwer zu lesen, wie Melle sich verliert und den Boden noch dazu. Alles in seinem Leben läuft in dieser Zeit geplant ab, Wie ein Roboter auf dem Fließband. Melle schreibt weiter und entwickelt dabei schon eine Euphorie. Hysterisch will er seine Zeilen schreiben. In der manischen Phase entwickeln Betroffene eine unglaubliche Kraft für bestimmte Dinge, sind kreativ. Doch dies in einem erhöhten Maß. Dies ist für Mitmenschen schwierig. Trotz seines Schattens geht Melle weiter seinen Weg. Selbst als es seelisch immer schlechter wird. Er sitzt vorm TV, geht raus, geht auf Partys. Bier ist ein guter Begleiter für ihn. Alles beginnt mit Gefühlen, die wir alle haben nur all dies mal 10 oder 25 fach stärker. Es ist nicht intensiv, sondern unerträglich und damit schmerzlich. Es ist jener Schmerz für den Melle Worte findet. Jener Zustand, der für viele ein Tabu ist und doch überall ist. Vor dem Fall kommt die Ruhe vor dem Sturm, wie es beschrieben wird. Vor sich hin vegetieren, kaum etwas tun, weil es eigentlich auch nicht geht.

Doch damit nicht genug in dem tiefen Loch kann noch eine Falltür sein und diese öffnet sich und man liegt in Krankenhauslaken auf der Psychiateie, weil nichts mehr geht. Melles Freunde bringen ihn dort hin. Automatisch, denke ich daran, wie dies war und danach, wenn die ganze Welt wieder auf einen zu fallen scheint.

Thomas Melle ist es gelungen unglaublich wortgewandt, poetisch, schonungslos über ein sehr schwieriges Thema zu schreiben. In dem Buch von Mehle wird offen über alles gesprochen. Über Hochphasen ebenso über den tiefen Fall und das Absetzen von Tabletten. All die Gedankt und Erfahrung der Erkrankung werden detailreich geschildert. 

Was körperlich nicht sichtbar ist, ist schwer nachvollziehbar. Der Körper ist ja gesund Aber dies stimmt nicht ganz. Viele Menschen sehen dies so. Doch ist es zu oberflächlich betrachtet. Wenn die Psyche erkrankt, ist alles krank. Ausnahmslos jeder Zentimeter des Körpers. Ein gebrochenes Bein schmerzt so viel weniger. Hinzu kommt, dass der Schmerzt so groß ist, dass kaum etwas anderes spürbar ist. Man fühlt sich nicht. Sogar Selbstmordgedanken können hinzukommen. Auch darüber berichtet Melle.

Mehr möchte ich zu dem Inhalt nicht sagen. Aber das dieses Buch eines der wichtigsten Bücher des Jahres ist und es jeder lesen sollte. Definitiv ist es richtig, dass dieses Buch für den deutschen Buchpreis nominiert wurde. Es ist hohe Literatur über die Psyche einen Mannes, der immer weiter-geht.

Der nicht sichtbare Schmerz ist der Größte. Ein Mensch der psychisch erkrankt ist, ist immer noch ein Mensch. Nur seine Seele hat beschlossen nicht nur den Sonnenschein aufzunehmen. Neben dem morgendlichen Kaffee liegt immer etwas Melancholie und das viele Dinge nicht leicht wegzupacken sind.

Könnte man Seelenschmerz in Pakete packen und wegschicken. Die Welt wäre eine Post. © S.H.

Jeder kann Schicksalsschläge haben und damit eine Krise erleben. Der Grat zwischen Glück und einer Krise ist ein sehr schmaler.

Am Ende der Lesung mit Thomas Melle lasse ich mir mein Buch signieren und bedanke mich bei ihm für das Buch. Er ist gerührt und ich weiter so dankbar. Wir müssen auch über das schwer Vorstellbare reden. Damit es gesellschaftlich anerkannt ist und Vorurteile keinen Raum bekommen.

 

Danke, herzlich an Thomas Melle für jedes Wort und jede Zeile.

 

Thomas Melle | Die Welt im Rücken | Berlin 26. August 2016 | Rowohlt Berlin | 352 Seiten | 19.95 €

 

Kurzinterview mit Pierre Jarawan.

Irgendwie beschäftigt mich das Buch von Pierre Jarawan „Am Ende blieben die Zedern“ sehr-Im positiven Sinne natürlich. Daher war es eine Herzensfreude, dass Pierre Jarawan mir ein paar Fragen beantwortete. Zuerst noch ein paar Zeilen zum Buch…

…Jede Zeile ist schon am Anfang, wie ein perfekt komponiertes Klavierstück. Die Zeilen bringen mir als Leserin einen besonderen Blick. Samir, der Protagonist und Ich-Erzähler in dem Buch sieht Pusteblumenschirmchen zu, die seine Schwester verstreut. Wie sehr ich das noch liebe, obwohl ich erwachsen bin, fegt es schnell durch meine Gedanken.

Die Eltern von Samir flohen vor seiner Geburt nach Deutschland.

Samir erzählt von dem Leben in einer Wohnung, seiner Familie und seinem Vater, der alles erklärt und genau zeigt. Schnell wird deutlich, was der Ich-Erzähler und Protagonist Samir für eine tiefe Verbundenheit zu seinem Vater hat. Jede Zeile trifft wunderbar, was es bedeutet geborgen zu sein, zeigt wie wertvoll ein Vater und die Familie ist. Der Vater erklärt viel, erzählt Geschichten. Weiter geht es hier 
13014983_226065441092889_1506148634_n

Nun zum Interview.

Gedankenlabyrintherin: Du bist sehr erfolgreich, wie ist dies für Dich? Hast Du damit gerechnet?

Pierre Jarawan: Wie erfolgreich das Buch derzeit ist, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe noch keine Verkaufszahlen. Was mich aber sehr freut, ist, wie gut das Buch bei den LeserInnen ankommt. Das ist das Wichtigste für mich. 

Gedankenlabyrintherin: Es wurde so weit ich weiß, in einigen Buchläden sehr gut verkauft, taucht in den Medien auf, wird sehr gut besprochen und ist auf Plattformen, wie LovelyBooks sehr beliebt.

Nun zur nächsten Frage.

Wie schreibst Du ein Buch (In der Nacht, am Tag, still usw.) und war es eine große Umstellung zum Poetry-Slam?

Pierre Jarawan: Ich hatte für „Am Ende bleiben die Zedern“ sehr strukturierte Arbeitsabläufe. Ich habe über mehrere Monate hinweg 8-9 Stunden am Tag daran geschrieben. Während dieser Zeit hatte ich aber immer auch einen Stift und einen Block neben dem Bett liegen, denn es gab viele Nächte in denen ich hochgeschreckt bin, weil mir eine spontane Idee kam, die ich mir sofort notieren wollte. Dem voran gingen die Recherche und das Strukturieren der Geschichte. Mir war es einfach wichtig, das Schreiben möglichst am Stück geschehen zu lassen, weil der Text für mich eine sehr spezielle Atmosphäre und Stimmung transportiert, die sich am besten erzeugen ließ, indem ich mich selbst so weit und so intensiv es ging, in diesen Text hineinbegebe. 

Gedankenlabyrintherin: Hast Du ab und zu Lampenfieber?

Pierre Jarawan: Als ich mit dem Auf-der-Bühne-stehen angefangen habe, war ich so aufgeregt, dass ich vorher nichts essen und hinterher nicht einschlafen konnte. Das wurde aber mit jedem Auftritt besser. Inzwischen (Mehr als 500 Auftritte später) bin ich nicht mehr aufgeregt, habe kein Lampenfieber mehr. Die Angst-Aufregung ist einer Vorfreude-Aufregung gewichen: Ich freue mich auf Lesungen und Auftritte, stehe gerne vor Publikum und unterhalte mich gerne mit den Gästen. 

Gedankenlabyrintherin: Dein Buch bewegt, reißt mit und gibt einen Einblick in die so herzliche Gastfreundschaft vieler Menschen. War es auch eine Intention von Dir dies zu vermitteln, da gerade aktuell vorschnell, falsch über Menschen die fliehen müssen oder mussten geurteilt wird?

Pierre Jarawan: Nein, das wäre ja irgendwie auch Kalkül gewesen, und das entspricht nicht dem, was ich für mein Schreiben möchte. Zumal ich davon ausgehe, dass die Leute, die solche Vorurteile haben, mein Buch ohnehin nicht lesen würden. Ich wollte einfach den Libanon greifbar machen, und auch wenn das Land eine sehr düstere Seite hat, über die ich ja ebenfalls schreibe, sind Aspekte wie Lebensfreude, Gastfreundschaft, etc. ein fester Bestandteil libanesischer Mentalität. Ich schreibe also darüber, weil es notwendiger Teil der Geschichte ist. 

Gedankenlabyrintherin: Wenn du eine Prozentzahl nennen könntest- Wie viel von Dir selbst steckt in der Geschichte des Romans von Dir und warum?

Pierre Jaranwan: 100 Prozent. Anders geht es nicht. Wenn ich eine authentische Geschichte, mit authentischen Figuren und einer authentisch erzählten Welt erreichen möchte, dann muss ich 100 Prozent von mir einfließen lassen. Ich muss mich in jede Figur hineinversetzen, versuchen, diese Welt mit ihren Augen zu sehen, ich muss mich mitfreuen, ich muss mitleiden. Sonst berühre ich die Leser nicht. 

Ich gehe aber davon aus, dass du eigentlich wissen möchtest, wie viel Biografisches von mir in dem Buch steckt?

Gedankenlabyrintherin: Ja, da der Roman so authentisch ist. Daher die Prozentfrage.

Pierre Jarawan: Das kann ich unmöglich in Prozent beantworten. Ich habe mit Samir, dem Ich-Erzähler, nicht viel gemeinsam. Die Parallelen sind also eher emotionaler, als biografischer Natur. Er macht die Erfahrung, dass das Libanon-Bild, mit dem er aufwächst, nur die halbe Wahrheit ist, und dass es noch eine düstere Seite dieses Landes gibt. Dies zu entdecken ist ein schmerzhafter Prozess für ihn – das habe ich ähnlich so erfahren. Das ist also die eigentliche Parallele. 

Gedankenlabyrintherin: Glaubst Du, dass es generell gut ist seinen Spuren, seinen Wurzeln zu folgen und genau dahinter zu blicken? Wenn ja, warum?

Pierre Jarawan: Ich glaube, es ist wichtig, mit sich im Reinen zu sein. Ich persönlich hatte nie einen Identitätskonflikt. Ich habe das immer so gesehen: Wenn ich in Deutschland bin, bin ich hier zu Hause. Wenn ich im Libanon bin, dann bin ich dort daheim. Ich weiß aber auch, dass das nicht allen so geht, und dass viele Menschen, die zwischen „zwei Stühlen“ stehen, sich fragen, wo sie eigentlich hingehören. Für Samir ist die Suche nach seinen Wurzeln und dem Geheimnis seines Vaters überlebenswichtig. Sich über seine Wurzeln im Klaren zu sein oder klar zu werden, das halte ich auf jeden Fall für wichtig, ja. Vor allem, wenn man selbst das Gefühl hat, hin- und hergerissen zu sein.

Gedankenlabyrintherin: Die Verbundenheit zwischen Samir und seinem Vater ist wundervoll. Wunderschön mit Erinnerungen geschildert. Werden Väter vielleicht manchmal auf öffentlichen Plattformen oder in den Medien verkannt, da es oft heißt „Nur eine Mutter kann einem Kind wahre Liebe geben“?

Pierre Jarawan: Was ist denn „wahre Liebe“? Gibt es dann auch eine „unwahre“?

Gedankenlabyrintherin: Nein. In Beschreibungen in der Öffentlichkeit kommt es nur schon vor. Aber es stimmt Liebe ist wahr. Doch eine kleine Ausnahme-es sei denn sie ist gespielt.

Pierre Jarawan: Öffentliche Diskussionen sind ja meistens zugespitzt und überzeichnet. Und natürlich ist die Rolle der Mutter eine sehr bedeutende, auch wenn wir ihre Funktion und Position in der Gesellschaft betrachten, die Schwierigkeiten, die mit dem Muttersein verbunden sind, und so weiter. Mütter stehen einfach mehr im Fokus, als Väter, darum wird über sie naturgemäß mehr gesprochen. Wenn wir über Samirs Verhältnis zu seinem Vater sprechen, müssen wir immer im Hinterkopf behalten, dass arabische Gesellschaften tendenziell patriarchalischer sind, eine Fokussierung auf den Vater, speziell vonseiten des Sohnes, also gar nicht so sehr verwundert. 

Gedankenlabyrintherin: Du bist gerade auf Lesetour und viel unterwegs. Hast Du auch auf Lesungen schlechte Erfahrungen von Rassismus gemacht oder ist es durchweg friedlich und eine sehr stimmige Atmosphäre, wie in Berlin?

Pierre Jarawan: Bisher bin ich ausnahmslos offenen und interessierten Menschen bei den Lesungen begegnet. Für viele ist der Libanon ja eine große Unbekannte, über die sie kaum etwas wissen, und ich habe den Eindruck, die Besucher freuen sich darüber, während der Lesung mehr über das Land zu erfahren. Es werden viele Fragen gestellt, was zeigt, dass es offenbar ein großes Bedürfnis gibt, Zusammenhänge, die in den Medien oft undurchschaubar erscheinen, auf einer persönlichen Ebene erklärt zu bekommen. 

Gedankenlabyrintherin: In wenigen Sätzen, welche Spuren sollte „Am Ende bleiben die Zedern“hinterlassen?

Pierre Jarawan: Als Autor ist es mein Anspruch zu unterhalten. Die LeserInnen sollen sich mit dem Roman gut unterhalten fühlen. Wenn sie hinterher aber sagen: Ich habe ein tolles Buch gelesen, bei dem ich sogar das Gefühl habe, etwas Neues gelernt zu haben, dann wäre ich ziemlich begeistert. 

Gedankenlabyrintherin: Hast Du weitere Romanideen und können wir nun nach dem großartigen Einstieg auf einen neuen Roman hoffen oder uns freuen?

Pierre Jarawan: Ja, das Romanschreiben hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich auf jeden Fall sagen kann: Da wird noch mehr kommen. Es gibt auch schon eine Idee, aber es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen.

Gedankenlabyrintherin: Wir sind schon am Ende. Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg und Schreibkraft.

Pierre Jarawan: Danke! Dir ebenfalls viel Erfolg und alles Gute!

 

Weitere Rezensionen zu dem Buch gibt es auch bei Leserleben, Kleinbrinas Bücherblog und Masuko13

Pierre Jarawan | Am Ende bleiben die Zedern | 1. März 2016 | Berlin Verlag | 22 € | ISBN: 978-3827013026

Jan Böttcher. Y.

Gerade fehlt mir wieder etwas die Zeit für ausführliche Rezensionen. Aber nie würde ich so ein wichtiges Buch vergessen oder gar nicht erwähnen. So viel Zeit muss einfach sein.

Jan Böttchers Buch „Y“ ist wieder einmal gelungen und bedingt ein gute Auseinandersetzung einer vorhanden ungleichen Liebe und Folgen von politischen, aber auch menschlichen Konflikten, aber auch dem Kosovokrieg.

Erzähler in dem Roman ist ein Autor aus Berlin, dessen Sohn Benji, Leka einen neuen Freund kennenlernt. Doch Leka verschwindet und es beginnt eine Suche. Der Erzähler trifft dann Lekas Vater Jacob, einen Gamedesigner. Jacob blickt schließlich zurück auf eine unglückliche Liebe.

Arjeta und Jacob sind die Protagonisten neben dem Erzähler und den Kindern Benji und Leka. Sie hatten sich aus den Augen verloren, sehen sich wieder und beginnen eine Beziehung miteinander. Arjeta bekommt ein Kind von Jacob. Doch alles wird von den Konflikten im Kosovo überschattet. Auch als der Krieg ein Ende findet, bedeutet dies für beide einen Schatten. Denn Arjetas Vater möchte zurück in den Kosovo und die Familie schließt sich an. Jacob folgt Arjeta nach Pristhina. Doch es ist anders als erwartet. Er fühlt die Fremde nahezu auch körperlich. Jan Böttcher beschreibt genau und damit nachvollziehbar, ja nachfühlbar- die Zerrissenheit, aber auch die Sehnsucht wieder zurückzukehren. Die Ehrlichkeit wandert auch nicht überall und so geraten Arjeta und Jacob in Zerrissenheit. Die Familie von Arjeta versucht ein Hotel zu führen, ist Jacob nicht zu getan und er entscheidet sich für das Gehen, hinterlässt seinen Sohn Leka, bemüht sich aber.

Böttcher_Y_U1.indd

Sehnsucht treibt an. Sie treibt an, wenn ihr nachgehen, um die Lücken wieder zu schließen. Wir gehen ihr nach, auch wenn es bedeutet Menschen hinter sich zu lassen.

Erst später reist Leka als Teenager illegal nach Berlin und begegnet, wie schon erwähnt Benji. Beide freunden sich an und dies führt dazu, Spuren zu suchen. Aber auch wieder dazu in den Kosovo zu reisen.

Das Buch von Jan Böttcher ist keine leichte Kost. Ich musste mich mit viel Ruhe darauf einlassen und die jeweiligen Erzählweisen, die wechseln, auf mich wirken lassen. Gelegentlich fehlt vielleicht auch ein zusätzliche Detail zu dem Kriegsgeschehen oder dem Erzähler. Ich habe auch ein wenig die poetische, so markante Sprache von Jan Böttcher vermisst. Aber es lohnt sich dennoch.

Traurig, mitreißend wird wieder einmal deutlich, welche Wunden Konflikte, Kriege, Korruptionen haben. Es entfernt Menschen, die doch so sehr lieben voneinander und bringt das Innere aus dem Gleichgewicht.

Vielleicht vermag die Geschichte etwas undurchsichtig für einige Leser und Leserinnen sein. Vielleicht ist mir auch einiges entgangen. Aber auch hier, wie gesagt, braucht es Zeit sich einzulassen und die wahre Tiefe steckt oft in der Interpretation, unseren nachfolgenden Gedanken und natürlich zwischen den Zeilen.  

Viel ist in Vergessenheit geraten. Der Kosovokrieg scheint der Vergangenheit anzugehören. Vergessen, wie Slobodan Milosevic handelte. Es wirkt als wäre vergessen, das er anfing KZ´s zu bauen und den Vertrag von Rambouillet (Friedensvertrag zwischen der Bundesrepublik Jugoslawien und den Führenden der Kosovo-Albaner) nicht unterzeichnete. Die NATO wollte die serbische Armee, die unter Milosevic stand zum Rückzug aus dem Kosovo bringen und weitere Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhindern. Viele Menschen flohen zu Zeiten des Krieges, aber fast eine Million kehrte wieder zurück. Auch mit diesem Hintergrund ist das Buch zu lesen und fügt sich damit passend in das Thema. 

Jan Böttcher hat damit weitere Literatur geschaffen, die stets notwendig ist. Wir dürfen nicht vergessen-Auch den Kosovokrieg nicht. 

Das Buch ist nun geschlossen.

Y-Ein Buchstabe mehr nicht. You, dachte ich zuerst. Nun schaue ich noch einmal auf das Cover, weiß mehr. Y steht eher für ein Computerspiel und ein Level, welches einen recht großen Raum in dem Roman hat und Geld einbringt, wenn auch nicht immer fair.

Liebe hinterlässt Spuren, wie jeder Konflikt auch. Nur alles muss gegenseitig sein und auch in einem anderem Land bestehen. Liebe kann niemand für Geld eintauschen.

 

Ein sehr guter, empfehlenswerter Roman, der erst nach genauen Blicken, nach fliegenden Gedanken seine völlige Tiefe und Bedeutung entfaltet. Kein Krieg sollte vergessen werden. Jeder Krieg hinterlässt Spuren. Gut, dass Bücher diese einfangen, gar festhalten können.

Danke Jan Böttcher.

Jan Böttcher | Y | Aufbau Verlag | 12. Februar 2016 | 255 S. |  19,95 € | ISBN: 978-3351036409